Der Go-Live

Geek’s Guide To The Working Life 6

Pavlo Baron

Ach, wie schön wäre doch das Leben von Geeks, wenn es nur darum ginge, hinter verschlossener Tür in relativer Dunkelheit und vor allem in beinahe klösterlicher Ruhe zu coden. Aber irgendwelche bösen, dunklen, aller Wahrscheinlichkeit nach außerirdischen Mächte suchen in regelmäßigen Zeitabständen ihre nähere Umgebung auf, bemächtigen sich der Körper und der Geister der Produktmanager und bestehen mit unbiegsamer Hartnäckigkeit darauf, die Software zu releasen, also produktiv zu stellen, damit live zu gehen oder welche auch immer skurrilen Ausdrücke sie für diesen ganz offensichtlich zeitraubenden, unkreativen, stressigen und schlichtweg überflüssigen Nonsens verwenden mögen.

Ein geistig verwirrter Geek, dem jedoch in allerletzter Sekunde die Flucht aus den Klauen dieses, wohlgemerkt, häufig wiederkehrenden Alptraumes gelang, war so freundlich, uns zitternder Hand das Protokoll eines solchen Go-Live zu zeigen, das wir dem Leser auf gar keinen Fall vorenthalten wollen.

15:00

E-Mail an alle Mitarbeiter: Wir erinnern Sie daran, dass wir ab heute 19 Uhr mit der Einführung unseres neuen Systems beginnen … Ab morgen steht es zur Verfügung …

18:30

Letztes Planungsmeeting (München): Alle anwesend? Ja. Nein, Fritz (DBA) ist nicht da. Er steckt im Stau bei Augsburg. %§%§%&&§“$%“$%!!!! Alle warten auf Fritz – ohne DBA kann kaum was gemacht werden.

19:55

Ein weiteres letztes Planungsmeeting (nun mit Fritz): Ein Check nach dem anderen. Mittendrin stellt sich heraus, dass das Sichern der Dateien, das gestern angestoßen wurde, immer noch läuft. Wie lange wird es dauern? Keine Ahnung – der Prozess läuft leider ohne Log, und alleine das Prüfen der Plattenbelegungsdeltas wird möglicherweise Stunden dauern. §$§§%&%%$&/$&/$&!!!!!!

20:10

Anruf vom Management: Wir sitzen hier im Restaurant „Da Vinci“ zusammen mit unseren Kunden und feiern die Einführung des neuen Systems (Korken knallen im Hintergrund)

20:20

Pizza wird bestellt

21:30

Fertig mit dem Abendessen. Sicherung der Dateien läuft immer noch. Alle sitzen tatenlos herum und warten.

22:25

Anruf vom Management: Wie, ihr seid noch nicht fertig? Was für Schwierigkeiten? Aber der Sekt ist ja schon getrunken! $%&%/$&///$&//&$$!!!!!!

23:10

Dateisicherung ist abgeschlossen! Der Go-Live kann beginnen.

01:55

Alle Schritte erledigt ohne weitere Abenteuer. Zeit, nach Hause zu gehen. Der echte Test kommt morgen früh, wenn die Kunden sich darauf stürzen.

08:00

E-Mail an alle Mitarbeiter: Wir sind stolz darauf, dass wir letzte Nacht das neue System gelauncht haben. Zusammen haben wir Großartiges geleistet! Eine tolle Arbeit von allen Beteiligten. Vielen Dank, und lasst uns dieses Ereignis heute Abend mit einem kleinen Umtrunk gemeinsam gebührend feiern! …

08:35

E-Mail eines Vertriebsmitarbeiters an den IT-Support: Ich kann keine Kunden mehr anlegen. Das Programm stürzt sofort ab …

08:50

Anruf eines Vertriebsmitarbeiters beim IT-Support: Ich komme nicht ins System …

08:55

Bereits 45 Calls und 23 offene Tickets zum neuen System beim IT-Support. Und der Arbeitstag hat offiziell noch gar nicht begonnen!

09:00

Automatische Deployment-E-Mail: HOTFIX „Fatal Error 345“.

09:30

Krisensitzung beim Management. Es wird diskutiert, ob man jetzt noch repariert oder die Änderungen zurückrollt.

09:35

Automatische Deployment-E-Mail: HOTFIX „Fatal Error 349“.

10:00

Trotz Fehlern im System boomt das Geschäft. Viele neue Daten, die sich jedoch durch eben diese Fehler recht chaotisch verteilen.

10:15

Immer noch keine Einigung, ob Rollback oder Reparatur. Es kommen immer mehr neue Daten und IT-Support-Anfragen.

10:30

E-Mail an alle Mitarbeiter: Leider ist es zu kleinen Problemen im System gekommen. Wir arbeiten mit Hochdruck an deren Behebung und bitten um etwas Geduld …

10:35

Automatische Deployment-E-Mail: HOTFIX „Fatal Error 352“.

11:00

E-Mail an alle Mitarbeiter: Aufgrund von Faktoren, die nicht in unserer Macht stehen (Hardwareprobleme, höhere Gewalt etc.) müssen wir leider das neu gelaunchte System zurückrollen und auf den Stand von gestern zurückgehen. Dies hat leider auch zufolge, dass die neuen Daten seit heute Morgen verloren gehen. Wir werden versuchen, sie zu rekonstruieren, können dies jedoch nicht garantieren …

11:05

Alle Mitarbeiter: „“$%“$&§%&&%§%&§%&!!!!!

So, das wäre das Protokoll. Und das nächste Mal, wenn ihr für die lange Nacht des Go-Live eine Pizza-Bestellung plant, setzt doch gleich eine Person mehr auf die Liste. Wen? Na, den Murphy natürlich, wen denn sonst? Oder wusstet ihr etwa nicht, dass er unsere ganze Branche fast alleine treibt? Und in jedem Projekt mitwirkt. Sozusagen. Omnipräsent ist er, irgendwie, auf seine eigene, destruktive Art.

Aber nicht nur bei der Pizza-Bestellung sollte man an den Murphy denken: ein erfahrener Go-Live-Planer sieht nach jedem dritten Schritt im Ablaufplan einen sog. Murphy-Puffer vor. Und damit das Management keine dummen Fragen stellt, was z.B. „23:15 – Check: Hat Murphy zugeschlagen? “ bedeutet, steht stattdessen im Plan: „23:15 – Check: Strom, Kabel angeschlossen, es liegen keine Bücher auf Tastaturen, es wurde kein Kaffee verschüttet, „rm“ wurde überall durch Sicherheits-Script ersetzt etc …“.

Jetzt kann man live gehen, irgendwie. Zumindest aus Murphy-Sicht – er nickt es schon mal ab. Was nicht heißt, dass es funktionieren wird. Könnte aber. Muss aber nicht. Aber es könnte. Spätestens zwei Wochen nach dem Knallen der Sektkorken zum offiziellen, gar bombastischen Go-Live-Erfolg wäre die Sache zu 60–70 % stabil. Vielleicht. Wahrscheinlich sogar. Wenn der Murphy Ruhe gibt. Wird schon! Irgendwie …

Geschrieben von
Pavlo Baron
Pavlo Baron
  Pavlo Baron ist Enterprise IT Architect in München. Er ist Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“ sowie zahlreicher Artikel. Außerdem spricht er regelmäßig auf Konferenzen und in kleineren Kreisen und gibt so seine Erfahrungen und Beobachtungen weiter.
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