Frauen in der Entwicklerwelt – es gibt sie doch!

Judith Lungstraß

Braucht die Entwicklerwelt mehr Frauen? – diese Frage stellten wir uns letzte Woche. Dass der Anteil an weiblichen Entwicklerinnen in der IT-Branche sehr gering ist, dürfte wohl so einigen bereits aufgefallen sein. Martin Fowler fand heraus, dass Frauen in der Entwicklerbranche jedoch durchaus gebraucht werden, um einen frischen Wind und neue Ideen in Projekte zu bringen.

In den Kommentaren zu diesem Artikel haben sich auch einige Frauen zu Wort gemeldet, die selbst erfolgreich in der Entwicklerwelt tätig sind. Das Klischee vom nerdigen, männlichen Entwickler konnten sie dabei doch ein klein wenig ins Wackeln bringen. „Stefanie“ kommentiert beispielsweise, ihr seien beim Erklimmen der Karriereleiter niemals von irgendeiner Seite Steine in den Weg gelegt worden. Entwicklerin „Sylvia S“ schreibt, dass Frauen in der Computerwelt Vorteile haben könnten, da sie oft einen besseren Draht zum Kunden finden. Ein anonymer IT-Personalleiter geht sogar so weit, zu sagen, er würde bei gleichen Qualifikationen verschiedener Bewerber die weibliche Anwärterin auswählen, denn seiner Meinung nach arbeiten Frauen sorgfältiger und zeigen sich offener gegenüber Ratschlägen.

Es scheint sie also doch zu geben, die Frauen in der Entwicklerwelt! Grund genug, einmal einen Blick in die Geschichte der Informationstechnologie zu werfen, der offenbart, dass Frauen hier schon seit jeher ein Wörtchen mitzureden hatten!

Der erste Entwickler war im Grunde genommen gar kein Entwickler, sondern eine Entwicklerin. Ada Lovelace hat früh Interesse für die Mathematik gezeigt und wurde aufgrund ihres herausragenden Talentes von dem englischen Mathematiker Charles Babbage als Mitarbeiterin eingestellt. 1843 übersetzte sie einen Aufsatz über die mechanische Rechenmaschine Babbages namens Analytical Engine. Ihrer Übersetzung fügte sie einige persönliche Notizen hinzu – ein Algorithmus zur Berechnung von Bernoulli-Zahlen mit der Analytical Engine und das erste Computerprogramm der Welt.

Ada Lovelace – die erste Entwicklerin

Mehr als hundert Jahre nach den Entwürfen Lovelace‘ machte Jean E. Sammet ihren Master of Arts in Mathematik an der University of Illinois. 1955 wurde sie leitende Programmiererin bei der Sperry Cooperation, bis sie 1958 zu Sylvania Electric Products wechselte, wo sie für die Programmierung des Transistor-Computer-Systems MOBIDIC zuständig war. Danach arbeitete sie bei IBM und war wesentlich am Entwurf des FORmula Manipulation Compilers (FORMAC), der ersten praktisch genutzten Programmiersprache zur symbolischen Manipulation von mathematischen Ausdrücken und Formeln, beteiligt. Bei IBM leitete sie außerdem die Entwicklung der nach Lovelace benannten Programmiersprache Ada.

Als Atari Ende der Siebziger seinen Siegeszug feierte, waren auch weibliche Entwicklerinnen nicht ganz unbeteiligt daran. Carol Shaw war die erste weibliche Programmiererin, die jemals ein Spiel für eine Spielkonsole entwickelt hat – „3D Tic-Tac-Toe“ hieß das Spiel für Atari 2600. Ihr bekanntestes Spiel „River Raid“ schrieb sie jedoch später nach dem Wechsel zur Firma Activision. Carla Meninsky programmierte gleichzeitig mit Shaw für Atari – unter anderem das preisgekrönte Rennspiel „Dodge ‚Em“ oder die Titel „Warlords“ und „Star Raiders“ für Atari 2600.

Eine Grafikdesignerin namens Susan Kare hat erheblich zu der Art, wie wir Computer wahrnehmen und steuern, beigetragen. Kare hat einige Icons, Interface-Elemente und Schriftarten zu Apples ursprünglichem Mac OS beigesteuert und war auch am Gesamterscheinungsbild des neuen Macintosh Computers beteiligt. 1986 arbeitete sie kurzzeitig für Steve Jobs in dessen neugegründeter Firma NeXT, bis sie schließlich ein Jahr später zu Microsoft wechselte. Dort begann sie mit den Entwürfen zu Buttons, Icons und anderen Bildschirmelementen für Windows 3.0 – unter anderem die altbekannten Solitaire-Spielkarten, die erst mit Windows Vista endgültig von der Bildfläche verschwanden, entstammen ihrem Ideenvorrat.

Marissa Mayer, die 1975 in Wisconsin geboren wurde, studierte an der Stanford University Informatik mit dem Fachgebiet künstliche Intelligenz und schloss diesen Studiengang mit Auszeichnungen ab. 1999 trat sie Google als erste weibliche Programmiererin bei – dort arbeitete sie unter anderem an Google Search, Google News, Gmail und Orkut mit. Aufgrund ihrer mächtigen Position in einem der bedeutsamsten Unternehmen der Welt wurde Mayer 2008 vom Fortune Magazine in die Liste der 50 mächtigsten Frauen der Welt aufgenommen; die Newsweek zählt sie darüber hinaus zu den „10 Tech Leaders of the future“. Heute hat Mayer bei Google den Posten als Vice President of Location and Local Services inne.

Auch wenn die Zahl der weiblichen Entwicklerinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen immer noch weit zurück liegt, haben Frauen dennoch wesentlich dazu beigetragen, die Welt der Computer und des Internets zu dem zu machen, was sie heute ist. Die aufgeführten Persönlichkeiten waren dabei keineswegs die einzigen weiblichen IT-Profis; eine umfangreiche Liste weiterer historischer Entwicklerinnen, darunter einige Preisträgerinnen des Turing-Preises, gibt es in der Wikipedia.

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Judith Lungstraß
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