Kanban Basics

Der Hybrid: Scrum trifft Kanban

Der Methodenhybrid benutzt Scrum- und Kanban-Elemente, um die Vorteile beider Systeme zu nutzen und die betreffenden Limitierungen zu eliminieren. Die Kombination aus Product Backlog, Burn-Down-Chart und Kanban-Board erlaubt es, den Pull-Ansatz zusammen mit dem iterativen Element, den Sprints, anzuwenden. Die Kanban-Methodenkomponente erlaubt die Etablierung des Kanban-Streams über Teamgrenzen hinweg, sodass ein gleichmäßiger Flow realisiert wird (Abb. 5).

Abb. 5: Ein Beispiel für einen Scrum-Kanban-Hybrid

Am Eingang befindet sich das priorisierte Product Backlog. Die einzelnen Stories werden in den „ScrumBAN“ übernommen. Die Methode ist hierbei ähnlich wie im Scrum. Die erste Arbeitsstation bzw. das erste Team nimmt nun so viele Stories, bis die WIP-Grenze erreicht ist, und bearbeitet diese. Ist eine Story erledigt, so legt das Team diese Story in die Ausgangs-Queue, welche den Eingang der folgenden Arbeitsstation darstellt. Das folgende Team verfährt dann ähnlich wie das erste Team. Die Story wandert also durch die verschiedenen Arbeitsstationen aufgrund des Pull-Effektes, bis diese am Ende den „ScrumBAN“-Bereich wieder verlässt und erledigt ist. Sollte es mit einer Story Probleme geben, so verbleibt diese an der Arbeitsstation im Team, bis sie erledigt ist. In mancher Umsetzung ist auch die Option möglich, die Umsetzung der Story abzubrechen, da nicht realisierbar. Jedoch werden niemals einmal angenommene Stories an den Vorgänger zurückgegeben. Diese beiden Regeln haben folgende Gründe:

  • Die Option einzuführen, die Umsetzung von Stories abbrechen zu können, kann sinnvoll sein, da jedes Problem innerhalb des Kanban-Streams letztlich den gesamten Stream blockieren kann.
  • Die fehlende Möglichkeit, einmal angenommene Stories wieder zurückzugeben, führt in den Teams dazu, im Rahmen der Story-Annahme die bisher erbrachte Qualität genau zu prüfen. Damit finden bereits während der Realisierung der Story mehrere Prüfungen entlang der Realisierung statt und nicht erst am Ende, wenn die Story erledigt ist.

Es empfiehlt sich, in „ScrumBAN“ auch Kaizen zu berücksichtigen. Prinzipien der kontinuierlichen Verbesserungen lassen sich gut mit dem Methodenhybriden kombinieren.

Bei der Einführung des Methodenhybriden sollte man in Phasen vorgehen. Das nachfolgend beschriebene Vorgehen geht davon aus, dass ein existierendes Prozessmodell abgelöst und durch den agilen Ansatz ersetzt werden soll. Folgende Fragestellungen sollten vor dem eigentlichen Projektbeginn geklärt sein:

  • Stakeholder und Projektmanager stehen fest.
  • Aufgaben und Projektziele sollten klar und möglichst interpretationsfrei definiert sein.
  • Voranalysen mit Fokus auf Prozessthemen entlang der logistischen Kette sind hilfreich, um bereits erste Ideen für Optimierungspotenziale zu entwickeln. Ferner geben sie auch hilfreiche Informationen zur präzisen Bestimmung der Projektziele.

In der Planungs- und Konzeptionsphase werden die Meilensteine, das Messsystem und die wichtigsten Elemente des Methodenhybriden, wie z. B. das Kanban-Board, festgelegt. Diese Phase sollte in einem überschaubaren Zeitrahmen bleiben, denn sehr wahrscheinlich werden immer wieder Anpassungen notwendig werden, sodass eine Definition bis ins letzte Detail nicht sinnvoll ist. Das Regelwerk kann zu jeder Zeit im Rahmen des definierten kontinuierlichen Verbesserungsprozesses geändert werden. In dieser Phase sind Konzeptions- und Planungsaufgaben in Workshops durchzuführen und zusammen mit den beteiligten Teams das Projekt zu planen. Diese Maßnahmen fördern die Teambildung und Selbstorganisation der Teams.

