Gedankenspiel: Was der Community im schlimmsten Falle drohen könnte

Java unter Oracle: ein Worst-Case-Szenario

Sebastian Meyen

Seit Monaten schon wartet die Java-Community auf eine klare Aussage von Oracle, wie es mit Java weiter gehen soll. Aber bekanntlich wissen wir alle nichts. Gewiss wird bei Oracle hinter verschlossenen Türen fieberhaft an einer Lösung gearbeitet, wie man den Erwartungen der Community gerecht werden kann – und zugleich auch den Geschäftserwartungen des eigenen Hauses.

Das Stillschweigen, nur kurz unterbrochen durch die Stilllegung des OpenSolaris-Projekts und jüngst durch die Klage gegen Google wegen Android, fordert zum Spekulieren heraus. Was wäre wenn … haben auch wir uns in der Java-Magazin- und JAXenter-Redaktion gefragt. Wie sähe das Worst-Case-Szenario aus Sicht der Community aus?

Das im Folgenden beschriebene Szenario basiert wohlgemerkt in keiner Weise auf realen Fakten oder Insider-Informationen. Es ist rein der Phantasie von uns Redakteuren entsprungen, um zu verdeutlichen, worum es bei Java in Zukunft gehen könnte.

Das Szenario:
  • Oracle beschließt, aus dem Java Community Process (JCP) ein beratendes Gremium zu machen und entzieht ihm alle exekutiven Befugnisse. Partizipation in Form von Vorschlägen ist erwünscht, Entscheidungen werden allerdings hinter verschlossenen Oracle-Türen getroffen.
  • Die Entwicklung am OpenJDK wird nach Java 7 langsam zurückgefahren; Innovation wird auf das Closed Source JDK übertragen. Die kostenfreie Verwendung des aktuellen OpenJDK ist zwar nicht in Gefahr – dafür sorgt schon die GPL-Lizenz. Allerdings werden zukünftige Java-Versionen nicht mehr der GPL unterliegen, sondern einer proprietären Oracle-Lizenz.
  • Android war nur der Anfang – Oracle zieht die Schrauben bei den Patenten und den Trademarks weiter an, sodass auch Open-Source-Projekte wie z.B. Apache Harmony nur noch unter erheblichem juristischen Beschuss und zusätzlichen Re-Implementierungsaufwänden weiterarbeiten können.
  • Zukünftige Versionen der Java Virtual Machine werden außerdem in zwei unterschiedlichen Editionen angeboten: einer Consumer-VM, die kostenlos für PCs, Smartphones, Tablets usw. zur Verfügung steht, und einer Enterprise-VM, die in zukünftigen Versionen nur noch gegen Laufzeitgebühren einsetzbar ist. Da davon auszugehen ist, dass weltweit Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen VM-Instanzen in kommerziellen Applikationen im Einsatz sind, bietet dieser Markt eine beträchtliche Einnahmequelle. Immerhin muss ja der Verlust an Java-ME-Lizenzen, die durch den Erfolg des iPhones und von Android im Mobile-Sektor hinzunehmen ist, kompensiert werden.
  • Eine Abwanderung der Fortune-5.000-Unternehmen von der Oracle-VM hin zu einer (kostenfreien) Open Source VM (wie z.B. Apache Harmony) ist unwahrscheinlich, weil niemand ein Risiko bei Maintenance und Support eingehen wird.
  • Das Community-Feedback ist für Oracle indes nicht von großer Wichtigkeit, denn mit Java verfügt das Unternehmen jetzt über eine Art Betriebssystem für das weltweite Business, das enorme Abhängigkeiten erzeugt. Oracle wird es daher gelingen, Zuverlässigkeit und Serviceverträge zu verkaufen, weil die Unternehmen gar keine andere Wahl haben.

Wir möchten abermals darauf hinweisen, dass es sich hier nicht um Tatsachenbehauptungen handelt, sondern um frei erfundene Spekulationen. Es kann auch ganz anders kommen. Das Szenario scheint allerdings schlüssig, angesichts der Tatsache, dass Oracle nicht in der Situation ist, eine Community aufbauen zu müssen – sie ist bereits vorhanden. Unternehmen neigen in der Regel dazu, Allianzen zu bilden, wenn es darum geht, für oder gegen etwas zu kämpfen.

Was Java betrifft, hat Oracle bereits alles, und es könnte sein, dass die Motivation, das vorhandene Netzwerk zu monetarisieren, bei der Abwägung der Ziele überwiegt.

Allerdings muss man zugeben, dass ein solches Szenario einer ganz erheblichen tektonischen Verschiebung in der IT-Industrie gleichkäme, bei der nicht klar wäre, wie Oracle am Ende dastünde. Denn welche Reaktionen ein solches Szenario bei der Community – bei Entwicklern, Open-Source-Projekten, vor allem aber bei IBM, SAP, VMware (SpringSource), Red Hat und vielen anderen starken Java-Nutzern – auslösen würde, steht auf einem anderen Blatt.

Zeit also, sich auch Gedanken über ein Best-Case-Szenario zu machen.

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Sebastian Meyen
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