Ich mach jetzt mein Ding

Freelancer berichten: Vom wahren Leben als Selbstständiger

Redaktion JAXenter

© Shutterstock.com / Dezay

In der IT-Branche wimmelt es von Freelancern. Endlich mal sein Ding machen – das wärs doch. Und alles anders machen! Wir haben zwei Freelancer gefragt, welche Hürden sie nehmen mussten und mit welchen Stolpersteinen sie auf diesem Weg nicht gerechnet hätten.

Die Freelancer

Manfred Steyer
Manfred Steyer (www.softwarearchitekt.at) betreut als Trainer und Berater für moderne Web-Architekturen Firmen im gesamten deutschen Sprachraum. Dabei fokussiert er sich auf Angular 2. Manfred hat Bücher bei O’Reilly, Microsoft Press und Hanser veröffentlicht und schreibt für Heise Online, das JAVA-Magazin sowie windows.developer. Für seine Aktivitäten wurde er von Google als Developer Expert (GDE) und von Microsoft mit dem MVP-Award ausgezeichnet. Sein Wissen gibt er regelmäßig auf Konferenzen weiter.


Marco Schulz studierte an der HS Merseburg Diplominformatik. Sein persönlicher Schwerpunkt liegt in der Automatisierung von Build-Prozessen und dem Software-konfigurationsmanagement. Seit über zehn Jahren entwickelt er auf unterschiedlichen Plattformen Webapplikationen. Derzeit arbeitet er als freier Consultant und ist Autor verschiedener Fachartikel.

Aus welcher Motivation heraus bist du Freelancer geworden?

Marco Schulz: Das war eigentlich kein Plan und ist irgendwie passiert. Ursprünglich war mein Plan, Elektrotechnik zu studieren und HIFI-Anlagen zu bauen. Nachdem ich gemerkt habe, dass Fourier und Laplace nichts für mich sind, musste ich mich neu orientieren. Seit ca. 2000 hatte ich mit dem Programmieren begonnen. Obwohl mein erster PC als Erweiterung meiner Stereoanlage gedacht war, hatte ich nicht genug Geduld für Aufnahmen und digitale Nachbearbeitung. Die Qualität, die mir vorschwebte, hatte ich mit den einfachen Mitteln, die mir damals zur Verfügung standen, nicht hinbekommen. Internet war neu und ich wollte programmieren können. Also auf zur ersten eigenen Homepage. Dann kamen die ersten Anfragen von kleinen Firmen. Damit hab ich dann nie mehr aufgehört. Während des Studiums und auch nicht danach. Sehr geprägt hat mich auch die Zeit bei meinem ersten Arbeitgeber der Materna GmbH. Dort durfte ich sehr viel lernen und hatte auch wie so oft zuvor im Leben einen guten Mentor. An dieser Stelle ein Gruss an Matthias 🙂

Es geht mir darum, mich auf Themen fokussieren zu können, die mir Spaß machen.

Manfred Steyer: In erster Linie geht es mir darum, mich auf Themen fokussieren zu können, die mir Spaß machen. Beispielsweise habe ich die Entwicklung von Angular intensiv mitverfolgt und begleite seit der Beta-Phase Unternehmen diesbezüglich.

Welche Stolpersteine gibt es auf dem Weg zum Freelancer? Was hättest du gerne schon vorher gewusst?

Marco Schulz: Nunja, in meinem Fall ist es eine Symbiose. Ich bearbeite Anfragen von Unternehmen, die sehr individuell sind. Da kommt man mit Schema F nicht weit und muss viel improvisieren. Zu Beginn dachte ich oft, dass meine Stärke technischer Natur ist. In den Jahren habe ich gelernt, dass Kommunikationskompetenzen weitaus wichtiger sind. Es gehört auch viel Diplomatie zum Tagesgeschäft. Es ist vor Allem eine Frage der Respektes. Es gehört sich nicht, Aussagen zu treffen wie: deine Arbeit ist schlecht. Wir müssen uns mehr Zeit für aufrichtige Kommunikation nehmen. Und ein wenig technisches KnowHow hilft, akzeptiert zu sein.

In den Jahren habe ich gelernt, dass Kommunikations-kompetenzen weitaus wichtiger sind als technische.

