Interview mit Alexander Heusingfeld

Digitalisierung: „Wir sollten uns auf die Menschen besinnen, deren Probleme wir mit unseren Produkten lösen wollen“

Hartmut Schlosser

Alexander Heusingfeld

Digitale Produkte erobern die Welt und verdrängen so manche etablierte Ware vom Markt. Doch was genau ist das disruptive Element, das die Digitalisierung mit sich bringt? Wir haben uns mit Alexander Heusingfeld, Head of Architecture bei Vorwerk Digital und Sprecher auf der DevOpsCon 2018, darüber unterhalten, was die Digitalisierung ausmacht und welche Veränderungen sie für Software-Architekten beinhaltet.

JAXenter: Seit einigen Jahren macht das Buzzword “Digitale Transformation” die Runde. Was ist für dich als Software-Architekt dabei der entscheidende Punkt?

Eine der größeren Herausforderungen bei der Digitalen Transformation ist der notwendige Mindset-Wechsel.

Alexander Heusingfeld: Eine der größeren Herausforderungen bei der Digitalen Transformation ist für mich vor allem der notwendige Mindset-Wechsel, d.h. eine Veränderung unserer Denk- und Arbeitsweise in Bezug auf Produkte. Gerade in produzierenden Unternehmen stoße ich oft auf die Denkweise „ein Produkt kann ich anfassen“, was für digitale Produkte nicht zutrifft. Als Architekt liegt es in meinem Verantwortungsbereich, die Organisation bereit zu machen, um Digitale Produkte entwerfen und liefern zu können.

Wir beschäftigen uns schon sehr lange mit der Frage, wie wir es schaffen können, dass IT nicht mehr als zu reduzierender Kostenfaktor gesehen wird, sondern als Motor für Wachstum und die Erschließung neuer Marktsegmente wahrgenommen werden kann. Aus meiner Sicht ist die Digitale Transformation die Antwort auf diese Frage.

JAXenter: Oft ist im Kontext der Digitalisierung von digitalen Produkten die Rede. Doch was ist das eigentlich genau? Wo liegen die Unterschiede zu herkömmlichen Produkten?

Alexander Heusingfeld: Grob gesagt, Digitale Produkte bedienen sich digitaler Technologien, um einen Mehrwert für den Kunden zu schaffen. Digitale Produkte sind also keine physischen Güter, die ich irgendwo in einem Geschäft um die Ecke kaufen kann, sondern meist Dienste, die auf Abruf (on-demand) über das Internet verfügbar sind. Prominentestes Beispiel sind vermutlich Streamingdienste wie Netflix, Spotify oder Apple Music.

Es gibt auch einige Produkte, die ein wenig von beidem haben. Ein Beispiel, das vermutlich jeder kennt, sind Digitalfotos. Während die Menschen früher vor dem Urlaub Filmrollen kaufen mussten, die sie dann – wenn der Film voll war – in Röhrchen steckten und zum Entwickeln brachten, gibt es heute Kameras, die die Bilder automatisch zum Anbieter hochladen und mir dieser die gedruckten Fotos 2-3 Tage später nach Hause liefert.

Aber auch Konzert-, Kino- oder Bahnfahrkarten, die ich mit dem Smartphone kaufe und teilweise nicht mal ausdrucken muss, sind gute Beispiele.

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JAXenter: Kannst du einmal ein Beispiel nennen, wie digitale Produkte unseren Alltag verändern?

Alexander Heusingfeld: Gegenfrage: Wann hast du das letzte Mal einen Brief an einen Freund geschrieben? Oder eine SMS? Wann hast du das letzte Mal eine gedruckte Karte benutzt? Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, jederzeit unsere Freunden über WhatsApp, iMessage, Facebook, Instagram und Co. zu erreichen, dass wir es als völlig normal ansehen – was natürlich das Ziel dieser Dienste ist.

Es gibt diesen schönen Spruch „Attention is the currency of the Digital Age“. Zeit und Aufmerksamkeit ist die Ressource, von der alle Menschen gleich viel haben und niemand mehr bekommt als ein anderer. Deshalb ist diese Ressource so wertvoll. Mittlerweile gibt es einen sehr aggressiven Wettkampf um unsere Aufmerksamkeit. Diesen Punkt greife ich stark im Vortrag auf.

Das Resultat dieses Wettkampfes hat mittlerweile massive Auswirkungen auf unseren Alltag. 2012 gab es die erste Studie zu Abhängigkeitssymptomen von digitalen Medien in Psychology Today. Mittlerweile gelten die Untersuchungen als erwiesen. Viele Digitale Produkte erzeugen gezielt Dopamin-Ausschüttungen bei den Kunden, um sie in sogenannte Habit-Loops zu bringen. Diese führen dazu, dass die Kunden möglichst viel Zeit mit dem Produkt verbringen und der Anbieter so bspw. mehr Geld für Werbeanzeigen bekommen kann.

JAXenter: Kommen wir zu der Frage, was das alles mit Software-Architektur zu tun hat. Was hat sich für Architekten hier fundamental geändert, um ihre System fit für das „digitale Zeitalter“ zu machen?

Alexander Heusingfeld: Hier gibt es zwei Aspekte: Einmal sollten Softwarearchitekten eine ganzheitliche Sicht auf das Digitale Produkt haben. Wenn sie frühzeitig einen u.a. aus Lean Startup bekannten „Build – Measure – Learn“-Prozesszyklus bspw. mit Hilfe einer Continuous Delivery Pipeline aufbauen, um Entscheidungen zur Weiterentwicklung des Produktes auf Messergebnissen basieren zu können, nutzt das nachhaltig dem Produkt und stärkt Vertrauen und Zusammenhalt des Teams.

Ich rufe dazu auf, uns wieder auf die Menschen zu besinnen, deren Probleme wir mit unseren Produkten lösen wollen.

Zum anderen sehe ich Architekten – aber eigentlich jeden in cross-funktionalen Teams – in der Verantwortung, sich des oben genannten aggressiven Wettkampfes bewusst zu werden und solche Dark Patterns aus ihren Produkten herauszuhalten.

JAXenter: Was ist die Kernbotschaft deiner Session, die jeder Teilnehmer mit nach Hause nehmen sollte?

Alexander Heusingfeld: Als diejenigen, die Software bauen und ausliefern, haben wir einen großen Anteil am Erfolg oder Misserfolg von digitalen Produkten. Gleichzeitig haben wir auch eine große Verantwortung gegenüber unseren Kunden. Deshalb rufe ich dazu auf, uns wieder auf die Menschen zu besinnen, deren Probleme wir mit unseren Produkten lösen wollen.

Lasst uns diese Verantwortung in Produktdesign und -entwicklung einfließen lassen und Produkte bauen, auf die wir zu Recht stolz sein können, weil sie den Menschen gut tun!

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Alexander Heusingfeld ist als Head of Architecture verantwortlich für die Produkt- und Servicearchitektur von Vorwerk Digital. Er nutzt hierfür seine Erfahrungen aus Design, Implementierung und Betrieb von modernen Webanwendungen, Microservices und JVM-basierten Systemen, die er als Berater, Entwickler und Architekt in diversen Softwaremodernisierungsprojekten erlangt hat. Seine aktuellen Schwerpunkte sind Teamorganisation für SCS und Softwareevolution.
In seiner Freizeit ist er aktives Mitglied im iSAQB e.V. und Trainer für das Advanced Level, bloggt unter www.heusingfeld.de und setzt sich für Open-Source-Projekte ein.
Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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