Java geht in die 11. Runde und schneidet alte Zöpfe ab

Java 11 ist da! Die neuen Features auf einen Blick

Falk Sippach
Java 11 JDK 11

© Shutterstock / morenina

Nachdem Java 10, das erste „normale“ Release nach dem neuen Release-Zyklus, pünktlich veröffentlicht wurde, ist nun auch die erste Version mit Langzeitunterstützung verfügbar: Java 11. Falk Sippach, Trainer, Software-Entwickler und Projektleiter bei der OIO Orientation in Objects GmbH, hat sich für uns die wichtigsten Neuerungen der aktuellen Java-Version angeschaut.

Durch den neuen halbjährlichen Release-Zyklus seit Java 9 (September 2017) kann man als interessierter Java-Entwickler gar nicht mehr so schnell schauen, wie bereits die nächste Major-Version der am weitesten verbreiteten Programmiersprache veröffentlicht wurde.

Gerade ist mit Java 11 das erste Long Term Support (LTS) Release seit Java 8 fertig geworden und wir wollen einen Blick auf die Neuerungen der Sprache und die Änderungen im API werfen. Da der normale Support (kostenlose Updates) für das Oracle JDK 8 bereits im Januar 2019 auslaufen wird, stellt sich für viele nun auch die Frage, ob man in naher Zukunft von Java 8 auf 11 wechseln sollte. Dabei ist Java 8 erst jetzt so richtig im Mainstream angekommen. Die gerade einmal vier Jahre alten Features rund um Lambdas und Streams werden mittlerweile von einer breiten Masse an Entwicklern verwendet. Und nun sollen wir uns bereits mit den nächsten Versionen beschäftigen und auf die aktuelle LTS-Version umsteigen?

Wann machen Sie das Update auf Java 11?

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Genau das scheint Oracle zu beabsichtigen. Allerdings scheuen laut diversen Studien bisher noch viele den Umstieg auf die Versionen nach Java 8. Gerade die großen Änderungen, die das Modulsystem von Java 9 (Project Jigsaw) mit sich brachte, bereiten Kopfzerbrechen und die dafür notwendige Migration wird vielerorts aufgeschoben. Selbst Josh Bloch, Schöpfer des Java Collection Framework, rät im Moment von der Verwendung des Modulsystems ab:

It is too early to say whether modules will achieve widespread use outside of the JDK itself. In the meantime, it seems best to avoid them unless you have a compelling need.

Josh Bloch in „Effective Java: Third Edition“

Natürlich lassen sich Java 9, 10 und 11 auch ohne das Modulsystem bzw. mit minimalinvasivem Eingriff in die bestehenden Anwendungen verwenden. Nichtsdestotrotz ist der Respekt groß, immerhin springen auch die meisten Hersteller von Bibliotheken und Frameworks bisher nur sehr zögerlich auf die Neuerungen auf.

Die letzten Wochen und Monate waren zudem stark geprägt von den Debatten zu Oracles neuer Support- bzw. Lizenzpolitik und der Frage, ob Java bzw. das JDK überhaupt kostenlos bleiben. Um es gleich vorweg zu nehmen, wir werden Java und das JDK auch in Zukunft weiterhin frei nutzen können und zudem auch für einen ausreichenden Zeitraum kostenlose Updates und Security-Patches erhalten. Doch dazu am Ende mehr.

Java 11: Was ist neu?

Die Neuerungen von Java 11 fallen relativ übersichtlich aus. Das verwundert durch den kurzen Zeitraum seit der Veröffentlichung der vorangegangenen Version aber nicht weiter. Die folgenden Java Enhancement Proposals (JEPs) wurden umgesetzt:

  • 181: Nest-Based Access Control
  • 309: Dynamic Class-File Constants
  • 315: Improve Aarch64 Intrinsics
  • 318: Epsilon: A No-Op Garbage Collector
  • 320: Remove the Java EE and CORBA Modules
  • 321: HTTP Client (Standard)
  • 323: Local-Variable Syntax for Lambda Parameters
  • 324: Key Agreement with Curve25519 and Curve448
  • 327: Unicode 10
  • 328: Flight Recorder
  • 329: ChaCha20 and Poly1305 Cryptographic Algorithms
  • 330: Launch Single-File Source-Code Programs
  • 331: Low-Overhead Heap Profiling
  • 332: Transport Layer Security (TLS) 1.3
  • 333: ZGC: A Scalable Low-Latency Garbage Collector
  • 335: Deprecate the Nashorn JavaScript Engine
  • 336: Deprecate the Pack200 Tools and API

Aus Entwicklersicht sind nur einige wenige Punkte wirklich relevant, nämlich jene, die in der obigen Auflistung hervorgehoben wurden.

