Ist Agile inzwischen Mainstream?

Selim Baykara

Agile ist bereits seit längerem in aller Munde. War das Prinzip, Software flexibel, dynamisch und im ständigen Austausch zwischen Programmierern und Auftraggebern zu entwickeln, vor einigen Jahren noch geradezu revolutionär, so wird das Thema Agile inzwischen selbst in IT-Teams in Großorganisationen diskutiert.

In einem Blogbeitrag auf the30percentcrew nimmt man diese Situation als Ausgangspunkt und stellt ganz unbefangen fest: Agile ist Mainstream. Wem das nach Ausverkauf und nach Verrat der Ideale klingt, den beruhigen die Autoren aber sogleich. Agile ist im Mainstream angekommen, aber der Hype kommt nicht von ungefähr. Agile sei nämlich vor allem sinnvoll, da es tatsächliche Probleme, die bei der traditionellen Softwareentwicklung aufträten, mit wohldurchdachten Methoden angehe.

Problematisch beim traditionellen Software-Entwicklungszyklus sei vor allem, dass die für die Geschäftsprozesse Verantwortlichen aufgrund fehlender technischer Kenntnisse im Vorfeld zu viel von den Programmierern verlangten, weil sie aus übersteigertem Sicherheitsgefühl alle möglichen Eventualitäten abdecken wollten. Da Zeit, Geld und Personal naturgemäß aber knapp sind, könne man diese übertriebenen Anforderungen in keinem Fall erfüllen. Die Enttäuschung über ein am Ende abgespecktes Programm sei somit geradezu unvermeidlich und noch das beste Ergebnis, wenn man bedenkt, dass das Unternehmen während des ganzen Vorgangs vermutlich eine Menge Geld in den Sand gesetzt hat.

Genau hier kommt Agile ins Spiel, da es sicherstellt, dass die Kommunikation zwischen Business und Entwicklern nie abreißt. Anforderungen und technisch Machbares werden kontinuierlich aufeinander abgestimmt, bis man sich am Ende in der Mitte trifft. Soweit, so bekannt. Interessant ist, dass diese Vorgehensweise gar nicht so neu und revolutionär ist, wie man denkt, sondern bereits in den frühen 80ern bekannt war. In einem Bericht zum Management von IT-Projekten legte Entwickler Barry Boem 1983 einige Richtlinien fest, die frappierend an das rund 20 Jahre jüngere Agile Manifesto erinnern.

Boem ging es um Probleme, die auch heute noch aktuell sind: ineffiziente Kommunikationswege, Entscheidungen, die verzögert werden und ein Mangel an Verantwortungsgefühl für das Projekt. Seine Ratschläge: klare Zuweisung von Verantwortungen und Aufgabengebiete, ständige Validierung und Überprüfung des bisher Erreichten und der Einsatz von weniger, dafür aber produktiveren Entwicklern. So ähnlich kennt man das auch aus den Prinzipien der agilen Software-Entwicklung, wo der Fokus ebenfalls auf der Motivation der Mitarbeiter und stetigen Team-Retrospektiven liegt, wobei Agile noch etwas stärker den stetigen Wandel betont, dem jedes Projekt im Laufe der Entwicklung eines Produktes unterliegt.

Dennoch dürfe man, so der Blogbeitrag, aber nicht einfach davon ausgehen, dass mit Agile jedes Projekt automatisch ein Erfolg werde. Davon könne man schon allein deshalb nicht ausgehen, weil Agile an sich keine Methodologie sei, um ein Projekt zu managen. Agile sei stattdessen eher eine Philosophie bzw. ein Denkansatz, der die Notwendigkeit von stetiger Anpassungsbereitschaft in der Softwareentwicklung anerkenne, ohne damit konkrete Managementvorgaben zu verlangen. Diese Beobachtung deckt sich mit der Tatsache, dass viele Entwickler zwar angeben, agile zu arbeiten, anschließend aber selbst sagen, dass es letzten Endes doch nicht „wirklich“ agile sei. Ist Agile letzten Endes also nur ein Schlagwort?

Einen möglichen Lösungsansatz bietet der Entwickler Greg Jorgensen. Seiner Meinung nach sollte man jeder Form von Methodologie prinzipiell kritisch gegenüberstehen, da man menschliches Zusammenarbeiten nicht in ein fixes Schema von festgelegten Kriterien pressen kann. Was wirklich zähle, sei die Motivation des Teams, das Kommunikationsverhalten untereinander und die persönlichen Charakteristika der Teammitglieder.

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Selim Baykara
Selim Baykara
Selim Baykara studiert Anglistik, Amerikanistik und Soziologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
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1 Kommentar auf "Ist Agile inzwischen Mainstream?"

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Andre Haeusling
Gast

Hallo,

„Agile“ ist derzeit ziemlich angesagt, aber die wenigsten Unternehmen haben es wirklich durchdrungen: weder in der Softwareentwicklung noch darüber hinaus. Der Begriff ist „Mainstream“, aber Konsequenzen des Softwareentwicklungsprozesses für Strukturen oder auch die Kultur von Teams und Organisationen scheuen viele Unternehmen, um die gesamten Potenziale zu heben.

Beispiele und Praxisberichte von Unternehmen, die auf dem Weg sind, gibt es unter anderem auch hier:
http://hr-pioneers.com/hrpevent/dritte-agile-hr-conference/

Viele Grüße
André Häusling
http://www.hr-pioneers.com