Jeder sollte programmieren können – aber nicht jeder sollte Programmierer werden!

Judith Lungstraß

Was früher nur die ausgeklügeltsten Köpfe mit Universitätshintergrund beherrschten, sollen heute schon Kinder können. So gibt es gerade in letzter Zeit immer mehr und intensivere Bestrebungen, den Kleinen das Programmieren beizubringen. An der University of California in San Diego beispielsweise wird derzeit das Spiel CodeSpells an 10-12-jährigen Mädchen ausprobiert: Es soll spielerisch Grundlagen in Java legen. Der Entwicklerkurs-Anbieter Pluralsight wiederum hat einen kostenlosen Kurs erarbeitet, mit dem Kinder die .NET-Sprache C# lernen sollen.

Doch wozu das Ganze? Ist der Bedarf an kompetenten Entwicklern etwa mittlerweile so stark gewachsen, dass man bereits im Grundschulalter mit der Ausbildung beginnen muss, um einige Jahre später dann auf ein reiches Arsenal an Fachkräften zurückgreifen zu können? Oder gehören Programmierkenntnisse inzwischen genauso zum Allgemeinwissen wie die Fähigkeit, einen grammatisch korrekten Satz zu bilden und zu wissen, wann der Zweite Weltkrieg stattgefunden hat?

Letzter Meinung ist zumindest der Software-Entwickler John Sonmez. In seinem Blogeintrag Everyone Should Learn To Program, But Not Everyone Should Be A Programmer vertritt er die Meinung, dass Programmierkenntnisse in unserer heutigen Zeit genauso wichtig sind wie Lesen, Schreiben und Grundlagen in Mathematik. Stellen wir uns eine Welt vor, in der nur Autoren, Journalisten und Werbetexter schreiben könnten, wäre diese zweifelsohne sehr eingeschränkt. Weder könnten wir unsere weiter weg lebenden Freunde per E-Mail auf dem Laufenden halten, noch auf einem Einkaufszettel notieren, was wir später im Supermarkt nicht vergessen dürfen.

Nun mögen einige vielleicht einwenden, dass Programmierkenntnisse im täglichen Leben keinesfalls genauso notwendig sind wie die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben. Das mag vielleicht wahr sein, doch könnte der Großteil der Bevölkerung programmieren, würde das tatsächlich die Welt verändern! Es wäre eine Welt voller Schnittstellen, in der jeder auf all seine Gerätschaften direkten Zugriff hat und alle Vorgänge automatisieren kann, sofern das für ihn selbst Sinn ergibt. Genauso wie Lebensmittelhersteller heute davon ausgehen, dass ihre Kunden die Auflistung der Inhaltsstoffe lesen können und sie diese nicht mit Hilfe kleiner Abbildungen optisch darstellen müssen, wären in unserer herbeifantasierten Zukunft alle Produkte darauf ausgerichtet, von programmierfähigen Käufern persönlich angepasst zu werden. Da schlägt doch das Entwickler-Herz höher!

Natürlich deckt sich die Aussage „Jeder sollte programmieren lernen“ keinesfalls mit der Aufforderung, eine Masse an potentiellen Software-Entwicklern heranzuziehen – Sonmez redet in seinem Blogartikel lediglich von Grundkenntnissen, die ein jeder verinnerlichen sollte. Alles andere wäre unrealistisch, eignet sich doch nicht jeder Mensch, so klug und gut ausgebildet er auch sein mag, für den Entwickler-Beruf. Deshalb bleiben wir lieber bei einer kompetenten Gruppe an professionellen Entwicklern und ergänzen sie durch eine große Masse an Hobby-Programmierern, die das Feld erweitern und ihm zu allgemeiner Akzeptanz verhelfen.

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Judith Lungstraß
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