Headhunter - JAXenter
Geek's Guide to the Working Life - Teil 12

Headhunter

Pavlo Baron

Ein Donnerstagvormittag in einem Geek-Zimmer. Peter, Franz und Torben sind zugegen. Die einzigen hörbaren Geräusche stammen von den unregelmäßig klackernden Tasten, summenden Rechnern, mehr oder minder leise geschalteten Kopfhörern und den unter Hochspannung stehenden Hirnwindungen der Geeks, deren apathische Gesichtszüge und längere Denkpausen einen außenstehenden leicht zum irrtümlichen Eindruck der Tatenlosigkeit verleiten können.

Plötzlich wie aus dem nichts klingelt Peters Telefon. Er hebt ab: „Meier, Hallo“. Nach fünfundvierzig Sekunden angestrengten Zuhörens ohne ersichtliche Veränderung in den Gesichtszügen sagt er aber wieder etwas: „Ach so, kleinen Moment bitte“. Dann nimmt er den Hörer vom Gesicht und sagt laut: „Hey, ich hab‘ hier ’nen Headhunter am Rohr, der fragt, ob einer sucht. Ich such‘ nicht. Tut’s einer von euch?“ Ein paar Lacher. Sonst passiert nichts. Er nimmt den Hörer wieder vor den Mund: „Ne, wir. Hallo? Hallo? Hm, hat aufgelegt.“

Am Mittagstisch, nachdem die Bestellungen aufgegeben wurden, musste der Inzident natürlich vollumfänglich diskutiert werden. Dabei ging es vor allem darum, wie nervig diese Headhunter doch sind. Torben hat sich sogar buchstäblich mit Schmerz in der Stimme extrem darüber beschwert, dass kein Tag vergeht, an dem er nicht von zwanzig verschiedenen Headhuntern zwanzig verschiedene Anfragen bekommt. Und auch darüber, dass er schon fast keine Zeit mehr hat, diese Anfragen überhaupt zu lesen. Dem Sarkasmus nah war der Torben, als er es erzählt hatte. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man es sogar mit Stolz verwechseln. Aber man kannte ja den Torben.

Als die Bedienung die Suppe brachte, packte Torben sein iPhone aus und startete die Xing App. „Mal sehen, ob mich in der Zwischenzeit ein Headhunter kontaktiert hat“ – dachte er. „Diese lästigen Headhunter, dass sie nie Ruhe geben!“ Als er keine neuen Nachrichten im Posteingang registriert hatte, dachte er erneut: „Komisch, bisher haben sie mich jeden Tag mehrfach kontaktiert. Vielleicht nicht so häufig, das müssen aber die anderen nicht wissen. Geht die App überhaupt? Ich prüfe mal die Settings“. und fing an, in den Settings nach einer Lösung für ein nicht existierendes Problem zu suchen.

Gerade als man mit dem Süppchen durch war, plingte das iPhone von Franz. Nun, alle drei haben nach ihren iPhones gegriffen, so zucken sie übrigens mehrmals am Tag synchron zusammen, was für einen Außenstehenden durchaus nach einem Krankheitssymptom aussehen kann. In diesem Fall hat nur der Franz zufrieden sagen dürfen: „Das ist meins“, während die anderen immer noch zweifelnd ihre Geräte in den Händen herumdrehten und bei der Gelegenheit gleich ein paar Apps starteten, bevor die iPhones wieder in den Taschen verschwanden.

Der glückliche Franz grinste innerlich von einem Ohr zum anderen, da er über Xing gleich zwei E-Mails bekommen hat. Seinen Geek-Kollegen hat er aber irgendwas von E-Mails von Freunden gemurmelt, um keinen Verdacht zu erwecken, obwohl es wirklich keinen interessiert hatte. Und obwohl ihn diese Xing-Mails selbst wirklich nicht interessierten. Sein erstes Schätzchen hatte folgenden Nettoinhalt:

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!!!DIE GELEGENHEIT FÜR IHRE KARRIERE!!!

Sehr geehrter Herr Schmidt,

mit großem Interesse habe ich Ihr Xing-Profil gelesen.

Unser Kunde ist ein erfolgreiches Unternehmen auf dem Gebiet von bla bla bla Rhabarber X Y Z.

Ab sofort sucht der Kunde zur Projektunterstützung für 2 Monate einen sehr erfahrenen

JUNIOR WINDOWS NETZWERKADMINISTRATOR

Wenn diese sehr interessante Position für Sie bla bla bla Rhabarber X Y Z.

Peter Petrukowski, ProPersonalXYZ

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In dem Xing-Profil von Franz stand aktuell: Team Lead Web Development & Technologies.

In diesem Moment hat die Bedienung auch schon das Schnitzel mit Pommes gebracht. Die iPhones vermehrten sich aber wieder an der Oberfläche. Es kam nämlich wieder das von Torben zum Vorschein, der erfolglos die Xing App bemühte. Es ist ja nicht so, dass er die Kontaktinformationen des lästigen Headhunters nicht in seine Kontaktliste eingetragen hat. Und ihn sogar in Xing bestätigt.

Wo zwei iPhones wieder an der Oberfläche sind, darf natürlich das dritte nicht fehlen. Es klingelte nämlich, und der Peter nahm ab. „Maier, Hallo“. Er verschwand langsam in einer anderen Ecke der Lokalität, um in Ruhe sprechen zu können. „Wer? Ach so, guten Tag“. Ein Headhunter – jetzt aber in etwas privaterer Atmosphäre. „Wen suchen die? Aha, das klingt interessant“. Ein Kugelschreiber kam zum Vorschein. „Wie heißt die Firma? Aber das ist doch eine unserer Tochterfirmen! Wo haben Sie denn mein Profil her? Aus Xing? Und da haben Sie die Firmenkonstellation nicht überprüft?“ Kugelschreiber verschwand wieder in der Tasche. „O.K., vielen Dank, auf Wiederhören.“ Peter kehrte langsam an den Tisch zurück, an dem Torben immer noch an seinem iPhone herumfummelte und Franz gerade an seinem iPhone mit etwas weniger erhellter Miene und konstantem Desinteresse die zweite E-Mail folgenden Inhaltes las:

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PERFECT JOB OPPORTUNITY IN A TOP 500000 COMPANY

Dr. Madam,

Our German customer is currently looking for a software engineer blah blah blah.

Annual salary: 35000

Contract duration: 6 months

Ivan Ivanov

12345 Brjaskov, Bulgaria

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Kurz darauf durften alle iPhones auch wieder in ihre Heimattaschen, und ihre Plätze in den Händen haben die Gabeln und die Messer eingenommen – wie es sich am Tisch gehört.

Und was ist die Moral? Das Essen wurde inzwischen natürlich kalt. Einen Guten.

Pavlo Baron ist Speaker auf verschiedenen Konferenzen und Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“ sowie zahlreicher Artikel. Twitter: @pavlobaron.
Geschrieben von
Pavlo Baron
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