Java-EE-Faktencheck mit Markus Karg

Die Java EE Guardians reden Klartext: „Entweder entsteht ein Java EE Fork oder Oracle lenkt doch noch ein“

Hartmut Schlosser

Markus Karg

Wo liegt die Zukunft von Java EE? Nachdem Oracle seine Aktivitäten an der Version 8 der Java-Enterprise-Edition zurückgefahren hat, organisieren sich Community-Vertreter derzeit in der Gruppe „Java EE Guardians.“ Was sind die Ziele der Guardians? Und wie steht es tatsächlich um Java EE 8?

Wir haben in einer Interview-Serie Mitglieder der Java EE Guardians nach den Hintergründen der Initiative und ihrer Interpretation der aktuellen Situation um Java EE befragt. Den Anfang macht Markus Karg, Mitglied der Experten-Gruppen für die JSRs 339 und 370.

Wie steht es um Java EE 8?

JAXenter: Hallo Markus. Als Mitglied der Experten-Gruppen für JSR 370 (Java API for RESTful Web Services – JAX-RS 2.1) und JSR 339 (JAX-RS 2.0) arbeitest du ein einem der Kernstücke von Java EE. Nun haben sich in den letzten Wochen die Anzeichen vermehrt, dass Oracle Java EE herunterpriorisiert hat. Viele Spec Leads wurden offenbar anderen Aufgaben zugeteilt. Wie würdest du den aktuellen Zustand von Java EE 8 beschreiben?

Oracle scheint den Tod der Enterprise Edition bereits vor Jahren beschlossen zu haben.

Markus Karg: Nutzseitig hat sich Java EE 7 etabliert und wird Java EE 8 sehnsüchtig erwartet. Oracle hingegen scheint den Tod der Enterprise Edition bereits vor Jahren  beschlossen zu haben, was sich auch in den ständigen Verzögerungen und Personalcharaden widerspiegelt. Preisfrage: Wer ist bei Oracle derzeit für die Pflege der EJB API verantwortlich und wann wurde der letzte Bugfix für GlassFish veröffentlicht?

Trotz des Hypes um alternative (und volatile) Technologien, wie z. B. Node.js oder AngularJS, gibt es sehr viele Unternehmen, die auf die etablierte Java-Plattform setzen. Dass Oracle Java EE 8 offenbar nicht mehr ernsthaft verfolgt, ist augenfällig. Jedoch können Kunden dies ebensowendig verstehen, wie die Entwickler-Community Verständnis dafür aufbringen könnte, dass GlassFish weder ernsthaft gepflegt wird, noch es Dritten wie beispielsweise Payara erlaubt wird, Bugfixes dafür zu spendieren.

Offenbar möchte Oracle die Anwender und die Entwickler-Community davon abhalten, sich selbst um die Pflege von Java EE zu kümmern, sodass diese nun seit Jahren brach liegt und totale Verunsicherung herrscht. Seit Monaten wartet die Community darauf, dass Oracle sich regt, doch außer ständigen Verzögerungen und Hinhaltetaktik geschieht nichts – und ehrlich gesagt erwarte ich auch nicht, dass da noch was kommt.

gaurdian_duke

JAXenter: Jetzt hat sich eine Gruppe namens „Java EE Guardians“ gebildet, die sich zum Ziel gesetzt hat, Java EE voran zu bringen. Mit welchen Aktivitäten könnte das geschehen?

Die Community muss sich organisieren.

