Führungskräfte sind Unsicherheitsagenten

Die permanente Erreichbarkeit hebt anscheinend auch die Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit auf.

Sprenger: Das ist die Ausweitung der Kampfzone bis in die Nacht hinein. Gerade in internationalen Unternehmen ist man 24 Stunden auf Empfang. Das führt selbst bei gebildeten Leuten zu dem Verhalten, nach der Landung des Flugzeugs mechanisch zum Handy zu greifen – wie kleine Kinder, die drei Minuten nicht gestreichelt wurden. Das hat wiederum mit Aufmerksamkeit zu tun. Früher hieß es „ich denke, also bin ich“ – heute heißt es „du denkst an mich, also bin ich“. Und in dem Augenblick, wo du nicht an mich denkst, bin ich sozusagen gegenstandslos. Da haben diese Informationstechnologien Suchtcharakter.

Eine merkwürdige Form der Anerkennung, der mediale Mittler erscheint wichtiger als die Subjekte, die kommunizieren .

Sprenger: Ja, da bin ich gleichsam eine informationelle Tauschware im Bewusstsein des anderen und werde da medial abgebildet. Das kann man bedauern, aber wenn ich mich auf Märkten bewege, muss ich anerkennen, dass mein Verhalten Warencharakter bekommt. Wenn es mir gelingt, mich davon analytisch zu distanzieren, kann ich dieses Spiel von Nähe und Distanz auch spielen. Und es gibt Situationen, da ist es wunderbar, den Warencharakter meines Verhaltens schlicht zu vergessen.

Haben Sie als nicht technikaffiner Mensch auch eine Meinung zu dem Hype um das iPhone von Apple?

Sprenger: Ja, eine Meinung habe ich. Ich finde es vom Marketingtechnischen her faszinierend, wie man es schaffen kann, in Erwartung eines Produktes die ganze Welt nervös zu machen. Das beeindruckt mich. Das Gerät selbst interessiert mich nicht – aber das Phänomen. Das hat ja fast adventistische Dimensionen, die Erwartung des Erlösers. Mal sehen, ob wir nicht doch wieder auf Godot gewartet haben.

Herr Sprenger, wir bedanken uns für dieses Gespräch.
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