Interview mit Cheryl Hung

Women in Tech: „Frauen brauchen mehr Zugang zu informellen Netzwerken“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Cheryl Hung ist VP, Ecosystem bei der Cloud Native Computing Foundation.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Cheryl Hung

Cheryl Hung ist VP, Ecosystem bei der Cloud Native Computing Foundation, Teil der Linux Foundation und Heimat von Kubernetes und anderen weit verbreiteten Open-Source-Projekten. Sie wurde im Juli vom Director zum VP befördert.

Cheryl leitet die CNCF End User Community, die mit mehr als 140 Mitgliedsorganisationen die größte Endanwender-Community einer Open-Source-Stiftung oder eines Standardisierungsgremiums ist. Unter ihrer Leitung wuchs die CNCF End User Community um 90 % gegenüber dem Vorjahr und umfasst heute einige der bekanntesten Marken wie Apple, LinkedIn, Pinterest, Salesforce, Spotify, Twitter und viele mehr.

94 % der CNCF-Endbenutzer-Community geben an, an endbenutzerspezifischen Programmen teilzunehmen, die für die Weiterentwicklung von Open-Source-Technologien entscheidend sind, wie z. B. die Service Mesh User Group, Financial User Group, Research User Group und Telecom User Group.

Cheryl hat eine neue CNCF TechRadar-Initiative angeführt. Der TechRadar gibt Aufschluss darüber, welche Tools die Endanwender aktiv nutzen, welche sie empfehlen würden und welche Nutzungsmuster sie haben. Die Ergebnisse werden von Entwicklern zur Feinabstimmung von Technologien, von anderen Endanwendern bei der Einführung neuer Tools und von Medien/Analysten genutzt.

Cheryl ist auch eine häufige Rednerin bei Branchenveranstaltungen wie KubeCon + CloudNativeCon, Software Circus. Sie gründete auch das Cloud Native London Meetup, das mittlerweile mehr als 5.600 Mitglieder hat. Als C++-Ingenieurin arbeitete sie zuvor an Backend-Funktionen für Google Maps und hat einen Master in Informatik von der University of Cambridge, King’s College.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Schon als Teenager begann ich mich für Technik zu interessieren. Es war die Zeit, als Mitte der 2000er das schnellere Internet zu Hause aufkam. Ich fing an, winzige Websites zu bauen und mit JavaScript herumzuspielen. Als ich 14 war, las ich über ein neues, spannendes Startup namens Google und die Art der Herausforderungen, die es löste. Ich beschloss, Software-Ingenieurin bei Google zu werden.

Was meinen Weg betrifft, darüber war ich mir vollkommen klar und habe ihn zielstrebig verfolgt: Ich würde Informatik an der University of Cambridge studieren und dann als Software-Ingenieurin bei Google anfangen. Ich war sehr akademisch orientiert und in den meisten Fächern Klassenbeste – mit einem Hang zur Mathematik. Erstaunlicherweise habe ich genau das erreicht, was ich wollte: Im Alter von 21 Jahren bin ich bei Google als Software-Ingenieurin im Google Maps-Team eingestiegen.

Nach fünf Jahren bei Google entschied ich, dass ich zwar eine anständige Coderin war, aber nicht genug Spaß daran hatte, um für den Rest meiner Karriere Software-Ingenieurin zu bleiben. Es fiel mir schwer, das Ziel loszulassen, auf das ich über ein Jahrzehnt hingearbeitet hatte. Nachdem ich Google verlassen hatte, nahm ich mir ein Jahr Auszeit, um nur für mich selbst zu programmieren und meine eigenen Interessen in Hinblick auf Technologie wiederzuentdecken.

Glücklicherweise waren um 2016 herum Container und Kubernetes auf dem Vormarsch. Beides kannte ich bereits von Google. Also machte ich zwei Karriereschwenker: einen in Richtung Infrastruktur und einen weiteren in Richtung Developer Advocacy, da ich Spaß daran hatte und meine Präsentationsfähigkeiten verbessern wollte. Ich fing bei einem Startup an, gründete ein Meetup namens Cloud Native London und engagierte mich in der Open-Source-Community. Aus diesen Kontakten heraus trat ich der Cloud Native Computing Foundation bei, die Kubernetes zusammen mit vielen anderen Open-Source-Projekten als Teil der Linux Foundation hostet.

Nachdem ich Google verlassen hatte, nahm ich mir ein Jahr Auszeit, um nur für mich selbst zu programmieren.

Vorbilder und Hürden

Niemand aus meiner Familie ist in der Technik- oder Softwarebranche tätig, also verstanden sie nicht, was ich machen wollte. Zum Glück haben sie mich trotzdem unterstützt, außerdem habe ich relativ leicht Freunde in der Tech-Branche gefunden.

Obwohl ich Mentoren habe, die mir Möglichkeiten eröffnet haben und ich sie persönlich durchaus bewundere, habe ich nicht wirklich ein Vorbild.

Steine hat man mir nicht direkt in den Weg gelegt. Aber ich habe viele gut gemeinte Bemerkungen gehört („Du bist 25, du solltest an Familie und Kinder denken“) und Ignoranz erlebt („Du bist Ingenieurin? Ich dachte, du bist im Vertrieb“), die bei mir Angst und Selbstzweifel auslösten.