So wurde im JEP 323 eine Erweiterung der in Java 10 eingeführten Local Variable Type Inference umgesetzt. Typinferenz ist das Schlussfolgern der Datentypen aus den restlichen Angaben des Quellcodes und den Typisierungsregeln heraus. Das spart Schreibarbeit und bläht den Quellcode nicht unnötig auf, wodurch sich wiederum die Lesbarkeit erhöht.

Seit Java 10 können lokale Variablen mit dem Schlüsselwort var folgendermaßen deklariert werden:

// Funktioniert seit Java 10

var zahl = 5; // int
var string = "Hello World"; // String
var objekt = BigDecimal.ONE; // BigDecimal

Neu in Java 11 ist, dass man nun auch Lambda-Parameter mit var deklarieren kann. Das mag auf den ersten Blick nicht sonderlich sinnvoll erscheinen, da man den Typ von Lambda-Parametern sowieso weglassen und über die Typinferenz ermitteln lassen kann. Nützlich wird die Erweiterung aber für die Verwendung von Type Annotations wie @Nonnull und @Nullable.

// Inference von Lambda-Parametern
Consumer<String> printer = (var s) -> System.out.println(s); // statt s -> System.out.println(s);

// aber keine Mischung von "var" und deklarierten Typen möglich
// BiConsumer<String, String> printer = (var s1, String s2) -> System.out.println(s1 + " " + s2);

// Nützlich für Type Annotations
BiConsumer<String, String> printer = (@Nonnull var s1, @Nullable var s2) -> System.out.println(s1 + (s2 == null ? "" : " " + s2));

Die nächste interessante Neuerung ist die Standardisierung des bisher noch experimentellen neuen HTTP Client APIs, das mit JDK 9 eingeführt und in JDK 10 aktualisiert wurde (JEP 110). Neben HTTP/1.1 werden nun auch HTTP/2, WebSockets, HTTP/2 Server Push, synchrone und asynchrone Aufrufe und Reactive Streams unterstützt. Garniert mit einem gut lesbaren Fluent Interface wird die Verwendung von anderen HTTP-Clients (z. B. von Apache) dann in Zukunft voraussichtlich obsolet sein.

HttpClient client = HttpClient.newHttpClient();
HttpRequest request = HttpRequest.newBuilder()
      .uri(URI.create("http://openjdk.java.net/"))
      .build();
client.sendAsync(request, asString())
      .thenApply(HttpResponse::body)
      .thenAccept(System.out::println)
      .join();

Durch das JEP 330 (Launch Single-File Source-Code Programs) können jetzt Klassen gestartet werden, die noch nicht kompiliert wurden. Programme mit einer einzigen Datei sind heutzutage beim Schreiben kleiner Hilfsprogramme üblich und insbesondere die Domäne von Skriptsprachen. Nun kann man sich auch in Java die unnötige Arbeit sparen und das verringert zugleich die Einstiegshürde für Java-Neulinge. Bis Java 10 konnten Java-Programme auf drei Arten gestartet werden:

  • als *.class-Datei
  • als Hauptklasse in einer *.jar-Datei
  • als Hauptklasse in einem Modul

Neu ab Java 11 ist nun das Starten einer Klasse, die in einer Quellcode-Datei deklariert ist:

# java HelloWorld.java
// statt
# javac HelloWorld.java
# java -cp . hello.World

Auf unixoiden Betriebssystemen können Java-Dateien als Shebang Files sogar direkt ausgeführt werden:

#!/path/to/java --source version
# ./HelloWorld.java

Weitere erwähnenswerte Änderungen sind die Unterstützung des Unicode-10-Standards und die Integration des bisher nur mit einer kommerziellen Lizenz verwendbaren Profilers Flight Recorder in das OpenJDK (wurde bisher nur mit dem Oracle JDK ausgeliefert). Das Ziel des Flight Recorders ist das möglichst effiziente Aufzeichnen von Anwendungsdaten, um bei Problemen die Java-Anwendung und die JVM analysieren zu können.

