Die Gadgets

Geek’s Guide To The Working Life 5

Pavlo Baron

Wenn Sie auf der Straße jemanden sehen, der im strömenden Regen auf ein größeres Aller-Wahrscheinlickeit-nach-Handy-aber-man-kann-ja-nie-Wissen-bei-diesen-Dingern starrt und mit dem Daumen auf dessen Bildschirm ruckelnde Bewegungen vollführt, dabei 300 Euro teure Kopfhörer aufhat, bei dem es alle 10 Sekunden aus jeder Jacken- und Hosentasche bimmelt und piepst und der eine Uhr um das Handgelenk trägt, die alles messen kann – sogar den millimetergenauen Abstand des Besitzers zum nächstgelegenen Stern – nur nicht die aktuelle Uhrzeit, dann sollten Sie eines wissen: es ist kein Außerirdischer, sondern ein Geek. Oder jemand, der den falschen Beruf gewählt hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Er war einmal ein ganz normaler Junge. Ein Geek. Mit einem Uni-Abschluss. Oder auch ohne, man weiß es nicht mehr so genau. Jedenfalls weiß man, dass er es mit dem Lernen nicht so genau nahm und lieber seine ganze Zeit vor dem Rechner verbrachte. Und er war total vernarrt in alles, was mit Technik zu tun hatte. Und er hatte ein Fetisch für getrocknete Eierschalen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls, irgendwann hat es geheißen, der junge Mann muss arbeiten. Nicht, weil er Essen brauchte. Oder ein Dach über dem Kopf. Oder Klamotten. Denn davon hat es reichlich bei der Mutti gegeben. Nicht, dass er noch ein Baby war. Er stand ja auf eigenen Füßen. Es war ja auch völlig ausreichend, wenn sie ihm einmal im Monat sein Geld auf das Konto überwies. Sonst musste man das mit der Abhängigkeit nicht übertreiben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Arbeiten musste der junge Mann, weil ständig neues Spielzeug auf den Markt geworfen wurde, wovon unser Geek und seine Kameraden pausenlos entzückt, ja regelrecht wahnsinnig wurden – so genannte Gadgets. Und nicht nur neues Zeug, sondern hauptsächlich Nachfolger der Vorgänger, die ihre Vorgänger kurzer Hand zum Schrott erklärten und die bereits getätigten beachtlichen Investitionen zunichte machten. Meistens nutzloses Brimborium, das aber lauthals „KAUFE MICH! “ schrie. Aber das ist eine andere Geschichte.

Aber unser Geek konnte ja am Anfang seiner Karriere noch nicht so viel Geld verdienen, und wollte das auch nicht so richtig. Mit Muttis monatlichem Liebesbeweis ließ es sich garantiert noch eine Weile blendend aushalten, also wozu die Eile? Eben. Also was tat er? Er ging zu einer Firma, die solche Gadgets quasi als immateriellen Teil des Gehalts hergab. Wie, gibt‘s nicht? Klar gibt’s das. Aber das eine andere Geschichte.

Das Einstiegsgehalt war mickrig. Drauf gepfiffen! Denn gleich am ersten Tag gab’s geile Gadgets. Der Geek war baff. Der hatte zwei Monate wie ein Wilder Tage und Nächte durchgearbeitet, hatte beim Kunden im Büro geschlafen und hatte seiner Firma am Ende einen dicken Zusatzauftrag eingefahren. Und er hat dort ein Mädel kennengelernt – die Tania, die Brotzeit austrug. Sie mochte ihn, keine Frage, so wie sie ihn morgens immer angeschaut hat. Dabei war sie immer bloß verwirrt, wenn er unrasiert und teufelsartig hinter ihrem Brotzeitwagen auftauchte und leise nach einer Butterbreze fragte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Für den neuen Auftrag gab’s keine Gehaltserhöhung – war auch so nicht üblich. Und die wollte der Geek auch nicht. Muttis Liebesbekundungen kamen ja nach wie vor pünktlich, obwohl die selbstlose Dame immer häufiger und vehementer in Richtung der rein immateriellen Mutterliebe drängte. Aber noch mit wenig Nachdruck, also immer noch keine Eile mit der monetären Sache. Also wurde dem Geek stattdessen zur Belohnung ein superneues obergeiles Handy direkt in den Oberarm implantiert. Wie, gibt‘s nicht? Klar gibt’s das! Oder würden die Hollywood-Streifen etwa lügen? Na eben! Das ist alles hundertprozentige, lupenreine Wahrheit – in dieser oder einer anderen Zukunft oder Dimension. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das Gerät konnte alles Mögliche, u. a. auch Karaoke und Tennistraining. Die Kollegen waren alle zum Sabbern neidisch. Irgendwann, als die OP-Wunden verheilt waren, wollte Geek’s Chef es mal ausprobieren und rief auf dem Handy an. Der Arm bimmelte und vibrierte fröhlich los. Der Geek drückte ein paar Knöpfe, aber der Arm bimmelte und vibrierte weiter, und weiter… Sonst geschah nichts. 15 Minuten. Es wurde auch langsam peinlich. Aber der Handy-Arm war so raffiniert, dass man nicht wusste, wo der Knopf zum Gespräch-Annehmen war. Ist auch bei herkömmlichen Handys manchmal so. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dann ist der Geek auf den Geschmack solcher Implantate gekommen. Da war es auch egal, dass die liebe Frau Mutter die finanziell portionierte Mutterliebe gänzlich eingestellt hat. Es mussten weitere Gadgets her. Eine spezielle Kamera im rechten Auge, die Damenkleidung übersehen ließ. Spezielle Fingerkuppen, die selbst Clean-Code schrieben. Ein neues Gehirn, welches deutlich besser in Patterns dachte. Neue Füße, die eben auch tippen konnten, sodass die Arbeit nun im Quartett erledigt werden konnte. Der Allerwerteste, der niemals an die Pause dachte und wie magnetisiert am Stuhl klebte. Alles Gadgets. Alles tolle, sinnvolle Dinge, wie manch ein anderes, heute schon auch extern nutzbares Gerät. Aber das ist eine andere Geschichte.

Doch Geeks Chef war übrigens im Gegensatz zu dessen Mutti nicht so selbstlos und hat seine Investitionen gut geschützt: Als die wichtigsten Organe von den Gadget-Implantaten ersetzt wurden, hat er den Geek an eine Schaltung gehängt und die Kontrolle über ihn übernommen. Der Geek klopft jetzt für 2,50 die Stunde, weil er machtlos am Kabel hängt und sich überhaupt nicht befreien kann. Selber schuld. Aber das ist eine andere Geschichte.

Geschrieben von
Pavlo Baron
Pavlo Baron
  Pavlo Baron ist Enterprise IT Architect in München. Er ist Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“ sowie zahlreicher Artikel. Außerdem spricht er regelmäßig auf Konferenzen und in kleineren Kreisen und gibt so seine Erfahrungen und Beobachtungen weiter.
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.