Eclipse Ganymede: 2008 – Odyssee im Weltraum?

Marc Teufel

Der 25. Juni des Jahres 2008 stellte in vielerlei Hinsicht einen Tag der Superlative dar. Neben der Tatsache, dass an diesem Tag die deutsche Fußballnationalmannschaft mit einem hart erkämpften 3:2 gegen die Türkei ins Finale der EM einzog, war der gleiche Tag auch für uns Software-Entwickler von astronomischer Bedeutung: Ganymede is here!

Moment! Ganymede? Ein Blick in Wikipedia offenbart, dass es sich bei Ganymede um einen der Galileischen Monde handelt, die vier größten Satelliten des Jupiter. Zu diesen Trabanten zählt übrigens auch der Mond Europa, der bereits im letzten Jahr als Projektname für das simultane Release mehrerer Eclipse-Projekte herhalten musste. Das diesjährige Release nun „Ganymede“ zu taufen ist deswegen nachvollziehbar, weil nicht nur der Mond an sich wesentlich größer ist als Europa, auch die unter Ganymede laufenden Eclipse-Packages sind mehr geworden. Waren es bei Europa noch 21 Eclipse-Projekte, die gleichzeitig und aufeinander abgestimmt veröffentlicht wurden, so sind es nun ganze 23 Projekte, die im Rahmen von Ganymede simultan veröffentlicht wurden.

Sieben unterschiedliche Geschmacksrichtungen

Die Veröffentlichung mehrerer Eclipse-Projekte zum gleichen Zeitpunkt ist schon eine gute Leistung, aber Ganymede ist mehr, denn mit Ganymede hat der Entwickler die Möglichkeit, aus einzelnen Eclipse-Distributionen auszuwählen, die in sich wiederum ein Subset aus den 23 Projekten darstellen und aufeinander abgestimmt sind. Gab es mit Europa vier unterschiedliche Geschmackrichtungen, aus denen man wählen konnte, sind es bei Ganymede jetzt sieben unterschiedliche Zweige, aus denen man sich speziell für sein Entwicklungsvorhaben bedienen kann.

Für Entwickler, die Webanwendungen beispielsweise auf Basis von JSF programmieren, Web Services oder EJBs entwickeln, gibt es mit dem Package „Eclipse IDE for Java EE Developers“ ein Ganymede-Release, das im Wesentlichen auf der Eclipse Web Tools Platform aufbaut. Wer dagegen Anwendungen basierend auf der Rich Client Platform baut, für den existiert mit der „Eclipse IDE for RCP/Plug-In Developers“ eine Variante, die aus dem WTP-Projekt lediglich die XML-Tools enthält, dafür aber mit sämtlichen Sourcen ausgestattet ist, die man als Entwickler von RCP-Anwendungen immer wieder sichten muss.

Abb. 1: Ganymede Packages im Vergleich (Quelle: eclipse.org)
Mylyn bringt den Überblick

Beim Blick auf die Vergleichsmatrix (Abb. 1) fällt auch sehr schön auf, wie konsequent man Mylyn in nahezu jedes Package aufgenommen hat. Bei Mylyn handelt es sich um eine Erweiterung für Entwickler, mit der man in der Lage ist, gerade in großen Projekten, den Überblick zu wahren. Mit Mylyn ist es möglich, den Blick auf die aktuelle Aufgabe zu richten. Unnötiger Sourcecode kann einfach ausgeblendet werden, damit die Sicht frei wird und dem Phänomen „des Waldes, den man vor lauter Bäumen nicht sieht“ vorgebeugt werden kann. Darüber hinaus bietet Mylyn auch den Anschluss an Bugtrackingsysteme wie Bugzilla, Trac oder Jira wodurch es möglich wird, direkt in der IDE Aufgaben und TODOs zu verwalten.

Neue Pakete

Europa hielt Packages bereit für Java-, JEE-, C/C++- und RCP/Plug-in-Entwickler, bei Ganymede ist nun noch ein Package für Freunde von modellbasierter Softwareentwicklung hinzugekommen, das im Grunde der Version für RCP/Plug-in-Entwickler gleicht, allerdings keine XML-Tools enthält. Dafür kann es mit dem Graphical Modeling Framework (GMF) und den Model Development Tools (MDT) – inklusive Sourcen – aufwarten, die im Rahmen von modellbasierter Entwicklung mit Eclipse von großer Wichtigkeit sind.

Neu hinzugekommen ist auch ein Package „JEE+BIRT“, das neben den wichtigsten Bestandteilen des bereits erwähnten JEE-Packages zusätzlich noch das Reportingwerkzeug BIRT enthält.

Als kleines Schmankerl kann man die Hinzunahme des Eclipse Communcation Frameworks (ECF) im Package für RCP/Plugin-Entwickler sehen. Ein sehr beeindruckendes Feature von ECF ist nämlich das so genannte Real-Time Shared Editing mit dem es möglich wird, dass zwei räumlich getrennte Entwickler über das Internet gleichzeitig und synchron in einer Eclipse-IDE arbeiten können. Damit ist man beispielsweise nun endlich auch in der Lage im Pair zu programmieren, auch wenn sich der eine Entwickler in München und der andere in Hamburg befindet. Eine beeindruckende Demonstration von Real-Time Shared Editing findet der interessierte Leser im angehängten Link.

Fazit

Alles in allem ist das Ganymede-Release eine runde Sache geworden, die Aufteilung der 23 Eclipse-Projekte in einzelne, auf einen bestimmten Anwendungszweck ausgerichtete, Packages ist notwendig und sinnvoll. Schade, dass im aktuellen Eclipse Simultanrelease die Rich Ajax Platform (RAP) ein wenig untergeht, handelt es sich hierbei doch um ein gerade für RCP/Plug-in-Entwickler hoch interessantes Projekt mit dem der Traum möglich werden soll, RCP-Anwendungen ins Web zu bringen.

Spannend bleibt auch die Frage, wie denn das nächste Release heißen wird? Io liegt nahe. Aber dieser Mond ist kleiner als Ganymede, sollte das eventuell bedeuten, dass im nächsten Jahr wieder weniger Projekte gleichzeitig veröffentlicht werden? Wohl eher nicht, aber letztlich ist es ja auch egal, jetzt haben wir erst einmal Ganymede und mit diesem Release hat die Eclipse Foundation wieder eine sehr lobenswerte, wie immer pünktliche Leistung abgeliefert. Ich jedenfalls freue mich auf meine Arbeit mit Ganymede und bin fest davon überzeugt, dass diese mit Ganymede nicht in der eingangs erwähnten Odyssee enden wird.

Marc Teufel arbeitet als Softwareentwickler bei der Firma hama GmbH & Co KG. Hier ist er insbesondere für die Entwicklung von großen Java-Anwendungen für das Logistikzentrum zuständig. Marc ist außerdem Autor zahlreicher Fachartikel und einer der Autoren von „Java Web Service mit Apache Axis“ und „Java Web Services mit Apache Axis2“. Beide Bücher sind bei entwickler.press erschienen.
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Marc Teufel
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