API-Änderungen

An der Java-Klassenbibliothek gab es natürlich auch unzählige kleine Änderungen. Besonders viel hat sich bei Zeichenketten getan:

|  Welcome to JShell -- Version 11
|  For an introduction type: /help intro
// Unicode zu String
jshell> Character.toString(100)
$1 ==> "d"
jshell> Character.toString(66)
$2 ==> "B"

// Zeichen mit Faktor multiplizieren
jshell> "-".repeat(20)
$3 ==> "--------------------"

// Enthält ein Text keine Zeichen (höchstens Leerzeichen)?
jshell> String msg = "hello"
msg ==> "hello"
jshell> msg.isBlank()
$5 ==> false
jshell> String msg = "  "
msg ==> "  "
jshell> msg.isBlank()
$7 ==> true

// Abschneiden von führenden oder nachgelagerten Leerzeichen
jshell> " hello world ".strip()
$8 ==> "hello world"
jshell> "hello world    ".strip()
$9 ==> "hello world"
jshell> "hello world    ".stripTrailing()
$10 ==> "hello world"
jshell> "        hello world    ".stripLeading()
$11 ==> "hello world    "
jshell> "    ".strip()
$12 ==> ""

// Texte zeilenweise verarbeiten
jshell> String content =  "this is a multiline content\nMostly obtained from some file\rwhich we will break into lines\r\nusing the new api"
content ==> "this is a multiline content\nMostly obtained fro ... ines\r\nusing the new api"
jshell> content.lines().forEach(System.out::println)
this is a multiline content
Mostly obtained from some file
which we will break into lines
using the new api

Java 11: Was wurde entfernt?

Die Ankündigungen in Form von Deprecations in den Versionen 9 und 10 sind nun in Java 11 Wirklichkeit geworden. Im JEP 320 wurden diverse Java Enterprise Packages aus der Java SE entfernt, dazu zählen JAX-WS (XML-basierte SOAP Webservices inklusive den Tools wsgen und wsimport), JAXB (Java XML Binding inklusive den Tools schemagen und xjc), JAF (Java Beans Activation Framework), Common Annotations (@PostConstruct, @Resource, …), CORBA und JTA (Java Transaction API).

Neu ist auch, dass das Oracle JDK kein JavaFX mehr enthalten wird (mit dem OpenJDK wurde es übrigens noch nie ausgeliefert). Stattdessen wird JavaFX über OpenJFX als separater Download angeboten und kann wie jede andere Bibliothek in beliebigen Java-Anwendungen verwendet werden. Neben JavaFX wird auch der Support für Applets und Java Web Start eingestellt. Die Open Source Community plant allerdings bereits Nachfolgeprojekte. Wenn man im Moment noch Java Web Start nutzen möchte, muss man zunächst beim Oracle JDK 8 bleiben und entweder ohne Sicherheits-Updates leben oder für den kommerziellen Support ab 2019 Geld ausgeben.

Neu als Deprecated markiert wurde in Java 11 die JavaScript Engine Nashorn. Es ist davon auszugehen, dass sie in zukünftigen Java-Versionen verschwinden wird. Nashorn hat sich allerdings nie richtig als serverseitige JavaScript-Implementierung gegenüber Node.js durchsetzen können. Und mit der GraalVM geht Oracle mittlerweile alternative Wege, um andere Programmiersprachen nativ auf der JVM auszuführen.

Übrigens wird es ab Java 11 die Java-Laufzeitumgebung (JRE) nur noch in der Server-Variante und nicht mehr für Desktops geben. Allerdings kann man für Desktop-Anwendungen mit dem Modulsystem und dem Werkzeug jlink mittlerweile selbst sehr einfach in der Größe angepasste Laufzeitumgebungen erstellen.

Support- und Lizenzpolitik von Oracle

Mit Java 11 führt Oracle eine neue Lizenz- und Support-Strategie ein. Freie Updates für die letzte Long Term Support (LTS) Version 8 wird es ab Januar 2019 nicht mehr geben. Zudem ist ab Java 11 das Oracle JDK nur noch in der Entwicklung kostenlos nutzbar, in Produktion muss ein Support-Vertrag mit Oracle gegen entsprechende Gebühren abgeschlossen werden.

Allerdings ist das Oracle JDK ab sofort binär kompatibel mit dem OpenJDK, welches Open Source unter der GNU General Public License v2 (mit der Classpath Exception – GPLv2+CPE) veröffentlicht ist. Um das JDK weiterhin in Produktion kostenlos einsetzen zu können, kann man also ab Java 11 das OpenJDK verwenden. Allerdings bietet Oracle immer nur Updates für die aktuelle OpenJDK-Version, d.h. mit dem nächsten halbjährlichen Major Release muss man potentiell die Anwendung bereits auf die nächste Version updaten.

