Ein Gespräch mit Pierre Gaufillet von Airbus

Eclipse bei Airbus: Die Polarsys Industry Working Group

Mit dem Konzept der Industry Working Groups möchte die Eclipse Foundation ihren Mitgliedern die Zusammenarbeit zum Erreichen gemeinsamer Ziele erleichtern. Hierbei kann es sich um die gemeinsame Definition und Entwicklung von Software für eine bestimmte Fachrichtung, die Durchführung eines Marketing-Programms für eine bestimmte Domäne oder Ähnliches handeln. Ende 2011 ging die Working Group Polarsys an den Start, in der Tools für die Entwicklung sicherheitskritischer eingebetteter Systeme entstehen sollen. Wir sprachen mit Pierre Gaufillet vom Polarsys-Mitglied Airbus.

Polarsys Industry Woking Group

Mehr zum Thema Polarsys finden Sie im Heftschwerpunkt des aktuellen Eclipse Magazins 2.12:

  • The Making of Polarsys -Ralph Müller, Eclipse Foundation
  • Gegenseitiger Ideenaustausch – Pierre Gaufillet, Airbus
  • Nachhaltige Geschäftsbeziehungen – Gaël Blondelle und Etienne Juliot, Obeo
  • Gemeinschaftliche Entwicklung – Benoît Langlois, Thales

JAXenter: Was hat Airbus dazu motiviert, in die Polarsys Working Group einzusteigen?

Pierre Gaufillet: Seit 2004 verwendet Airbus Open-Source-Tools für seine Luftfahrtapplikationen. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass obwohl Open Source viele Verfügbarkeitsprobleme über einen sehr langen Zeitraum löst, es noch andere anstehende Herausforderungen gab: die Erhaltung von Qualifikationen und Komponenten, die Koordination der Entwicklungsbemühungen industrieller Nutzer, die Teilung der Kollaborationskosten (VCS, Mailinglisten, Build-Systeme etc.), die Gewährleistung der Produktreife von Tools usw. Aus diesem Grund hat sich Airbus dafür entschieden, mit industriellen und akademischen Partnern 2009 ein ITEA-Projekt namens OPEES zu starten. Das Hauptanliegen von OPEES ist es, eine tragfähige Organisation und ein Ökosystem entstehen zu lassen, wodurch langfristig für Open-Source-Tools und -Komponenten im Allgemeinen gesorgt wäre, und zwar so, dass die Richtlinien der Industrien für kritische und eingebettete Systeme eingehalten werden. Diese tragfähige Organisation ist Polarsys. Kurzum, Airbus und die anderen OPEES-Partner haben Polarsys ins Leben gerufen und sich der IWG angeschlossen, um die Entwicklung und Pflege von Open-Source-Toolsets nachhaltig abzusichern.

JAXenter: Warum ist es für ein Unternehmen wie Airbus wichtig, auf sehr lange Sicht auf Tool-Chains zu setzen?

Gaufillet: Die Gründe sind einfach. Die Komplexität eingebetteter Anwendungen steigt, gleichzeitig steigen aber auch die Kosteneinschränkungen. Und Luftfahrtprodukte müssen natürlich besser denn je den Sicherheitsvorgaben entsprechen. Automatische Entwicklungsabläufe sind vermutlich der einzige Weg, all diesen Anforderungen gerecht zu werden, weil sie bedingen, dass Artefakte und Prozesse formalisiert werden und auf diese Weise wirkungsvolle Ansätze wie formale Verifikation oder Codegenerierung hervorbringen. Dadurch können sich die Ingenieure ganz auf die wichtigsten Aufgaben konzentrieren. Ein weiterer Grund ist, dass unsere Produktfamilien einen Lebenszyklus von 70 Jahren und mehr haben: Formalisierung und Automatisierung sind sehr gute Garanten dafür, dass das technische Know-how nicht verloren geht, wenn das ursprüngliche Entwicklerteam drei oder vier Mal weiterrotiert ist.

JAXenter: Wie bringen Sie sich aktiv in die Working Group ein?

Gaufillet: In mehrfacher Hinsicht: Erstens dadurch, dass wir uns durch das OPEES-Projekt an der Definition und dem Aufbau von Polarsys beteiligen. Zweitens durch die verschiedenen Verwaltungsorgane: das Führungskomitee für strategische Aspekte, das Architekturgremium für technische Richtlinien, das Qualität- und Auszeichnungskomitee für Qualitätssicherung, -kontrolle und Anbieter- beziehungsweise Komponentenauszeichnungen sowie diverse Änderungskontrollgremien für die Betreuung industrieller Nutzer hinsichtlich spezieller Komponenten. Drittens bedeutet eine Polarsys-Mitgliedschaft auch, sich über den Eclipse-Solution-Mitgliedsbeitrag hinaus finanziell daran zu beteiligen. Diese spezielle Gebühr wird dafür verwendet, auf sehr lange Sicht eine kollaborative Infrastruktur aufzubauen und instand zu halten. Schließlich werden, abgesehen von den Koordinations- und strategischen Maßnahmen, Airbus (und in der Folge Polarsys) regelmäßig bei der Instandhaltung spezieller Open-Source-Tools und -Komponenten mitwirken – dank spezialisierter Unternehmen wie ATOS oder Obeo.

JAXenter: Um welche quelloffenen Tool-Chains und welche Software handelt es sich?

Gaufillet: Unsere Entwicklungs-Tool-Chain umfasst heute natürlich die meisten TOPCASED-Modeling-Features: OCL checker, gendoc2, Model-Editoren wie MDT Papyrus, SAM oder AUI und so weiter, aber auch andere Komponenten wie gPM (ein konfigurierbarer und robuster Ticket-Tracker), Frama-C für C-Node-Verifiation und andere gewöhnlichere Eclipse-Komponenten wie CDT oder JDT.

JAXenter: Was wird Airbus zur Eclipse-Community beitragen?

Gaufillet: Die Frage könnte auch lauten „Was hat Airbus bereits zur Eclipse-Community beigetragen?“. Durch TOPCASED hat Airbus bereits Modeling-Komponenten wie ECORE-Tools eingebracht und trägt seit einigen Jahren aktiv zur Entwicklung von MDT Papyrus, der nächsten Generation des UML/SysML-Editors, bei. Meist werden und wurden diese Beiträge von spezialisierten Geschäftspartnern entwickelt: Airbus ist kein Toolanbieter und hat nicht vor, einer zu werden. Schließlich glaube ich, dass die Verschmelzung der Industrie und der Open-Source-Communities – mit all ihren jeweiligen Maßgaben und Voraussetzungen – zu einem lohnenden gegenseitigen Ideenaustausch führen könnte. Damit meine ich, dass ein höheres Qualitäts- und Kontrollniveau Einzug in die Open-Source-Prozesse halten könnte, während höhere Flexibilität und mehr innovative Ansätze in industrielle Prozesse einfließen.

Pierre Gaufillet ist seit 2001 Software Engineering Specialist bei Airbus in Toulouse, wo er Entwicklungsmethoden festlegt und Softwareingenieure dabei unterstützt, Luftfahrtapplikationen und Flugsimulatoren zu entwickeln. Als langjähriger Befürworter von Open-Source-Strategien und modellgetriebener Entwicklung ist er zudem an TOPCASED- und OPEES-Initiativen beteiligt, mit dem Ziel, CASE (Computer Aided System Engineering) komplett Open Source verfügbar zu machen und zu unterhalten.
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