Interview mit Sarah Stemmler

Woman in Tech: „Das Arbeiten in bunten Teams macht auch viel mehr Spaß.“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Sarah Stemmler, Coach für Data Science und Freelancer auf Malt.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Sarah Stemmler

Sarah ist Coach für Data Science und Freelancer auf Malt. Mit synsugar bietet sie Schulungen für Data-Science-Teams und Projekt-Workshops an. Sie hat bereits über 4 Jahre Erfahrung als Data Scientist und hat mehrfach Kundenprojekte konzipiert und bis in den Rollout begleitet. Nebenbei ist Sarah Co-Organisatorin des Tech-Meetups League of Geeks in Passau. In ihrer Freizeit ist Sarah gerne sportlich aktiv, entweder beim Wandern in den Bergen oder beim Klettern in der Boulderhalle.

Seit interessierst Du dich für den Tech-Bereich?

Tatsächlich hatte ich schon als Kind einen Zugang zu Technik. Mein Vater hatte eine Reparaturwerkstatt für Digitalkameras und Drucker. Wahrscheinlich hatten wir früher immer die neueste Elektronik und viel Werkzeug im Keller. Mit 12 Jahren habe ich ein Handy bekommen, damals ein sehr modernes Modell von Siemens. Es hat mir optisch aber überhaupt nicht gefallen. Daher habe ich es einfach auseinander gebaut und die Tastatur und das Gehäuse mit dem eines anderen Geräts getauscht. Im Nachhinein eine ziemlich riskante Aktion. Zum Glück hat das Handy
danach noch funktioniert, ansonsten hätte ich damals bestimmt Ärger bekommen.

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Job?

Frauen neigen zu Berufen, bei denen sie vorab wissen, dass sie die gesuchten Fähigkeiten beherrschen

Nach einem traumatischen Erlebnis mit Informatik in der Schule, wollte ich mit diesem Thema nichts mehr zu tun haben. Alles rund um Naturwissenschaften hatte ich als “nicht mein Ding” abgehakt. Ich studierte im Bachelor BWL mit Schwerpunkt Sportmanagement, da ich in meiner Jugend Golf als Leistungssport betrieben habe. Mein Traum war es Golfclub-Manager zu werden. Allerdings konnte mich ein Praktikum in diesem Bereich nicht so richtig überzeugen.

Nach meinem Bachelorabschluss arbeitete ich eine Zeit lang bei meinem Vater in der Reparaturwerkstatt. Danach machte ich ein weiteres Praktikum, diesmal im Marketing beim Süßwarenhersteller Ferrero. Und so kam ich über das Marketing zum Masterstudium nach Passau. An der Uni Passau war es Pflicht zwei Kurse in Statistik zu belegen. Sportmanagement und Statistik haben nicht so viel gemeinsam und so musste ich erst einmal ziemlich pauken. Ich hatte Fächer wie Ökonometrie oder Paneldatenanalyse und lernte, mit der Programmiersprache R Daten zu analysieren. Der Anfang war definitiv nicht einfach, aber irgendwann hat es bei mir Klick gemacht und ich hatte richtig Spaß an diesen Themen.

So kam ich dann über meine Masterarbeit in Statistik an ein Praktikum bei einem IT-Dienstleister in Passau. Ziemlich schnell bekam ich Verantwortung für eigene Kundenprojekte und durfte Erfahrung in der Analyse von Unternehmensdaten sammeln. Auf diesem Weg wurde ich von der Praktikantin zur Werkstudentin und kurze Zeit später zu einer der ersten Data Scientists in der Firma. Fast 5 Jahre habe ich in der IT-Firma als Data Scientist gearbeitet. Als ich angefangen hatte, waren wir ein Startup mit rund 30 Mitarbeitern. Als ich das Unternehmen diesen Februar verlassen habe, waren es bereits 150 Leute. Dieses Entwicklung mitzuerleben, war eine große Bereicherung für mich.

Gibt es Frauen, die dich unterstützt/gefördert haben?

