Interview mit Russel Miles

Die Produktion hasst dich, lerne den Hass anzunehmen und wachse daran

Gabriela Motroc

Der gesamte Produktionsprozess hasst dich, angefangen bei den Maschinen und Netzwerken, bis hin zu den Benutzern aus Fleisch und Blut, denen du eigentlich nur helfen möchtest. Wir haben mit DevOpsCon-Sprecher Russel Miles, der gerade eben die DevOpsCon 2017 in München eröffnet hat, darüber gesprochen, warum die Produktion den Entwickler zutiefst verabscheut und wie der Entwickler diese Belastung in einen Vorteil verwandeln kann.

JAXenter: Warum ist die Produktion solch ein feindseliges Schlachtfeld? Wie können wir es befrieden?

Russel Miles: Die Produktion ist natürlich deshalb ein feindseliger Ort, weil hier unsere Softwareprodukte am stärksten auf dem Prüfstand stehen. Sie ist nicht nur der Punkt, an dem unsere Software auf die Ansprüche tatsächlicher Benutzer trifft. In der Produktion tobt ein ständiger Kampf zwischen der Notwendigkeit, innovativ zu sein und sich zu verändern und dem Bedürfnis nach Zuverlässigkeit.

In mancher Hinsicht würde ich sagen, dass in der Produktion schon immer eine feindselige Atmosphäre geherrscht hat. In der Softwareentwicklung hatten wir das Glück, das ignorieren zu können. Wenn ich Glück sage, dann heißt das natürlich, dass wir es uns erlauben konnten es zu ignorieren. Das ist keine gute Sache. Die Kämpfe innerhalb der Produktion individuell und kollektiv für jeden Einzelnen spürbar zu machen, ist ein wichtiger Stressfaktor. Er lässt sich zur Verbesserung der von uns erstellten und gelieferten Software nutzen.

JAXenter: Schmerz ist manchmal ein guter Lehrer. Meistens lernen wir so, etwas nicht noch einmal zu tun. Du schlägst vor, dass wir uns auf den Schmerz einlassen und daran wachsen sollen. Was meinst du damit?

Russel Miles: Das ist eine sehr gute Frage! Lass mich so antworten: Was ist Lernen, wenn nicht eine notwendige Reaktion auf eine bestimmte Stresssituation oder einen bestimmten Umstand? Die Belastung durch Schmerzen so zu verstärken, dass sie sich nicht länger ignorieren lassen, bedeutet, dass wir tatsächlich lernen und verbessern. Andernfalls könnten wir eine Tendenz entwickeln, uns vorzustellen, diese schmerzlichen Umstände (wie Produktionsstillstand oder schnelle Wechsel) seien einmalige Ereignisse. Was wir mit diesem Ansatz tun, ist die Schmerzen zu erfassen. In Schritt zwei lassen wir das Leid geschehen, so ist lässt es sich nicht ignorieren und ein echter Lernprozess setzt ein.

Stressoren auf Software-
entwicklungs-
systemen sind eine lohnende Sache, um erkennbaren Nutzen zu erfassen, zu besprechen und möglicherweise zu erhöhen oder zu verringern.

Es sollte auch betont werden, dass oft nicht alle Belastungen als Schmerzen angesehen werden. Beispielsweise bedeutet der ausufernde Erfolg eines Softwareservices, dass die Entwickler mit der Last einer größeren Nutzerzahl zurecht kommen müssen. Der Schlüssel liegt darin, sich anzuschauen, was dich und dein System unter Druck setzt. Zusätzlich sollte und kann das (einschließlich der Leute, der Werkzeuge, Prozesse, Praktiken, Umgebungen … das ganze System) zum Guten verwendet werden. Alles muss messbaren Ergebnissen unterworfen werden, sonst schadest du am Ende nur deinem eigenen System ohne fühlbar positiven Effekt.

JAXenter: In der realen Welt ist es praktisch unmöglich, nach dem Lehrbuch zu handeln, um Probleme zu lösen. Wie lassen sich die Zwänge überwinden und wie kann man dafür sorgen, dass es funktioniert? 

Russel Miles: Ich persönlich glaube, dass Fachbücher alle von Hypothesen für Experimente handeln, die im Kontext der realen Welt durchgeführt werden können. Ähnlich verhält es sich eigentlich auch mit Vorträgen und Kursen. Es gibt kein Patentrezept, Dinge so zu erledigen, dass sie dann bis in alle Ewigkeit erfolgreich sein werden. Allerdings gibt es immer Hypothesen, Beispiele und Diskussionen darüber, was in deinem bestimmten, einzigartigen Kontext funktionieren könnte. Der Sinn eines Fachbuches liegt darin, diese Hypothese so einfach und klar wie möglich zu erklären und sich dafür einzusetzen, sodass der Leser sie beherzigt. Schließlich soll es auch Anweisungen geben, wie sich das Experiment so sicher wie möglich in einem spezifischen Kontext durchführen lässt.

JAXenter: Wie wichtig ist eine gesunde Work-Life-Balance? Wie können wir sie erreichen?

Russel Miles: Wow, wenn ich darauf eine Antwort hätte, wäre ich wahrscheinlich so reich wie Tony Robbins. Meine persönliche Regel lautet, aus dem was ich tue, so viel wie möglich zu machen und das mit so viel Spaß wie möglich. Ich liebe es zu schreiben, sowohl Prosa als auch Code. Davon so viel wie möglich in meinen Alltag zu packen, ist ein guter Anfang. Wenn es um eine gesunde Work-Life-Balance geht, ist Schreiben nicht der einzige Punkt. Ich versuche Stress auch mit genügend Aktivitäten auf anderen Gebieten auszugleichen, wie mit meiner Harley Touren zu machen und ins Fitnessstudio zu gehen. Versteh mich nicht falsch, ich komme wirklich nur selten dazu, aber ich versuche es so oft wie möglich.

Russell Miles‘ Erfahrung deckt nahezu alle Facetten der Softwareentwicklung ab. Er hat in vielen verschiedenen Bereichen von Finanzdienstleistungen über Verlagswesen bis Versicherungen gearbeitet. Mit mehr als 18 Jahren Erfahrung in Beratung, Coaching und Training hilft Russell dabei, alle Facetten des Softwareentwicklungsprozesses zu ändern, um unnötige und kostspielige Komplexität zu entfernen, indem er die richtigen Prozesse für den jeweiligen Job anwendet. Er will sicherzustellen, dass die richtigen Änderungen durchgeführt werden, sei es durch Software oder auf andere Weise.
Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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