Markus Karg: Da Oracle augenscheinlich keinerlei Interesse mehr daran zeigt, die Enterprise Edition (sowohl die API als auch deren Referenzimplementierung) in nennenswerter Form selbst weiterzuentwickeln, muss die Community sich organisieren, um dies selbst zu tun. Die Java EE Guardians sind eine Initiative von Hilfswilligen, welche meines Erachtens – gewollt oder ungewollt – darauf hinauslaufen wird, dass entweder eine parallele API entsteht (d.h. ein Java EE Fork), oder Oracle letztendlich doch noch einlenkt und jemandem „den Schlüssel“ (d. h. Markenrechte und TCK-Quellen) aushändigt, sodass die Community die Enterprise Edition pflegen kann. Die Chance für letzteres ist vermutlich gleich null, wie Oracle zu anderen Gelegenheiten (MySQL vs MariaDB, Hudson vs Jenkins, OpenSolaris vs Illumos, OpenOffice vs LibreOffice) zur Genüge demonstriert hat.

Stimmen Sie ab: Sollte Java EE unabhängig von Oracle entwickelt werden?

Wichtig ist, dass zunächst die Community in Vorleistung geht, d. h. dass sich möglichst viele Programmierer aktiv an den Open-Source-Projekten und JCP Expert Groups beteiligen, die gemeinsam Java EE ausmachen (z. B. Jersey, Ozark, EclipseLink, JSR 370, 371, etc.). Sobald diese Projekte dann wieder rund laufen, kann im nächsten Schritt die Verhandlung mit Oracle angegangen werden, wie die Community auch Management- und später Leitungsfunktionen ausüben kann.

Parallel dazu wäre es wichtig, dass die Industrie sich ihrer Verantwortung bewusst wird, d. h. neben Payara noch weitere Unternehmen Arbeitskräfte bereitstellen. Optimal wäre natürlich der Einstieg von Big Playern wie Google oder IBM, sowie großen Java-Nutzern, doch das ist meines Erachtens derzeit nicht realistisch.

JAXenter: Was waren für dich die Beweggründe, dich den Java EE Guardians anzuschließen?

Markus Karg: Ich lebe direkt und nahezu ausschließlich von Java EE, von daher habe ich ein vitales Interesse am Wohlergehen der Plattform. Als Open-Source-Enthusiast war es für mich zudem klar, dass ich die Idee einer breiten Community-Beteiligung im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstützen werde. Die Java EE Guardians sind der richtige Rahmen dafür, da der JCP trotz aller Umstrukturierungsbemühungen nach wie vor viel zu Oracle-lastig aufgestellt ist. Da gab es kein langes Nachdenken mehr.

Wenn jeder nur ein paar Stunden im Monat den Guardians zur Verfügung stellt, können wir schon viel erreichen. Das sollte nicht zuviel verlangt sein, wenn man mit Java EE seine Brötchen verdient oder seine hausinternen Anwendungssysteme befeuert.

JAXenter: Denkst du, es wäre von Vorteil, wenn Java EE gänzlich von der Community entwickelt würde? – Also ohne Oracle-Beteiligung, vielleicht sogar außerhalb des JCP?

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich eine Java Foundation gründet, die absolut demokratisch arbeitet.

Markus Karg: Ich tingle ja seit einiger Zeit durch die Lande, um die Community von dieser Idee zu überzeugen. Meines Erachtens wäre es das Beste für alle Beteiligten, wenn es, in Analogie zur Linux Foundation und beispielsweise Debian, eine große, echte Entwickler-Organisation gäbe, welche ein reines, freies und unabhängiges Community-JavaEE entwickelt.

Der JCP ist hierfür derzeit leider nicht gut aufgestellt, da er sich mehr als runden Tisch der Industrie betrachtet, ähnlich wie die ISO, und nicht wirklich agil und demokratisch genug agieren kann oder will. Ich würde mich sehr freuen, wenn sich eine Java Foundation gründet, die absolut demokratisch arbeitet, ihre Führung frei wählt, an der Oracle gerne mit gleichem Stimmrecht wie alle anderen Mitglieder beteiligt ist, jedoch keine Sonderrolle mehr inne hat. Selbst wenn sich so eine Organisation gründet, wird sich meines Erachtens Oracle aber weder daran beteiligen, noch auf irgendwelche Ansprüche verzichten – schon gar nicht auf die etablierte Marke „Java EE“. Von daher wird es wohl darauf hinauslaufen, dass wir das ohne Oracle machen. Schade eigentlich, denn da arbeiten immer noch sehr fähige Leute, die wir sehr gut brauchen könnten.