Alternative Anbieter wie Azul und IBM haben im Rahmen des AdoptOpenJDK-Projekts allerdings bereits angekündigt, die LTS-Versionen (z.B. Java 11) auch bis zu vier Jahre mit kostenlosen Updates zu versorgen. Für uns Anwender der Java-Plattform gibt es also genügend Optionen zwischen kommerziellen Lösungen von Oracle (und auch Azul Zulu, IBM OpenJ9 usw.) und weiterhin freien Lösungen mit dem OpenJDK sowie dem verlängerten Support des AdoptOpenJDK-Projekts. Aber natürlich gehört etwas Mut dazu, Oracle den Rücken zu kehren und alternativen Java-Plattformen eine Chance zu geben.

Bei Oracle zeichnet sich nun seit Längerem ab, dass man Java nicht mehr nur als Plattform sieht, die man erworben hat und insbesondere aus eigenem Interesse weiterentwickelt. Vielmehr wird Java mehr und mehr als ein Oracle-Produkt vermarktet, bei dem unprofitable Teile ggf. eingestellt werden. Damit wird aber auch der Wettbewerb auf dem Markt angekurbelt, was grundsätzlich positiv ist. Seien wir also gespannt, wie sich der Markt in einem Jahr präsentieren wird.

Fazit

Die großen Überraschungen sind sicherlich ausgeblieben. Vielmehr finalisiert Java 11 angefangene Arbeiten aus den beiden vorangegangenen Versionen, damit es als LTS Release für die nächsten 3 Jahre gut gewappnet ist. Dazu wurden auch einige alte Zöpfe abgeschnitten und zum Beispiel JavaFX und diverse Java EE Packages aus dem JDK entfernt. Java 12 steht bereits in den Startlöchern und wird voraussichtlich im März 2019 erscheinen. Aktuell sind nur zwei Neuerungen geplant, weitere werden aber in den nächsten Wochen folgen:

  • JEP 325: Switch Expressions
  • JEP 326: Raw String Literals

Beide Sprach-Features stammen aus sogenannten Inkubator-Projekten (Amber, Valhalla, Loom), in denen kleinere, die Entwicklerproduktivität steigernde Sprach- und VM-Features ausgebrütet und dann als Java Enhancement Proposals (JEPs) akzeptiert werden.

Switch Statements können demnach in Zukunft auch als Expression verwendet werden, die das Ergebnis des entsprechenden Case-Zweigs direkt zurückliefert.

int numLetters = switch (day) {
    case MONDAY, FRIDAY, SUNDAY -> 6;
    case TUESDAY                -> 7;
    case THURSDAY, SATURDAY     -> 8;
    case WEDNESDAY              -> 9;
};

Mit Raw String Literals wird Java endlich die Möglichkeit bekommen, mehrzeilige Zeichenketten zu definieren, die zusätzlich Escape-Sequenzen (\..) ignorieren. Damit lässt sich viel einfacher mit regulären Ausdrücken und Windows-Dateipfaden umgehen. Einzig das Ersetzen von Variablen (String-Interpolation) ist im Moment noch nicht geplant, ein Feature welches alternative Sprachen wie Groovy, Ruby und JavaScript schon länger unterstützen.

Runtime.getRuntime().exec(`"C:\Program Files\foo" bar`);
// statt
Runtime.getRuntime().exec("\"C:\\Program Files\\foo\" bar");

String script1 = `function hello() {
                    print('"Hello World"');
                 }
				
                 hello();`;
// statt
String script2 = "function hello() {\n" +
                "   print(\'\"Hello World\"\');\n" +
                "}\n" +
                "\n" +
                "hello();\n";

Wenn sich die Unsicherheiten zur neuen Release-, Lizenz- und Supportpolitik endlich gelegt haben, dürfen wir Java-Entwickler wieder frohgemut in die Zukunft mit vielen kleinen Sprachverbesserungen blicken. In diesem Sinne viel Spaß beim Ausprobieren der neuen Funktionen von Java 11. Die vollständigen Release Notes für Java 11 finden sich auf der Homepage von Oracle, der Download ist hier zu finden.

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Geschrieben von
Falk Sippach
Falk Sippach
Falk Sippach hat über 20 Jahre Erfahrung mit Java und ist bei der Mannheimer Firma OIO Orientation in Objects GmbH als Trainer, Software-Entwickler und Projektleiter tätig.
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