Es gibt eine Frau, die mir den Weg in die Data Science geebnet hat. Diese Frau ist meine ehemalige Betreuerin meiner Masterarbeit am Statistiklehrstuhl an der Uni Passau. Ihr Name ist Angelika, damals Doktorandin in Statistik. Am Anfang war der Gedanke, am Statistiklehrstuhl meine Abschlussarbeit zu schreiben, nicht komplett ernst gemeint. Ich war eine Quereinsteigerin mit wildem Lebenslauf, die auf einmal ihr Interesse für statistische Modellierung entdeckt hatte. Meine Kommilitonen hielten mich für verrückt so ein großes Risiko zum Ende meines Studiums einzugehen. Immerhin war nicht nur das Fach Statistik gefürchtet, sondern auch der Lehrstuhl für seine hohen Qualitätsansprüche bekannt. Angelika war von meiner vorsichtigen Anfrage direkt angetan und hatte gleich einige Ideen, in welche Richtung die Arbeit gehen könnte. Das hat mich inspiriert und gleichzeitig ermutigt, denn Angelika war mit ihrem Lebenslauf ein ähnlich bunter Vogel wie ich.

Am Ende absolvierte ich erfolgreich mein Masterstudium mit einer äußerst interessanten und gleichzeitig anspruchsvollen Abschlussarbeit. Angelika wurde danach meine Kollegin und ist heute eine meiner besten Freundinnen. Ich bin ihr für vieles sehr dankbar.

Hat man dir Steine in den Weg gelegt?

Das kann ich nicht behaupten. Im Gegenteil, ich hatte immer Menschen in meiner Umgebung, die meine Schritte unterstützt haben. Zum Beispiel mein erster Chef in der IT-Firma, der mir früh die Chance gegeben hat, mich im Bereich Data Science auszuprobieren. Von Anfang an habe ich sein Vertrauen gespürt und gerne die Verantwortung für Kundenprojekte übernommen. Auch meine Eltern haben mich
immer unterstützt, obwohl sie beim Thema Datenanalyse wohl nicht im Detail verstehen, was ich genau mache und wie mein Arbeitsalltag aussieht. Und nicht zuletzt die Unterstützung, die ich durch meinen Freund Sebastian jeden Tag bekomme. Er hat mich vor allem bei der Entscheidung, in die Selbstständigkeit zu gehen, tatkräftig unterstützt und steht mir immer zur Seite.

Welche Position hast du jetzt inne, bei welcher Firma?

Seit März 2020 bin ich als selbstständige Beraterin und Freelancerin im Data Science Bereich tätig. Aktuell befinde ich mich noch in einer Experimentierphase, da ich noch nicht genau weiß, was von dem, was ich anbieten kann, der Markt braucht. Außerdem mache ich einiges zum ersten Mal, wie z.B. Vertrieb, Buchhaltung bis hin zu Social Selling auf Kanälen wie LinkedIn. Mein Ziel ist es im ersten Jahr vor allem viel Erfahrung zu sammeln und aus den Erfahrungen dann ein nützliches Dienstleistungsportfolio zu entwickeln, das Unternehmen nachhaltig hilft. Die Entwicklung zur Firma mit Mitarbeitern schließe ich auch nicht aus. Wenn es sich dahin entwickeln sollte, werde ich das sicher ausprobieren.

Hast du selbst etwas entwickelt? Wenn ja, schildere uns das Projekt.

Aktuell entwickle ich gerade Workshops und Beratungsdienstleistungen im Bereich Data Science. Hierfür unterstütze ich meine Kunden an zwei Stellen beim Thema Data Science: Das eine ist die Identifikation und Konzeption von sinnvollen und umsetzbaren KI-Use Cases. Auf der anderen Seite biete ich Support beim Aufbau von Data Science Teams an. Beides sehe ich als essenziell, wenn sich
Unternehmen dem Thema Datenanalyse und künstliche Intelligenz widmen möchten. Langfristig macht es nämlich durchaus Sinn, Data-Skills im Unternehmen aufzubauen und eigenständig Projekte umsetzen zu können.

Darüber hinaus arbeite ich aktuell mit zwei anderen Data-Science-Beratern an einem Coaching-Konzept, um die Zusammenarbeit von Business- und Tech-Teams im Unternehmen zu verbessern. Mehr kann ich an dieser Stelle aber noch nicht verraten.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Die Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen lief hervorragend und jeder wurde akzeptiert und wertgeschätzt.

Diese Frage stelle ich mir immer wieder und habe noch nicht die richtige Antwort finden können. Auch in meinem Sportmanagementstudium gab es kaum Frauen und der Studiengang hatte überhaupt nichts mit Tech zu tun. Im Vergleich dazu war ich sehr überrascht, wie viele Frauen wir für unser Data-Science-Team bei meinem früheren Arbeitgeber gewinnen konnten. Wir hatten tatsächlich eine Verteilung von
50:50. Die Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen lief hervorragend und jeder wurde akzeptiert und wertgeschätzt.

