Die Meetings

Geek’s Guide to the Working Life 7

Das Tagesglück eines Geeks ist meist von kurzer Dauer. Kaum hat er den fünften Kaffee hinter sich und somit das Gehirn auf Betriebstemperatur, kaum hat er nach ein, zwei Stunden mühsamem, fast schon gewaltsamem Nachdenken das gestrige Problem wieder mental aufgegriffen, kaum blinzelt am Horizont der Erkenntnis ein unsicheres Lichtlein der Idee auf und kaum ist er bereit, endlich in die Tasten zu hauen, da verschleppt ihn auch schon irgendein kontraproduktiver Widerling in ein Meeting. Und je nachdem, wie übel dieses Unding ausfällt – thematisch, zeitlich etc., ist der Tag eventuell auch schon wieder herum, und man kann nichts mehr tun, um wieder dieselbe Drehzahl zu erreichen, die man noch vor dem Meeting hatte. Auch eine erneute Kaffeezufuhr hilft da herzlich wenig. Ein Horror, der nur mit privatem Hacken außerhalb der Arbeitszeit ausgeglichen werden kann, oder während der Arbeitszeit, wenn der Geek ganz viel Glück hat.

Deswegen verwundert es niemanden, dass über viele Jahre schlaue Geeks (und Geeks sind schlau – bitte nicht vergessen!) mehr oder weniger erfolgreiche Methoden erfunden und perfektioniert haben, um dem Meetinghorror zu entkommen oder sich mit diesem zumindest so zu arrangieren, dass er einen nicht weiter stört oder gar eine gewisse Abwechslung und ein bisschen Spaß in den grauen Alltag bringt. Dies hier ist zwar nicht deren vollständiger Katalog, aber zumindest eine Übersicht der wichtigsten davon.

Fangen wir damit an, wie man Meetings überhaupt abwehrt. Die scheinbar harmloseste Methode ist es, auf das Management bei jeder günstigen und ungünstigen Gelegenheit empört einzureden, wie doof man Meetings findet und wie sehr sie einen von der Arbeit abhalten. An sich nichts Schlimmes, oder? Lässt einen wie ein tüchtiges Arbeitstier aussehen, nicht wahr? Falsch! Man verspürt eher den starken Wunsch, demjenigen, der es übertreibt und oft wiederholt, ein Preisschild an die Stirn zu tackern. Schlaue Manager tun das übrigens auch.

Viel besser funktioniert da die rein technologische Sabotage von Meetings. Beispiel gefällig? Aber bitte: Die ganze Firma nutzt eine Groupware, aber nicht du. Du nutzt einen damit inkompatiblen, dafür aber freien E-Mail-Client. Die Termineinladungen trudeln bei dir als einfache E-Mails ein. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass dich die Erinnerungsfunktion der Termine nicht weiter belästigt. Kurz nach Erhalt der Termineinladung weißt du nichts mehr von dem Ding, am allerwenigsten dann, wenn es soweit ist. Und wenn es einen stört, sagst du einfach, dass du der Firma teure Lizenzkosten sparst. Na, wer will dir da noch was anhaben?

Was tun aber, wenn es dich dann doch noch wider Willen in ein Meeting verschlagen hat? Dann muss man es sich dort in jedem Fall bequem machen. Und wie man es macht, hängt ganz vom eigenen Charakter und der Tagesform ab. Aber für jeden gibt es da Abhilfe, keine Sorge.

Die eine Möglichkeit ist, das Meeting zügig in einen konstruktiven Monolog zu verwandeln, sofern du die dazu erforderliche Eloquenz und Frechheit besitzt. Die Themenwahl ist dabei sekundär, wobei es natürlich besser ist, ein Thema zu wählen, das einem selbst imponiert. Es muss dabei nicht zwangsläufig mit dem eigentlichen Thema des Meetings korrelieren bzw. überhaupt harmonieren. Es sollte sogar vorzugsweise ganz was anderes sein, damit es noch spannender und abwechslungsreicher wird. Die Kommentare und Versuche der Kontrollübernahme des ursprünglich berufenen Moderators dürften durchaus für bestimmtes Knistern sorgen.

Eine etwas stillere Alternative, aber nicht minder frech, ist der gesunde, revitalisierende Schlaf. Es ist sowieso ein Rätsel, warum die Trainer für Zeitmanagement die Meetings noch nicht auf dem Radar haben. Nicht so, wie ihr denkt. Nicht streichen, das wäre zu banal. Man sollte die Meetings vielmehr zum Ausschlafen nutzen – das haben die Jungs noch nicht als Idee für ihre Beratungen entdeckt. Dein Chef bemängelt dein Zeitmanagement? Kein Problem! Schlaf‘ dich in den Meetings aus, nach dem du Nächte durchzockst oder hackst oder Filme schaust. Du wirst sehen, wie gut dir der Schlaf tun wird.

Im Fall einer wie auch immer gearteten Insomnie ist der direkte Augenkontakt zum aktuellen Redner im Meeting generell das Letzte, was man suchen sollte. Das sieht man ja auch auf den Konferenzen. Da beherrschen die Geeks die Kunst der Laptop-Barriere perfekt, dank der z. B. ein Versicherungsvertreter ganz schnell verhungern würde. Aber doch nicht du. Setz‘ dich doch in ein Meeting und zeig‘ dem Redner stolz die Rückseite deines aufgeklappten Laptops. Und wenn das mit dem Laptop nicht zieht, nimm‘ ein Stück Papier und mal‘ lustige Bilder. Beide Varianten markieren multidimensional deine körperliche Präsenz bei zeitlicher Kenntnisnahme der Veranstaltung.

Gruppendynamik spielt bei Meetings auch eine wichtige Rolle. Falls du und ein paar deiner Kollegen eine vertraute Gruppe bildet und der Moderator die Situation nicht wirklich beherrscht, fangt doch einfach mal ein eigenes Meeting im Meeting an. Werft euch am besten kurze, prägnante Sätze über den Tisch, damit euer Gespräch das sonstige Meeting latent übertönt. Das muss aber geübt sein, damit es nicht in einer Kakophonie endet. Nach zwei, drei Versuchen hat man aber den Dreh heraus, und die Gruppe ist unter Garantie ein willkommener Gast in jedem wichtigen Meeting.

Und zu guter Letzt: Lass’ dir die Meetings von deinem Chef priorisieren. Wie, das geht nicht? Klar geht das! Du sagst: Das und das wird nicht fertig, wenn ich da und da hin gehe. Priorisiere! Ein, zweimal lacht er, wenn du aber hart bleibst, verstummt ihm das Lachen recht schnell. Viel Erfolg!

Pavlo Baron ist Enterprise IT Architect in München. Er ist Autor zahlreicher Artikel, Speaker auf verschiedenen Konferenzen und Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“.
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