Geek’s Guide to the Working Life - JAXenter

Kapitel 1: Die Zeugnissprache

Geek’s Guide to the Working Life

Pavlo Baron

Der gemeine Geek begegnet in seinem Arbeitsleben vielen eigenartigen Kreaturen. Als da wären z. B. die Bewohner des Planeten Ichwillia, die Patronen, die sich durch ein extrem nerviges Fordern und Herumnörgeln auszeichnen. Oder das Volk der barbarischen PMs vom Planeten Wenig-Ahnungus, die nur selten das machen können, was sie von anderen verlangen, worin sie aber meistens sehr hartnäckig sind. Aber auch die Vertreter der Spezies der Verwalter vom Planeten Manageria bleiben für einen Geek in nahezu 99,9 % aller Fälle (mehr Neunen kann er sich finanziell nicht leisten) ein ewiges Rätsel der Unlogik und Nichtnachvollziehbarkeit. So viele Spezies, so viele Eigenarten, so viele unerklärliche Phänomene. Der arme Geek, wenn er nicht darauf vorbereitet ist, bricht er unter dem Gewicht der Dinge zusammen, die weit jenseits der logischen Schlichtheit der Technik liegen. Diese Kolumne hat zum Zweck, ihn beim Sturz in das Arbeitsleben zu unterstützen und ihm die wichtigsten Sachverhalte in seiner Sprache zu erläutern.

Fangen wir doch mit einer äußerst eigenartigen Spezies an: den HRchen, die den dunklen Planeten Nullachtfünfzehn bevölkern. Diese rätselhafte Spezies ist dafür bekannt, einen recht schiefen Blickwinkel zu besitzen, wenn es um die Beurteilung von Geeks geht. Die HRchen werden von den Verwaltern meistens in geräumigen Käfigen gehalten, da nur sie die HRchen überhaupt brauchen, sie dafür aber umso lieber haben.

Um sich besser untereinander zu verständigen und nebenbei ganz unauffällig ihre Paarungsbotschaften auszutauschen, nutzen die HRchen die so genannten Arbeitszeugnisse, die sie durch völlig ahnungslose Geeks transportieren lassen. Die dabei extrem wichtigen Dinge wie Faltungsgrad, Dicke der Staubdecke und sporadisch gesetzte Sonderelemente wie Häkchen fallen einem gemeinen Geek erst gar nicht auf, und die Tücken der dafür verwendeten Sprache erst recht nicht.

Was ist diese schleierbedeckte Zeugnissprache überhaupt? Durch eine nicht sanktionierte Abhöraktion eines im Schlaf redenden HRchens ist es den irdischen Wissenschaftlern gelungen, einige Erkenntnisse über das Format und die mehr oder weniger zahlreichen Formulierungen in diesen Arbeitszeugnissen zu gewinnen und diese Erkenntnisse in die einfache Geek-Sprache zu übersetzen. Nachfolgend sind einige dieser einmaligen und ultimativen Wahrheiten aufgeführt.

Was heißt es denn z. B., wenn beim Geek im Zeugnis so etwas wie „er war tüchtig“ steht? Ganz einfach. Das soll heißen: „Man hat ihn zwar mit Arbeit zugeschüttet, er ist aber trotzdem vor 22 Uhr heimgegangen. Zeigt keinen Einsatz. “ Oder diese Formulierung: „Er legte erfrischende Offenheit an den Tag“. Was könnte das wohl bedeuten? Es ist doch so offensichtlich: „Die richtige Arbeitsweise ist Maul halten und arbeiten! „.

Sehen wir uns ein weiteres Goldie an: „Er vertritt gerne seine Auffassung“. Was? Er vertritt SEINE Auffassung? Er soll doch unsere Auffassung vertreten. Und dann noch diese Botschaft: „Er macht gerne Verbesserungsvorschläge“. Wem? Uns? Ha! Das soll heißen: „Besserwisser! Wir haben doch schon vor 30 Jahren so gearbeitet, was will er uns da erzählen? Der mit seinen komischen Klamotten, der da ständig herumtweetet. Das sind doch alles Nerds. „

Was heißt das dann, wenn der Geek im Zeugnis so etwas liest? „Er hat sich im Rahmen seiner Tätigkeit eingesetzt.“ Na ja, das liegt auf der Hand: „Der wollte mit seinen zwei Universitätsabschlüssen keine Drecksarbeit machen. Angeber! Der soll heilfroh sein, dass er überhaupt bei uns arbeiten durfte.“ Und z. B. diese brillante Phrase: „Er war mit Interesse dabei.“ Heißt nichts anderes als „er wollte keine angeordneten, unbezahlten Überstunden und Wochenendarbeiten schieben. Wir haben uns da bei diesem Vertragsabschluss etwas im Enddatum vertan, na und?“

Ein wahres Schätzchen der Paranoia des herrschenden Manageria-Bewohners ist das hier: „Er wusste sich gut zu verkaufen“. Heißt im Klartext: „Dieser Taugenichts wollte doch auf meinen Stuhl, das wusste ich doch von Anfang an!“ Und was ist damit: „Er ist Neuem gegenüber aufgeschlossen. “ Logisch, das kann nichts Anderes als das hier bedeuten: „Dieser Schmarotzer wollte ständig auf irgendwelche Konferenzen oder hat darum gebettelt, auf Firmenkosten Magazine zu abonnieren oder Bücher zu bestellen. Warum beschäftigen wir ihn, wenn er so wenig weiß?“

Oh ja, ein wahrhaft illustres Ding stellt folgende Phrase dar: „Er ging mit Begeisterung an die Arbeit“. Klingt doch toll oder? Von wegen! Diese Heimtücke heißt: „Er ist abends immer länger da geblieben. Er schafft wohl untertags seine Arbeit nicht!“ Und jetzt der absolute Klassiker: „Er hat sich bemüht“. Das ist ein Todesurteil. In Bezug auf den Geek bedeutet das nämlich: „Uns ist die Kohle ausgegangen, also musste er weg, egal wie gut er ist. Der war eh zu teuer.“

Und nun zum Schluss noch das. Wenn im Zeugnis eines Geeks steht: „Er war gesellig“, dann heißt das so viel wie: „Bier am Arbeitsplatz!“ Wenn HRchen denken, es sei gefährlich, sollen sie doch mal einen Blick auf die Verwalter riskieren: Diese veranstalten nämlich deutlich größeren Unfug auch im nüchternen Zustand – siehe die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise. Oder?

Ist doch alles nur ein sarkastischer Spaß. In diesem Sinne – bis zur nächsten Post. Prost!

Geschrieben von
Pavlo Baron
Pavlo Baron
  Pavlo Baron ist Enterprise IT Architect in München. Er ist Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“ sowie zahlreicher Artikel. Außerdem spricht er regelmäßig auf Konferenzen und in kleineren Kreisen und gibt so seine Erfahrungen und Beobachtungen weiter.
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