Ein Tag in Cheryls Leben

Ich bin Vice President Ecosystem bei der Cloud Native Computing Foundation (cncf.io). Das ist eine Non-Profit-Organisation, die über 70 Open-Source-Projekte betreut, darunter Kubernetes, Prometheus und Envoy. Ich bin verantwortlich für das strategische Wachstum, die Programme und das Engagement der CNCF-Enduser-Community, zu der über 140 Unternehmen gehören, darunter Adidas, Spotify, Mastercard und Apple.

Meine Organisation ist zu 100 % remote und ich arbeite von 11 Uhr bis 19 Uhr, um auch mit meinen US-Kollegen zusammenarbeiten zu können. Vor Covid-19 verbrachte ich ein Drittel meiner Zeit damit, zu Konferenzen zu reisen, neue Leute kennenzulernen und Vorträge zu halten. Heute leite ich ein Team: Ich plane Ziele und stelle sicher, dass wir uns auf die Arbeit mit der höchsten Priorität konzentrieren.

Am meisten bin ich stolz darauf, in einer Position zu sein, in der ich anderen Chancen und Perspektiven geben kann. Es macht mir viel Freude, dies sowohl formell (Einstellung und Management) als auch informell (z. B. über Vortragsslots bei Cloud Native London) zu verfolgen und zu beobachten, wie Menschen in ihren Fähigkeiten und ihrem Selbstbewusstsein wachsen.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Technologie ist weit weniger leistungsorientiert als viele annehmen. Menschen mit Zugang zu neuen Projekten, neuen Unternehmen, neuen Technologien geben anderen die Chance, dort mitzuarbeiten. In der Regel tun sie das gegenüber Menschen, denen sie vertrauen, d. h. sie sprechen ihre Freunde an. Und da Männer hauptsächlich andere Männer kennen, gehen diese Chancen weiterhin an andere Männer.

Am meisten bin ich stolz darauf, in einer Position zu sein, in der ich anderen Chancen und Perspektiven geben kann.

Ich glaube nicht, dass Vorbilder und formelle “Frauen in Tech”-Gruppen oder ähnliche Initiativen besonders wichtig sind. Stattdessen glaube ich, dass Frauen mehr Zugang zu informellen Netzwerken und eben Chancen in frühen Phasen brauchen. Deshalb achte ich sehr darauf, an wen ich Chancen weitergebe.

Zu den Hindernissen gehören aber z.B. auch das Hochstapler-Syndrom, Mobbing und die Annahme, dass ich zu jung oder nicht technisch bin. Das größte Hindernis ist für mich jedoch der fehlende Zugang zu informellen Netzwerken, in denen sich Chancen und Gelegenheiten bereits in einer frühen Phase ergeben und die unter vertrauten und zuverlässigen Freunden gegenseitig zugespielt werden.

Frauen in MINT-Fächern

Die Welt würde definitiv anders aussehen, wenn es mehr Frauen in den MINT-Fächern geben würde. Ein Beispiel: Die ursprünglichen Sprachassistenten (Google Home usw.) konnten männliche amerikanische und indische Akzente viel genauer erkennen, weil die Ingenieure, die an ihnen arbeiteten, hauptsächlich amerikanische und indische Männer waren. Wären die Ingenieure weiblich und britisch gewesen – wie ich –, wären sie wohl eher auf diese Akzente abgestimmt worden.

Technologie verändert das Leben der Menschen. Würden mehr Frauen in MINT arbeiten, würde sich auch die Sicht darauf verändern, welche Probleme wichtig sind und diese würden entsprechend gelöst werden. Auch die Gleichheit der finanziellen Entlohnung würde zu bedeutenden Veränderungen in der sozialen Dynamik führen.

Meiner Meinung nach greifen Debatten und Diskussionen über Frauen in der Tech-Branche nur unzureichend, wenn es um reale Veränderungen geht. Die wirkliche Veränderung kommt, wenn eine Masse von Menschen ihr Verhalten ändert. Daher bin ich eher pessimistisch, dass es während meiner Berufskarriere eine 50/50-Parität geben wird.

Würden mehr Frauen in MINT arbeiten, würde sich auch die Sicht darauf verändern, welche Probleme wichtig sind.

Es sollte auch beachtet werden, dass es nicht nur um MINT geht. Die Finanzwelt, die Medien und die Politik werden immer noch von Männern dominiert. Sie sind es, die Unternehmen finanzieren und entscheiden, welche Probleme gelöst werden.

Cheryls Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten

Tech ist frustrierend. Man muss viel ausprobieren und oft scheitern – und das jahrelang. Es ist also wichtig, dass einem der Prozess, eine Fähigkeit zu erlernen und zu beherrschen, Freude macht.

Mein Rat: Schließt viele Freundschaften. Pflegt eure Online-Präsenz. Seid mutig und fragt genau nach dem, was ihr wollt. Sobald ihr einen kleinen Erfolg verbuchen könnt, teilt ihn mit anderen!

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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