Pauschal lässt sich diese Frage sowieso nicht beantworten. Ich denke jedoch, dass Frauen eher zu Berufen neigen, bei denen sie vorab wissen, dass sie die gesuchten Fähigkeiten beherrschen. Die Anforderungen, die in vielen Stellenausschreibungen für technische Berufe beschrieben sind, wirken abschreckend. Das macht ein unsicheres Gefühl. Während Männer eher dazu tendieren sich zu überschätzen, neigen Frauen viel häufiger zur Unterschätzung. Viele Frauen bewerben sich nicht auf einen Job oder einen Studienplatz, bei dem sie das Gefühl haben, den Anforderungen nicht gerecht zu werden.

Welche Klischees/Stereotypen sind Dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Frauen in Tech werden mittlerweile großartig gefördert, was bei der schwachen Quote nachvollziehbar ist. Ich glaube aber, dass sich viele erfolgreiche Frauen in technischen Berufen dadurch noch mehr unter Druck fühlen. Sie wollen ihren männlichen Kollegen beweisen, dass sie zurecht auf dieser Position sind und, dass es mehr mit ihrer Leistung als mit ihrem Geschlecht zu tun hat. Sollte mal eine Frauenquote in Tech zur Diskussion stehen, wäre ich vermutlich dagegen. Auch wenn es kurzfristig bewirken würde, dass mehr Frauen in technische Berufen kommen, wären Frauen dem Klischee unterlegen, Profiteure einer Quote zu sein. Ich denke damit löst man das Problem nicht nachhaltig.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Frauen in IT-Teams sind, wie auch in allen anderen Berufen, extrem wichtig, da mixed Teams eine bessere Balance herstellen. Frauen denken und handeln einfach etwas anders als Männer. Oftmals haben sie andere Ansätze, um mit Menschen zu kommunizieren und Probleme zu lösen. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Ein heterogenes, vielleicht sogar interdisziplinäres Team verhilft auf jeden Fall zu mehr Innovationen im Unternehmen. Und um ehrlich zu sein, macht das Arbeiten in bunten Teams auch viel mehr Spaß.

Andererseits sollten mehr Frauen in Tech, weil es auch viele Vorteile gibt. Zum einen gibt es in diesem Bereich sehr viele spannende und zukunftssichere Tätigkeiten, zum anderen sind Jobs in der IT sogar sehr gut mit Familie vereinbar. Letztendlich sind wir in der IT alles Knowledge-Worker, das wichtigste Gut steckt in unseren Köpfen. Wir brauchen in der Regel nur einen PC und schnelles Internet. Ist das gegeben, können wir unsere Arbeit von überall auf der Welt ausüben. Das ermöglicht also auch die Vereinbarkeit von Job und Familie, übrigens auch für die Männer.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Die Vermittlung von Tech-Skills wird es in Zukunft auch vermehrt in den Schulen geben müssen[…]

Ich glaube, die Debatte wird uns noch eine ganze Weile begleiten. Vermutlich müsste man das Schulsystem revolutionieren und noch deutlich mehr Einblicke in die verschiedenen Berufe ermöglichen, um die abschreckenden Stereotypen aus den Köpfen zu verjagen. Auf der anderen Seite wird es in allen Berufsgruppen, auch außerhalb der IT, noch technischer werden. Unser ganzes Leben wird schlichtweg immer technischer. Die Vermittlung von Tech-Skills wird es in Zukunft auch vermehrt in den Schulen geben müssen, da bin ich mir ziemlich sicher.

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Liebe Mädels, wenn ihr in die Tech-Branche einsteigen möchtet, dann macht es einfach. Es gibt keinen Grund, es nicht zumindest einmal zu versuchen. Wie in meiner Geschichte konnte ich zu meiner Schulzeit nichts mit Informatik anfangen. Der Unterricht hatte damals auch nichts mit der Praxis zu tun und vermittelt leider oft ein falsches Bild. Mir macht die IT-Branche jeden Tag viel Freude. Außerdem mag ich die Zusammenarbeit mit Techies, da die sich meistens nur über fachliche Themen und selten wegen menschlicher Befindlichkeiten streiten. Das finde ich sehr angenehm. Falls ihr so wie ich, als Freelancerin arbeiten möchtet und eure Arbeitszeit frei einteilen wollt, empfehle ich euch frühzeitig mit dem Aufbau starker und belastbarer Netzwerke zu beginnen. Der IT-Freelancer-Marktplatz https://www.malt.de/ ist zum Beispiel ein grandioser Marktplatz, der mich früh dabei unterstützt hat, mich zu positionieren und bei dem ich sehr schnell in Kontakt mit dem Team hinter dem Marktplatz hatte.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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