JAXenter: Welche technologischen Weiterentwicklungen sollten in Java EE deiner Meinung nach umgesetzt werden?

Markus Karg: Java EE war klassischerweise eine Sammlung von APIs, welche das Ziel hatten, etablierte Infrastruktursysteme – Application Server, Datenbankserver, Mailserver, Message-oriented Middleware, etc. – von Java aus anzusprechen. Sie verhalfen somit dem Anwendungsentwickler zu einer produktunabhängigen Sicht auf On-Premise-Dienste.

Die IT-Welt hat sich jedoch stark gewandelt. Themen wie Cloud, Microservices und Big Data dominieren die aktuelle Architekturdebatte, somit gilt es, Java EE mit APIs zur Ansprache dieser modernen Infrastruktursysteme auszustatten. Das Ziel muss es sein, eine elastische SaaS-Big-Data-Anwendung in Microservices-Architektur entwerfen, in Java umzusetzen und auf jedem beliebigen Cloud-Betriebssystem, von den proprietären à la Google, Amazon oder Microsoft, bis zu den standardisierten à la OpenStack, CloudStack oder OpenNebula, betreiben zu können – ohne jegliche Anpassungen, um einen Anbieterwechsel oder einen Anbieter-übergreifenden Betrieb schmerzfrei zu gestalten.

Lesen Sie auch: „Aus meiner Sicht könnte sich Oracle komplett von Java EE zurückziehen“ [Interview mit Adam Bien]

Gleichzeitig darf dabei aber die Rückwärtskompatibilität zu Java EE 7 („Enterprise-WORA“) nicht beschnitten werden, da auf Jahre hinaus ein großer Bestand an EJB-Anwendungen zu pflegen und eventuell in die Cloud zu verschieben ist. Das ist eine Herausforderung. Im Kern sehe ich es als sinnvoll an, neben JRMP und IIOP auch SOAP und letztendlich EJB als „deprecated“ zu markieren, und im Gegenzug die bislang bestimmten EJB-Subtypen vorbehaltenen Fähigkeiten per CDI beliebigen Pojos zuzuschreiben. Kurz gesagt, CDI+JAX-RS sollten im Kern der neuen Plattform stehen, gemeinsam mit neuen Java-Cloud-APIs für Mandantenabrechnung, Benutzerverwaltung, Elastizitätskontrolle und Bucket-Persistenz.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Der Java-EE-Faktencheck geht weiter. In den kommenden Tagen lesen Sie hier die Statements weiterer Java EE Guardians. Bleiben Sie dran!

3170de9aec9130a5669b387318cb59d85d555109-t640Markus Karg brachte sich als Autodidakt 1985 Software-Entwicklung bei. Seit 2000 spricht er täglich Java und engagiert sich für offene Standards. Er ist staatlich geprüfter Informatiker und verantwortet den Bereich Forschung und Entwicklung bei einem international tätigen ISV. Nebenbei agiert er als Lobbyist für mehr Verantwortung der Community und eine nachhaltige Platform-Strategie. JAX-RS begleitet der gebürtige Pforzheimer seit Version 0.8 durch Feature Proposals, Mitarbeit an der Referenz-Implementierung „Jersey“ und zuletzt der Mitgliedschaft in der Expert Group zu JAX-RS 2.0. Neben der JAX-RS-WebDAV-Erweiterung gehen einige Features im JAX-RS-Standard direkt auf sein persönlich Engagement zurück. Markus ist als Verfechter nachhaltiger und hochwertiger Lösungen bekannt und vehementer Gegner kurzfristigen Profitstrebens.

Verwandte Themen:

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
400
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: