Entwickler im Stress: 5 Maßnahmen gegen den Burnout

Mirijam Lorenz

Wie in jedem Beruf, in dem der Erfolg in hohem Maße von der kreativen Leistung abhängt, stehen auch Entwickler unter einem großen psychischen Druck. Eine Studie des Forschungsprojekts DIWA-IT vom Münchner Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung belegte bereits 2009, dass Beschäftigte in der IT-Branche eine gefährdete Personengruppe für Depressionen und Burnout-Syndrome darstellen. Lance Cameron Kidwell beschreibt in seinem lesenswerten Blogeintrag „Depression, Burn Out and Writing Code“ ganz offen seine eigenen Erfahrungen mit psychischen Belastungen im Entwickleralltag und präsentiert fünf Strategien gegen dunkle Wolken.

Depression, Burn Out and Writing Code

Kidwell schildert seinen typischen Arbeitstag, den er die meiste Zeit alleingelassen vor einer Wand aus Monitoren verbringt, die obligatorischen Kopfhörer auf den Ohren, und gelegentlich auf E-Mails und Instant-Nachrichten reagiert. Diese strukturelle Isolation in einem Team aus Einzelkämpfern habe sich auf Dauer zu einer manifesten Belastung entwickelt:

Most recently I went through a claustrophobic and dark winter where it took all of my strength to just keep plodding through day by day. A cold and gloomy winter, frustration about my job, stalled projects, constant lack of sleep and adjusting to living without 20 doses of nicotine a day all wore on my soul and sapped my energy.

Sich aus dieser depressiven Phase wieder zu erheben, habe Entschlossenheit und Energie erfordert. Nach Kidwells Erfahrung schreitet der Teufelskreis in die Depression allerdings oft deshalb voran, da einem die nötige Energie durch depressive Zustände immer mehr abhanden kommt:

The insidious thing about depression is that it takes determination and energy to beat it, but like an emotional infection it targets all the energy and determination you have.

Kidwell selbst hat es dennoch geschafft. Er beschreibt sein erfolgreiches Selbsterfahrungsprogramm in fünf Schritten:

  1. Nimm Kontakt auf

    Wie viele andere Entwickler auch spielt sich Kidwells Tag vor dem Rechner ab. Hin und wieder beantwortet er E-Mails. Die Kollegen in dem kleinen Team sind ebenfalls eher ruhige Gemüter.

    I don’t get phone calls and I never have meetings. I know that sounds like a dream job for a lot of geeks out there, but it’s not healthy.

    Inzwischen ist sich Kidwell sicher: Das Gehirn ist für die Interaktion mit anderen Menschen gemacht.

    Connecting with other people also expands your access to ideas and tools that you use to get better. Your friends and family will give you the gift of perspective if you let them.

  2. Gönn dir ausreichend Schlaf

    Zwar kann ein Zuviel an Schlaf ebenfalls ein Symptom einer Depression sein, doch erfahren die meisten im Alltag eher das Gegenteil. Wer überarbeitet ist oder gar bereits an Burn-Out leidet, ist auch in seiner Produktivität eingeschränkt. Wer frustriert Überstunden sammelt, verringert die Leistungsfähigkeit auf Dauer noch stärker, was sich erneut negativ auf die Stimmung auswirkt. Schlaf hingegen hat positive Effekte auf die Kreativität und die Fähigkeit zum Problemlösen.

    Not getting enough sleep as a programmer is like a chef dulling his taste buds with cigarettes. You can do the job, but you’re seriously handicapping yourself for no reason.

  3. Zerleg die Arbeit in kleinere Teile

    Eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Entwickler ist das Jonglieren komplizierter gedanklicher Modelle. Der Rückgang des abstrakten Denkens ist oft eines der ersten Symptome einer Depression. Große, ausladende Projekte können da ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Zusätzlich heizt die Angst, die Übersicht zu verlieren, eine Depression noch weiter an.
    Wichtig sind viele kleine Ziele, die erreichbar scheinen und nach und nach abgearbeitet werden können.

    Small wins are always better than being stuck at 80% of a big win. They will encourage you, make your boss happy and keep you moving forward.

  4. Hol dir professionelle Hilfe

    Hat die Situation einen Zustand erreicht, der scheinbar nicht mehr auszuhalten ist, sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Depressionen und Burn Out sind Krankheiten wie jede andere auch. Ein Arzt kann Medikationen verordnen, die schnell zu einer Besserung führen, und langfristige Pläne zur Genesung erstellen.

    Drugs don’t have to be the only tool you use, but they can get you to a place where you’re healthy enough to think clearly about alternatives

  5. Entscheide dich für Besserung

    Der Weg aus einer Depression ist immer ein aktiver. Jeder muss für sich eine Entscheidung treffen, dass es ihm oder ihr besser gehen soll. Der Weg ist nicht einfach, aber auch nicht aussichtslos.

    For me, I go back to this idea: you only get to live once and it’s a waste to do it while miserable.

Einzelschicksal oder Strukturproblem

Der Beitrag hat eine lange Liste an Kommentaren nach sich gezogen, die darauf hinweisen, dass Kidwell bei vielen Berufsgenossen einen wunden Punkt getroffen hat. Wie Kidwells Erfahrungsbericht zeigt, ist sowohl persönliches Engagement gefragt, als auch Handlungsbedarf seitens der Unternehmen gegeben, um die strukturellen Vorraussetzungen für einen gesunden Entwickleralltag zu schaffen.

Die eingangs erwähnte Studie des Münchner Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung führt nicht nur Isolation als psychischen Belastungsfaktor an, sondern auch Termin- und Bewährungsdruck. Folge der permanenten Leistungsverdichtung sei eine existenzielle Verunsicherung, die die Angestellten dazu treibe, regelmäßig ihre Grenzen zu überschreiten.

Als Ergebnis der Forschung wurde die Empfehlung ausgesprochen, das Thema „Gesundheit“ wieder zu einem integralen Bestandteil der Unternehmenspolitik zu machen, um zu verhindern, dass die Leistungsträger der IT-Wirtschaft „ausbrennen“.

Geschrieben von
Mirijam Lorenz
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