Kapitel 3: Die Stellenanzeige

Geek’s Guide to the Working Life 3

Pavlo Baron

Ob in Krisenzeiten oder in den Perioden der invertierten Geldnot (in der Geek-Sprache: „not geld_not“) – die Geeks waren, sind und bleiben auf allen Planeten des Universums sehr gefragt, weil sie als einzige die teilweise unrealistischen Hirngespinste deren technisch völlig unbeholfenen Bewohner in funktionierende Mechanismen umwandeln können – sie müssen es nur wollen. Aber welcher Tricks bedienen sich die uns bereits bekannten HRchen – getriggert von ihren herrschenden Verwaltern, um die guten Geeks auf ihren Planeten zu locken und sie in die Falle tappen zu lassen, sodass sie den Planeten für eine Weile nicht mehr verlassen können? Eines dieser trickreichen, aber nicht selten auch unbeholfenen und fruchtlosen Mittel heißt „Stellenanzeige“, und wird von uns an dieser Stelle näher untersucht.

Zunächst zur Darbietungsform. Es ist schon erstaunlich und sogar irgendwie bewundernswert, mit welcher Hartnäckigkeit die ahnungslosen HRchen ihre Stellenanzeigen immer noch für teures Geld auf toten Bäumen drucken lassen. Es ist natürlich auch schwierig, von jemandem, der oder die erst vor Kurzem gerade so den dritten MS-Word-Kursus absolviert hat, zu erwarten, selbstaufopferungsvoll und restlos die kosmische elektronische Matrix zu betreten – die Konsequenzen wären unberechenbar. Für die Matrix vor allem.

Es dürfte sich inzwischen jedoch herumgesprochen haben: Geeks lesen keine Zeitung. Zumindest nicht die auf dem Papier. Zumindest sehr selten, und nur dann, wenn da was Technisches drin steht. Oder hübsche Frauen. Oder beides.

Die Geeks lesen die News-Ticker, Blogs, Twitter, Foren, Facebook und dergleichen. Sie hören Podcasts, sehen sich Nachrichten auf YouTube an und streamen Radio frei auf ihre mobilen Wunderwaffen. Sie abonnieren jede Kleinigkeit per RSS Feed und wissen alles teilweise schneller als es geschieht.

So auch mit Jobangeboten: Wenn da jemand jemanden sucht, spricht es sich unter Geeks mit Lichtgeschwindigkeit herum, vorausgesetzt, es handelt sich um ein interessantes Angebot. Und mit interessant sind beim besten Willen nicht die betriebliche Rente, Maximalurlaub, geregelte 40 Wochenarbeitsstunden, bla, bla, bla gemeint. Ok, das sind auch interessante Parameter, aber nicht kriegsentscheidend. Eigentlich gar nicht.

Die Hämmer sind doch Dinge wie geile Technologien, immer neue Projekte, superneues MacBook, ein iPhone oder ein Nexus One, alle zwei Wochen Konferenz, offiziell geforderte Mitwirkung in Open-Source-Projekten etc. pp. Ach ja, und ein Kickertisch. Und eine supercoole Kaffeemaschine. Und freier Kaffee. Und Getränke. Und hübsche Frauen. Und so.

Auch mit Lichtgeschwindigkeit werden die CVs herumgereicht – nix per offizielle, schriftliche Bewerbungsunterlagen, liebe HRchen, denn in der Zeit, in der der Brief zu euch flattert, hat der Geek bereits einen neuen Job. Ja, ja, das ist so. Die Zeiten, als HRchen noch in regelmäßigen Zeitabständen auf die Straße geschaut haben und aus der Riesenschlange der Bewerber einen herauspicken konnten, sind endgültig vorbei. Zumindest was Geeks betrifft.

Und nun zum inhaltlichen der Stellenanzeigen. Es liest sich wie ein Dilbert-Comic, wenn in einer solchen ein Geek mit 20-jähriger Berufserfahrung, aber allem Anschein nach „für ein junges Team“, also unter 30, gesucht wird. Zugegeben, die 10-jährigen, heranwachsenden Geeks können Bankensysteme knacken, aber wir reden von professioneller Arbeit, nicht wahr? Und generell, wenn junge Leute gesucht werden, kann man fest davon ausgehen, dass das Durchschnittsalter im Team schon weit über 40 liegt.

Auf der anderen Seite sollte man einen Geek aus eigenen Reihen auch nicht alleine eine Jobannonce schreiben lassen, denn dabei kommt nichts Gescheites heraus. Zum einen wird er die Latte für Neueinsteiger absichtlich extrem hoch legen, zum anderen aber in seiner eigenen, geträumten Perfektion auch die vermeintlich Gleichgesinnten suchen. Noch nie Anzeigen ähnlicher Art wie diese gelesen: „Sie sollen Java und Adobe Air perfekt in allen Aspekten beherrschen…“. Was? Wer tut das schon? Und die, die es tun, suchen garantiert keinen Job.

Und nun zum Prozess selbst. Der Geek, wenn er schlau ist, und das sind die Geeks, geht nur zu einer Firma, die er kennt, und zwar nicht weil er sie aus der Werbung oder Eigenkonsum kennt, sondern weil er weiß, wo er arbeiten wird. Oder er macht sich schlau – über Foren, Freunde, sonstige elektronische Quellen, bis er sich eine Meinung gebildet hat. Und genau an dieser Stelle nutzen die Stellenanzeigen ganz und gar nichts – die Anlaufstelle muss unter Geeks bekannt und gefragt sein, sonst geht da keiner hin.

Und was ist die Moral? Google hat nicht genügend Hängematten und Kickertische für alle Geeks, also muss der Rest auch irgendwo unterkommen. Es muss aber wirklich, wirklich passen, damit ein guter Geek den Sprung wagt. Und die Firmen sollten sich viel weniger Gedanken über ihre Stellenanzeigen und ihre Einstellrituale machen, sondern viel mehr über das dauerhafte Image unter Geeks und über die nachweisliche Attraktivität des Angebots, denn die Mund-zu-Mund-Propaganda regiert die heutige Welt.

Geschrieben von
Pavlo Baron
Pavlo Baron
  Pavlo Baron ist Enterprise IT Architect in München. Er ist Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“ sowie zahlreicher Artikel. Außerdem spricht er regelmäßig auf Konferenzen und in kleineren Kreisen und gibt so seine Erfahrungen und Beobachtungen weiter.
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