Manfred Steyer: Ich denke, man sollte sich von Anfang an auf wenig Themen fokussieren und alles, was nicht zu den eigenen Stärken gehört, auslagern. Ich selbst habe mich z. B. viel zu lange um die Buchhaltung gekümmert – ein Thema, das mir wenig Spaß macht und von einer Steuerberatungskanzlei viel schneller und besser gemacht werden kann. Die freie Zeit kann ich nun für meine Kernthemen nutzen.

Welche Vorstellungen, die du vorher hattest, sind in Erfüllung gegangen? Und welche nicht?

Marco Schulz: Ich weiß nicht. Mit dem, was ich tue, hatte ich immer Glück. Eben auch aus den genannten Gründen. Unternehmen haben gleiche Bedürfnisse wie wir Freelancer – Wirtschaftlichkeit. Letztendlich ist es immer so: Wenn du einen Auftrag akzeptierst, gehört es dazu, dem Unternehmen zuzuhören und auf dessen Bedürfnisse einzugehen.

Manfred Steyer: Eigentlich läuft soweit alles ganz gut – da muss ich „auf Holz klopfen“. Lediglich das Ziel, dass mir schreiende Fans Teddy-Bärchen bei Vorträgen auf die Bühne werfen, habe ich bis dato noch nicht erreicht.

Welchen entscheidenden Tipp würdest du frischen Freelancern mit auf den Weg geben?

Marco Schulz: Sei Aufrichtig, sei loyal und steh zu deinem Wort. Wenn du schell reich werden möchtest, spiel Lotto. Wenn du Ideen hast und glaubst, in einem Unternehmen versteht man dich nicht oder du möchtest dich ausprobieren, dann versuch was eigenes. Am Anfang weißt du nicht, wie du klar kommst um deinen Kühlschrank zu füllen oder Miete zu zahlen. Hab Mut. Die Welt ist kein Haifischbecken. Es gibt viele Menschen, die ähnliche Erfahrungen haben und sie werden dir helfen. Solange du fair für deine Partner bleibst und ihnen auch erlaubst zu leben, ohne den letzten Cent bei einem Deal auszupressen.

Wenn du schell reich werden möchtest, spiel Lotto.

Manfred Steyer: Ich finde einen offenen und ehrlichen Umgang mit Kunden, Partnern sowie Mitbewerbern wichtig. Sich als egozentrischer Unternehmer à la Falcon Crest von Dallas aufzuspielen, ist wohl eher kontraproduktiv. Daneben sollte man sich auch eingestehen, dass Perfektion so gut wie nie erreicht werden kann sowie dass Perfektion für jeden etwas anderes ist. Das ist aber keine Ausrede dafür, dass man nicht sein Bestes geben sollte, sondern zeigt viel mehr, dass man aus jeden Einsatz was lernen und sich somit selbst ständig verbessern kann.

Wie hast du, vor allem am Anfang deiner Freelancer-Tätigkeit, auf dich aufmerksam gemacht? Was funktioniert gut, was weniger?

Marco Schulz: Ganz ehrlich? Ich mach keine Werbung für mich. Das hatte ich einmal probiert und bin gescheitert. Ich wollte in UK Fuß fassen. Die Angebote waren eher dürftig und nicht Ziel meines Kompetenzfeldes. Recruiting-Firmen lesen die Profile mit spezieller Software nach bestimmten Schlüsselbegriffen aus und verschicken dann an automatisiert erstellte Massenmails an alle mögliche Kandidaten. Bei diesem Spiel gewinnt einzig der, der den günstigsten Preis anbieten kann. Meine Aufträge erhalte ich größtenteils durch Empfehlungen und bin in der gücklichen Lage, auch mal Projekte abzulehnen. Das mache ich vor allem dann, wenn ich das Gefühl habe, dass meine persönlichen Werte nicht mit denen des Auftraggebers zusammen kommen. Ich könnte mir beispielsweise keine Zusammenarbeit mit Rocket Media vorstellen. Ich glaube die beste Werbung für sich selbst ist, wenn man Spass an seinem Job hat. Damit die Freude nicht verloren geht, ist es wichtig, sich das passende Umfeld zu schaffen und die Erholung darf dabei ebenfalls nicht zu kurz kommen.

Manfred Steyer: Ich denke, dass Meetups eine gute und kostenneutrale Möglichkeit darstellen, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Dazu muss man nicht unbedingt einen Vortrag halten. Schaden tut es aber natürlich auch nicht. Auch Social Media stellen eine kostenneutrale Möglichkeit dar, auf sich aufmerksam zu machen.

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