Hindernisse erst gar nicht aufbauen

Barrierefreie Software entwickeln

André Meixner

©Shutterstock / Tyler Olson

Das Thema Digitalisierung wird bereits seit einigen Jahren durch die Medien und Unternehmen getrieben. Dabei geht jedoch oft unter, was diese Entwicklung für Menschen bedeutet, die körperlich eingeschränkt sind. Wie können blinde Menschen mit einem Monitor arbeiten? Wie können motorisch eingeschränkte Nutzer eine Maus bedienen? Wenn die Anforderungen einer barrierefreien Software vom Anfang bis Ende der Entwicklung mit einfließen, lässt sich Chancengleichheit herstellen und fördern.

Die Barrierefreiheit im täglichen Lebensraum wird bereits seit einigen Jahren verbessert, z. B. durch Rampen an Bahnsteigen oder Fahrstühle. Sie muss sich nun auch stärker in den digitalen Raum ausweiten, der mittlerweile einen großen Teil unserer Lebenswelt einnimmt. Barrierefreie IT soll Chancengleichheit wiederherstellen beziehungsweise ausbauen. Auch und insbesondere für ältere Menschen, die nach dem heutigen demographischen Wandel eine zunehmend größere Gruppe innerhalb unserer Gesellschaft bilden, sind barrierefreie Internet- und Softwareangebote immer wichtiger.

Unabhängig von einem barrierefreien Angebot im privaten Alltag, muss diese Chancengleichheit auch in der Berufswelt gelten. Jeder Arbeitgeber muss gemäß Sozialgesetzbuch SGB IX Paragraph 81 dafür sorgen, dass Mitarbeiter barrierefreie Arbeitsplätze nutzen können. Zu dem Arbeitsplatz gehört selbstverständlich auch die Software, die dem Mitarbeiter innerhalb des Unternehmens einen barrierefreien Zugang ermöglichen muss. Im öffentlichen Sektor greift darüber hinaus auch noch die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) (Abb. 1). Diese soll gewährleisten, dass Menschen mit Behinderungen die Informationen aller öffentlichen Internetpräsenzen der Einrichtungen der Bundesverwaltung uneingeschränkt nutzen können (Kasten „Rechtliche Grundlagen der Gestaltung barrierefreier Arbeitsplätze“).

Abb. 1: Die rechtlichen Grundlagen, Richtlinien und Gesetze zur barrierefreien IT

Abb. 1: Die rechtlichen Grundlagen, Richtlinien und Gesetze zur barrierefreien IT

Rechtliche Grundlagen der Gestaltung barrierefreier Arbeitsplätze

Als Basis für barrierefreie IT können zunächst zwei übergeordnete Gesetze herangezogen werden: Zum einen die Gleichbehandlungsrahmenrichtlinie der Europäischen Union, zum anderen Artikel 3 Absatz 3 im Grundgesetz, der eine Benachteiligung von Menschen mit einer Behinderung ausschließt. Konkreter wird es im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), das die gleichberechtigte Teilhabe von behinderten Menschen am gesellschaftlichen Leben regelt. Hier heißt es, dass gestaltete Lebensbereiche barrierefrei sind, wenn sie in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. Diese Regelungen haben zunächst keine direkte Auswirkung auf Unternehmen und Arbeitgeber. Sie definieren jedoch bereits, dass per Gesetz eine Chancengleichheit hergestellt werden muss.

Paragraph 81 des Sozialgesetzbuchs geht dagegen schon stark auf die Pflichten des Arbeitgebers ein. So definiert er unter anderem die notwendigen Maßnahmen für barrierefreie Arbeitsplätze. Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) liefert die Richtlinien für die Gestaltung barrierefreier Software. Das Ziel der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) ist es, einen internationalen Standard für die Barrierefreiheit von Webinhalten zu schaffen. Zusätzlich zur BITV 2.0 finden auch diese Richtlinien bei Softwaretests Verwendung.

Aus Sicht der Unternehmen greifen die arbeitsrechtlichen Gesetze natürlich erst, wenn der Bedarf auch wirklich besteht, also wenn ein körperlich eingeschränkter Kollege im Unternehmen anfängt. Nichtsdestotrotz ist es besonders auch bei Webseiten wichtig, dass diese für alle Nutzer gut zu bedienen sind. Aus diesem Grund sollten Software und Webpräsenzen auch unabhängig vom Arbeitsplatz einen barrierefreien Zugang ermöglichen.

Die gesetzlichen Entwicklungen zeigen, dass die Etablierung barrierefreier Technologien zunehmend nicht mehr nur eine schöne Geste ist, sondern schlicht eine notwendige Maßnahme. Diese umzusetzen muss für Unternehmen nicht bedeuten, dass sie vollkommen neue Services zur Verfügung stellen müssen. Vielmehr müssen die vorhandenen Services gemäß barrierefreier Vorgaben ordentlich strukturiert und programmiert werden.