Nach dem Projekt-Kick-off sollten zunächst die Teams zusammengestellt werden, die später nach „ScrumBAN“ zusammenarbeiten werden. Hierzu ist auch der Aufbau der notwendigen Infrastruktur zu realisieren. Oft sind die Teams über verschiedene Bürobereiche verteilt. Diese Aufteilung ist aber in der Regel für den Kanban-Ansatz ungünstig. Vorteilhaft für den späteren Umbau auf den neuen Prozessansatz ist die räumliche Zusammenlegung der verschiedenen Teams, da das Kanban-Board am besten zentral an der Wand dargestellt wird. Auch treffen sich die Teammitglieder täglich zum Scrum. Der beste Platz hierzu wäre der Bürobereich mit dem dargestellten Kanban-Board. Wichtig ist in dieser Phase bereits das Aufsetzen eines Messsystems mit der Definition der Messgrößen und der Messmethode zur Ermittlung der KPI-Werte.

Die Teams arbeiten zunächst die aktuellen Arbeitspakete nach den alten Verfahren ab. Über periodische Fragebögen sollten KPI-Werte abgefragt werden. Diese werden dann auf einem Dashboard verdichtet, um alle relevanten Informationen darzustellen, die eine aktuelle Bestimmung der Prozessqualität ermöglichen. Diese Daten sind auch sehr gut geeignet als Eingangsinformationen in den kontinuierlichen Verbesserungsprozess zur weiteren Optimierung in den späteren Phasen nach der Einführung des Methodenhybriden.

In dieser Phase findet der Wechsel zum neuen Ansatz statt. Ab hier werden die Arbeitspakete nach den „ScrumBAN“-Regeln abgearbeitet. Durch die periodische Ermittlung der KPI-Werte können die Prozessveränderungen mit den Resultaten bzw. den ermittelten Performancewerten aus den Projektphasen miteinander verglichen werden. Über Dashboards lassen sich die Veränderungen gut visualisieren. Bei Bedarf werden weitere Optimierungsschritte definiert und über den etablierten Verbesserungsprozess implementiert. Bei der Durchführung der Ursachenanalyse und Optimierungsschritte unterstützen die ISHIKAWA- bzw. die Kaizen-Methoden.

In der letzten Phase findet der Übergang von dem Piloten in die Produktion statt, wenn nachhaltige Verbesserungen durch die periodischen Überprüfungen der aktuellen KPI-Werte das bestätigen.

Fazit

Scrum ist ein agiles Rahmenwerk sowohl für die Softwareentwicklung als auch für das Projektmanagement, während Software-Kanban eine bessere Softwareentwicklung unterstützt ohne gleich eine unternehmensweite Revolution mit agilen Methoden zu starten. In der Kombination beider Ansätze besteht die Möglichkeit, Schritt für Schritt einen existierenden, sequenzorientierten Entwicklungsansatz (wie z. B. das V-Modell) durch einen agilen Hybriden abzulösen. Hierbei kann das Maß der Agilität auch in Stufen erhöht werden. Im nächsten Teil der Artikelserie wird anhand eines Beispiels vorgestellt wie Software-Kanban zusammen mit Scrum-Elementen angewendet werden könnte.

Torsten Zimmermann berät Großunternehmen im Rahmen international angelegter Projekte und Programme in den Themen Softwarequalität, Qualitäts-/Testmanagement, Offshore-Projektmanagement und Entwicklungsmethoden. Daneben entwickelt er neue Ansätze für leistungsfähige Prozessframeworks und Testtechnologien in Kooperation mit einem Netzwerk aus Hochschulen und Universitäten. Kontakt: http://xing.com/profile/Torsten_Zimmermann2
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