Interview mit Thomas Maas, CEO von freelancermap

Equal Pay Day 2020: „Eine freiberufliche Entwicklerin bekommt 11 Euro weniger pro Stunde als ein Entwickler“

Dominik Mohilo

© Shutterstock / Robert Kneschke

Frauen arbeiten im Vergleich mit den männlichen Kollegen drei Monate unbezahlt. Glauben Sie nicht? Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sprechen da eine ganz andere Sprache, wie Thomas Maas, CEO von freelancermap, im Interview zum Equal Pay Day mit uns erläutert. Wie es mit der Gleichberechtigung in Sachen Gehalt und dem generellen Standing der Frauen in der Tech-Branche steht, haben wir unseren Experten ebenfalls gefragt.

JAXenter: Hallo Thomas und danke, dass Du dir die Zeit genommen hast. Am heutigen 17. März ist nicht nur der St. Patrick’s Day, sondern auch der Equal Pay Day. Kannst du uns kurz erklären, worum es sich bei dem Tag handelt?

Thomas Maas: Der Equal Pay Day ist ein Aktionstag, der die Einkommenskluft zwischen Frauen und Männern thematisiert. Der sogenannte Gender Pay Gap zwischen den Geschlechtern ist immer noch sehr groß und dafür soll an diesem Aktionstag ein Bewusstsein geschaffen werden. Der Equal Pay Day findet dabei immer an dem Tag statt, bis zu dem Frauen noch ins neue Jahr hinein arbeiten müssen, um das gleiche Jahresgehalt wie ihre männlichen Kollegen aus dem Vorjahr zu erreichen. Dieses Jahr müssten also Frauen noch bis zum 17. März arbeiten, um gleich viel Geld verdient zu haben wie ihre männlichen Counterparts im Jahr 2019. Wenn man die 20 Prozent Einkommensunterschied, die laut dem Statistischen Bundesamt im Angestelltenverhältnis der Standard sind, aufs Jahr hochrechnet, arbeiten Frauen also quasi bis Mitte März unbezahlt!

JAXenter: Frauen sind in der IT-Branche noch immer unterrepräsentiert, werden sie auch in Sachen Gehalt benachteiligt?

Frauen machen nur 11 Prozent der freien ExpertInnen des IT- und Engineering-Sektors in der DACH-Region aus.

Thomas Maas: MINT-Jobs, also Stellen in der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, sind – unabhängig davon, ob jemand selbstständig oder in einem Angestelltenverhältnis arbeitet – stark gefragt und deshalb auch gut bezahlt. Frauen können hier also auch gut verdienen, sie werden aber trotzdem für die gleiche Arbeit tendenziell schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Die neue Studie von gehalt.de zeigt, dass Frauen in der „Forschung und Wissenschaft“ sogar über 21 Prozent weniger verdienen als Männer! Unsere Marktstudie „Freelancer-Kompass“ kommt zu einem ähnlichen Ergebnis, denn wir haben festgestellt: Wenn eine Freelancerin als Entwicklerin an einem Projekt mitarbeitet, werden ihr 11 Euro weniger pro Stunde gezahlt wie einem freien männlichen Entwickler.

JAXenter: Wie sieht es im Freelancing-Bereich aus: Haben Frauen es dort auch schwerer bzw. werden sie schlechter bezahlt?

Thomas Maas: Generell lässt sich sagen, dass Frauen auch im Freelancing-Bereich unterrepräsentiert sind, sie machen nur elf Prozent der freien ExpertInnen des IT- und Engineering-Sektors in der DACH-Region aus. Der Gender Pay Gap ist auch unter Selbstständigen ein Problem, er liegt bei ca. sieben Prozent. Pro Stunde verdienen Freelancerinnen rund 88 Euro, ihre männlichen Counterparts aber sieben Euro mehr. Auf den Monat hochgerechnet fällt damit das Nettogehalt der freien Expertinnen um über 1.500 Euro niedriger aus.

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JAXenter: Ist das ein generelles Problem, oder besonders im IT-Bereich?

Thomas Maas: Je nach Fachgebiet fallen die Einkommensunterschiede größer oder kleiner aus. In der Kreativbranche verdienen selbstständige Frauen sogar 60 Cent mehr als Männer. Auch im SAP-Bereich driften die Stundensätze nicht weit auseinander: Zwar werden männliche Selbstständige hier besser bezahlt, aber der Unterschied beträgt nur 40 Cent pro Stunde.

JAXenter: Welche Auswirkungen haben die unterschiedlichen Honorar- und Gehaltsniveaus im Hinblick auf die Rente?

Angehende Freelancerinnen sollten sich nicht stereotypisieren lassen, sondern mutig und selbstbewusst ihren Weg gehen.

Thomas Maas: Der Gender Pay Gap wirkt sich ganz klar auch auf die Rente aus, denn wer weniger verdient, kann auch nur weniger zurücklegen. Durchschnittlichen sparen Freelancerinnen 762 Euro pro Monat fürs Alter, frei arbeitende Männer legen noch mal 280 Euro mehr auf die hohe Kante. Wenn sie dann mal im Ruhestand sind, wird ehemals freien Expertinnen also nur 73 Prozent von dem ausbezahlt, was ihre Ex-Kollegen erhalten.

JAXenter: Was rätst du Frauen, die sich in der IT und speziell als Freelancerinnen selbstständig machen wollen?

Thomas Maas: Sie sollten sich auf keinen Fall von ihrem Wunsch oder Traum abbringen lassen! Gerade in der Anfangszeit nimmt es viel Last von den eigenen Schultern, wenn Freunde und Familie die angehende Selbstständige unterstützen. Auch sollten sich beginnende Freelancerinnen nicht stereotypisieren lassen, sondern mutig und selbstbewusst ihren Weg gehen. Wenn sie einen detaillierten Plan für die erste Zeit aufstellen, sich einen finanziellen Puffer anlegen und netzwerken, kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Am Ende zählt eigentlich nur eins: Einfach machen!

JAXenter: Danke für das Interview!

Bevor Thomas Maas 2011 als Projektleiter bei freelancermap einstieg, war er bei Immowelt unter anderem im Produktmanagement tätig. Sein beruflicher Werdegang begann mit einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Dort stellte er fest, dass er nicht nur Spaß am Verkaufen hatte, sondern vor allem daran mit Menschen zu reden und diese von seinen Ideen zu überzeugen. Seine Vorliebe für das Internet entfaltete sich dann im anschließenden Studium der Wirtschaftsinformatik an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. Da Maas schon immer im technischen Bereich tätig war und selbst als Freelancer für Firmen Webseiten baute, festigte sich bei ihm schnell der Wunsch, webbasiert zu arbeiten. Heute setzt er sich als CEO von freelancermap mit großer Leidenschaft dafür ein, dass sich auf der Plattform professionelle Freelancer, Freiberufler, Selbstständige und Unternehmen für die Arbeit an spannenden Projekten zusammenfinden können.
Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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