Schritt 1: Anforderungsspezifikationen definieren

Bevor Entwickler mit dem Programmieren barrierefreier Software beginnen, müssen sie für die speziellen Bedürfnisse behinderter oder eingeschränkter Menschen sensibilisiert sein. Welche Nutzergruppen sollen Zugriff auf die Software haben? Welche Einschränkungen werden sie haben? Welche Anforderungen entstehen daraus, und welche Auswirkungen hat das auf die eigentliche Programmierung?

Alle Überlegungen erfolgen dann nach dem Zwei-Sinne-Prinzip. Ein Beispiel: Ein Nutzer ohne Einschränkungen agiert primär visuell mit dem User Interface einer Software. Er sieht, wo er klicken muss und welche Aktion darauf folgt. Ein blinder Nutzer hingegen kann das nicht. Eine normale Checkbox, beispielsweise, um einen Newsletter zu bestellen, reicht hier nicht aus. Zusätzlich müssen im Quellcode also weitere Informationen hinterlegt sein, wie etwa der auditive Hinweis, dass es sich um eine Checkbox handelt, ob diese aktiviert ist oder nicht und was eine Aktivierung genau aussagt, sprich: Erhalte ich dann einen Newsletter oder nicht. Diese Informationen kann ein blinder Nutzer dann mit assistiven Hilfsmitteln auslesen, z. B mit einem Screenreader. Das geht aber eben nur, wenn die Informationen auch wirklich im Quellcode aller Bedienelemente hinterlegt sind.

Sind die spezifischen Anforderungen definiert, müssen sie bei einer agilen Softwareentwicklung in jedem Sprint getestet werden. Ist die Bedienbarkeit auch per Tastatur korrekt definiert? Sind die Farbkontraste gut berechnet? Hierfür ist es durchaus sinnvoll, die anvisierte Zielgruppe für Feedback und Tests einzuspannen. Ohnehin sind regelmäßige Tests während jeder Iteration ein sehr wichtiges Element, um Programmierungen zu vermeiden, die nicht dem Zwei-Sinne-Prinzip folgen.

Abb. 2: Barrierefreiheit lässt sich als Anforderung in den Entwicklungsprozess integrieren

Abb. 2: Barrierefreiheit lässt sich als Anforderung in den Entwicklungsprozess integrieren

Schritt 2: Designphase

Sind die Anforderungen genau definiert und ist die Zielgruppe klar, können Konzepter und Designer auf Basis des Anforderungskatalogs das Design einer Software oder Website erstellen. Auch hier ist es notwendig oder zumindest sehr empfehlenswert, dass Experten ein Konzeptreview vornehmen, um Stolpersteine für die Barrierefreiheit zu vermeiden. Das kann bereits bei der Navigation anfangen. Muss eine Bedienung tatsächlich nur per Drag and Drop, also per Maus, funktionieren? Ist eine Drop-down-Liste mit Bedienmöglichkeit über die Tastatur als Alternative denkbar? Für gehörlose und hörgeschädigte Nutzer sollten Websites und Software zudem zusätzliche Informationen bereithalten. Dazu gehören auch Untertitel für Videos, die Bereitstellung von Inhalten in leichter Sprache und Gebärdensprachvideos. Ein besonderes Problem sind oft die hinterlegten Zusatzdokumente. PDFs sind eine beliebte Methode, um Handbücher, Formulare und andere essenzielle Informationen zur Verfügung zu stellen. Ähnlich wie bei dem Beispiel der Checkbox gilt aber auch hier: Sind die Dokumente nicht entsprechend mit auditiven Hinweisen versehen, können blinde Menschen sie weder lesen noch bedienen.

Generell muss die Anordnung aus Menü, Überschriften, Tabellen und Formularen in eine Programmstruktur überführt werden, die für eingeschränkte Nutzer durch Hilfsmittel wie Screenreader oder Bildschirmlupen lesbar wird.

Schritt 3: Implementierung

Wenn Experten das Konzept geprüft haben und das Zwei-Sinne-Prinzip sowohl strukturell als auch in Bezug auf Design und Content an jeder Stelle umgesetzt wurde, kann die Implementierung beginnen. Auch hier sind regelmäßige Tests äußerst wichtig, um die abschließende Funktionalität zu gewährleisten. Unternehmen haben hier im Grunde drei verschiedene Möglichkeiten, die Implementierung umzusetzen. Der zuständige Entwickler selbst kann die Implementierung und auch die Tests vornehmen. Ist er in barrierefreien Technologien gut geschult, kann dies funktionieren. Allerdings sind viele Entwickler nicht mit allen Einzelheiten vertraut und müssen sich ihr Wissen über Barrierefreiheit erst wochenlang erarbeiten. Das kann die Projektkosten in die Höhe treiben.

Eine weitere Möglichkeit ist das Einbinden eines Experten, der die Implementierungsschritte sprintweise testet. Damit können Unternehmen sicher sein, dass alle Schritte von einem Profi geprüft werden, der mit den relevanten Kriterien vertraut ist. Die dritte Option besteht darin, von Anfang an auf eine Tandementwicklung zu setzen. Ein Expertenteam kann dann gemeinsam mit dem Entwickler von Beginn an das Design und Konzept prüfen sowie die Software gemäß eines umfangreichen Prüfkatalogs implementieren. Durch diese Herangehensweise ersparen sich Unternehmen und auch Entwickler die nachträgliche Ausbesserung vieler Details.

