Mobile Welten

HTML5: Das mobile Web wird erwachsen

Kay Glahn

Obwohl die Spezifikation des HTML-5-Standards noch immer nicht abgeschlossen ist, unterstützen bereits viele aktuelle Browser auf mobilen Geräten einen Großteil des aktuellen Drafts. In der Entwicklergemeinde ist die Diskussion Web versus Native nach wie vor ein wichtiges Thema. Obwohl aber auch HTML 5 diese Diskussion nicht beenden wird, dürfte doch der Übergang zwischen mobilen Webapplikationen und nativen Applikationen immer flüssiger werden.

Der aktuelle Trend zu mobilen Applikationen gewinnt immer mehr an Fahrt. Man kann das teilweise schon mit den Verhältnissen um die Jahrtausendwende vergleichen, wo jede Firma eine Website haben musste, um dabei zu sein. Jeder hatte Angst, dass er den Trend verschlafen könnte, und ohne eine Präsenz im Internet war man noch nicht im 21. Jahrhundert angelangt. Heute ist ein ähnlicher Trend mit mobilen Applikationen zu beobachten. Viele Firmen sehen, dass mobile Endgeräte immer wichtiger werden und wollen mit eigenen Apps oder mobilen Webseiten auf iPhone, Android und Co. vertreten sein.

Nachdem Anfang des Jahrzehnts viele Firmen mit dem damals hochgepriesenen WAP eine herbe Enttäuschung erlebt hatten, hielt man sich in Bezug auf das mobile Web zunächst erst einmal zurück. Als Apple dann mit dem ersten iPhone kam und zeigte, dass mobiles Web tatsächlich funktionieren kann, änderte sich vieles. Ausschlaggebend war dabei vor allem die Tatsache, dass Apple zunächst nur den mobilen Webbrowser als Applikationsplattform für Drittanbieter etablierte. Native Anwendungen waren beim iPhone 1.0 noch tabu und so blieb Entwicklern – trotz der schlechten Erinnerungen aus den WAP-Zeiten – nichts anderes übrig, als Webanwendungen zu entwickeln, wenn man auf dem iPhone präsent sein wollte. Und siehe da, dank eines leistungsfähigen, auf der offenen WebKit Engine basierenden Browsers funktionierte das und ließen sich Webanwendungen entwickeln, die vom Benutzerinterface her kaum von nativen Anwendungen zu unterscheiden waren.

Viel wichtiger für den Erfolg des mobilen Webs war allerdings die integrierte Datenflatrate. Bis zur Einführung des iPhones wurden mobile Datendienste vom Otto-Normalverbraucher entweder gar nicht oder nur äußerst zögerlich genutzt. Grund war, dass die entstehenden Kosten für die übertragenen Daten einfach unkalkulierbar waren und viele Nutzer nach vierstelligen Telefonrechnungen das erste und letzte Mal im mobilen Web surften. Die größte Innovation Apples war es vermutlich, das iPhone nur mit einem entsprechenden Datenvertrag anzubieten, der dem Nutzer die Angst vor einer mobilen Datenverbindung nahm. Erst dadurch konnte sich das mobile Web dahin entwickeln, wo es im Moment steht.

Web gegen native

Inzwischen erlaubt Apple auf dem iPhone auch die Entwicklung von nativen Anwendungen durch Drittanbieter. Durch einen einheitlichen App Store und ein durchgängiges Vertriebsmodel hat sich inzwischen auch dieses Konzept etabliert und zahlreiche Nachahmer wie Googles Android Market gefunden. Aber auch dieses Konzept ist nicht wirklich neu, denn herunterladbare Applikationen für Java ME gibt es schon seit mehr als zehn Jahren. Doch für den Endanwender waren hier vor allem der komplizierte Installationsvorgang und natürlich ebenfalls die unüberschaubaren Datenkosten abschreckend. Nachdem sich, durch das iPhone getrieben, beide Konzepte nun beim Otto-Normalverbraucher etabliert haben, gibt es in der Entwicklergemeinde umso heftigere Diskussionen, ob nun Webapplikationen oder native Applikationen der bessere Ansatz sind.

In der Septemberausgabe des Wired Magazins hat Chefredakteur Chris Anderson unter dem Titel „The Web is dead“ einen Artikel veröffentlicht, der den Trend zu immer mehr Internetapplikationen beschreibt, die nicht im Webbrowser laufen. Nur noch ein Viertel des gesamten Internet-Traffics werde durch das Web erzeugt und der Trend sei sinkend. Auf der anderen Seite deuten aber viele aktuelle Entwicklungen eher in die entgegengesetzte Richtung. Google stellt inzwischen zahlreiche mobile Applikationen wie Google Mail oder Google Voice als Webapplikationen bereit, die zum Großteil auf HTML 5 basieren, und was das User Interface und die Funktionalität betrifft, auf den ersten Blick wie native Applikationen aussehen. Google hat mit Google Gears for Mobile bereits zahlreiche Funktionalitäten von HTML 5 vorweggenommen, setzt nun aber auf inzwischen verfügbare Standards und treibt die Entwicklung von Google Gears nur noch eingeschränkt voran.

Lokale Datenspeicherung

Doch was bringt HTML 5 eigentlich neues für den mobilen Entwickler? Kann man damit irgendetwas machen, das bisher nicht möglich war? Obwohl in der letzten Zeit vor allem die Funktionen zum Einbetten von Videos im Mittelpunkt der Diskussion standen, gibt es zahlreiche andere Funktionen, die für die Entwicklung mobiler Webapplikationen vermutlich von größerer Relevanz sind. Viele der für den mobilen Bereich interessanten Funktionen sind aber in separaten APIs spezifiziert, die HTML 5 lediglich ergänzen.

Einer der wichtigsten Neurungen für den mobilen Bereich ist die Web Storage API, die zwar streng genommen nicht Teil der HTML-5-Spezifikation ist, aber oft im Zusammenhang mit HTML 5 genutzt wird und auch in den meisten aktuellen Implementierungen vorhanden ist. Was früher nur mit proprietären APIs oder zusätzlichen Frameworks wie Google Gears möglich war, ist jetzt standardmäßig vorhanden. Die Local Storage API ermöglicht das lokale Abspeichern von Schlüssel- und Wertepaaren, um diese später abzurufen. Im Gegensatz zu Cookies können wesentlich größere Datenmengen abgelegt werden, und außerdem erfolgt der Zugriff auf die Daten von lokalen JavaScript-Routinen und nicht vom Server aus. Dies ermöglicht es zum einen, wenn die Webapplikation entsprechend entwickelt ist, auch dann auf wichtige Daten zuzugreifen, wenn gerade keine Netzwerkverbindung besteht, was bei Mobile-Funkverbindungen durchaus passieren kann. Ein anderer wichtiger Einsatzbereich des Local Storage ist das so genannte Pre-Fetching. Eine intelligent programmierte Webapplikation kann hierdurch bereits Daten vorab in den lokalen Speicher laden und sie dann, zum Beispiel bei dem Wechsel auf die nächste Seite, blitzschnell anzeigen, ohne das die Daten erst in dem Moment, wo sie benötigt werden, über das eventuell langsame Mobilfunknetz angefordert werden müssen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist wieder Googles Gmail-Webapplikation für das iPhone und Android. Der Mail-Client, der als Webapplikation bereit gestellt wird, macht sich die Funktion der lokalen Datenspeicherung zu Nutze.

Abb. 1: Die mobile Version von Google Voice wird als Webapplikation bereit gestellt, sieht aber einer nativen Applikation zum Verwechseln ähnlich
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Kay Glahn
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