Schritt 4: Testphase

Obwohl der jeweilige Projektmanager in jeder Entwicklungsphase regelmäßig Tests vornehmen sollte, ersetzt das nicht die abschließenden Tests über die gesamte Anwendung. Besonderes Augenmerk sollten Entwickler hier auf die Tastaturbedienbarkeit legen. Viele Bedienelemente setzen einen Umgang mit der Maus oder dem Touchscreen voraus, der für blinde und motorisch eingeschränkte Nutzer zum Problem werden kann. Auch die Farbkontraste sind für sehbehinderte Menschen oft zu gering angesetzt. Blendempfindliche Nutzer hingegen können mit einem Hochkontrastschema, also einem dunklen Hintergrund mit weißer Schrift, wesentlich besser arbeiten. Bei einem Smartphone kann man dieses Schema häufig durch die Funktion „Display invertieren“ einstellen. Allerdings kann hier das Problem auftauchen, dass Schaltflächen, z. B. Icons, die Invertierung nicht übernehmen und schlicht verschwinden. Alle diese Aspekte müssen anhand der BITV 2.0 überprüft und, sofern notwendig, angepasst werden (Abb. 3).

Abb. 3: Eines der häufigsten Zugänglichkeitsprobleme bei Software sind fehlende Orientierungs- und Navigationshilfen

Abb. 3: Eines der häufigsten Zugänglichkeitsprobleme bei Software sind fehlende Orientierungs- und Navigationshilfen

Anforderungen und Überlegungen des Managements

Prinzipiell muss jeder Arbeitgeber einen Arbeitsplatz mit barrierefreier IT zur Verfügung stellen. Allerdings findet aus ökonomischen Gründen meist zuerst eine Evaluation nach Eintrittswahrscheinlichkeit und Auswirkungen der jeweiligen Szenarien statt. Was muss ich als Arbeitgeber bei meinen Arbeitsplätzen anpassen, wenn ich einen behinderten Mitarbeiter einstelle? Was muss ich bereits vorher vorbereiten, weil es zeitaufwendiger ist, und was kann ich in der akuten Situation relativ schnell umsetzen? Konzeptionelle Maßnahmen an einer Software, beispielsweise das erwähnte Drag and Drop oder auch die Tastaturbedienbarkeit, können in der Anpassung sehr aufwendig sein. Kontrastanpassungen lassen sich hingegen wesentlich schneller vornehmen. Umfangreichere oder zeitaufwendigere Maßnahmen sollten Unternehmer im Idealfall umsetzen, bevor der konkrete Fall eintritt.

In den meisten Fällen wird es so sein, dass Unternehmen erst in Barrierefreiheit investieren, wenn ein konkreter Fall eintritt und sie daher zum Handeln gezwungen sind. Eine frühzeitige Integration kann jedoch letzten Endes auf lange Sicht Kosten sparen. Am sinnvollsten ist es, bei der Entwicklung neuer Software schon in der Planungsphase mit Experten zusammenzuarbeiten. Bei einer nachträglichen Ausbesserung einer fertig entwickelten Lösung können die Kosten das ursprüngliche Projektbudgets sogar noch übersteigen. Eine entwicklungsbegleitende Unterstützung eines Projekts schlägt hingegen in der Regel nur mit etwa fünf bis zehn Prozent des gesamten Projektbudgets zu Buche. Besonders wenn ohnehin Neustrukturierungen innerhalb der IT geplant sind, sollten Unternehmen diese Rechnung im Hinterkopf behalten und lieber gleich in eine fachgerechte Umsetzung nach barrierefreiem Standard investieren.

Geschrieben von
André Meixner
André Meixner
André Meixner hat an der TU Dresden Medieninformatik studiert. Er vertiefte dabei vor allem die Themengebiete Barrierefreiheit, Usability und Psychologie. Nach seinem Abschluss mit Auszeichnung übernahm er eine Stelle bei T-Systems Multimedia Solutions, um dort das Innovationsthema Usability weiterzuentwickeln. Heute ist die Hauptaufgabe dieses Bereichs der Test von Anwendungen auf Usability und Barrierefreiheit sowie die Beratung in diesen Themengebieten. Für André Meixner stehen vor allem die Qualität in der Kundenberatung und die Effizienz der Tests im Vordergrund.
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

2 Kommentare auf "Barrierefreie Software entwickeln"

avatar
400
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu:
Nblix
Gast

Schön und wichtig, dass dieses Thema hier behandelt wird! Ein guter Artikel. Allerdings ist es etwas schade, dass Teile des Artikels nur als Abbildungen eingefügt sind. Diese Teile werden von meinem Screen Reader nicht vorgelesen, sondern als Abbildung 1 etc. bezeichnet …

Melanie Feldmann
Mitglied

Danke für das Lob und den Hinweis, wo wir unsere Seite noch verbessern können.