Die Schokoladenseite des Internet of Things

Die vernetzte Zukunft wird WunderBar!

Lucy Carey
Jackson Bond, Paul Hopton (Bild: © relayr.io)

Die WunderBar ist ein simples Launchpad, mit dem sich ganz ohne Hardwarekenntnisse Apps für das Internet der Dinge entwickeln lassen. Ihr Markenzeichen ist ein pfiffiges, an eine Schokoladentafel erinnerndes Design. Je nach persönlich benötigter Spezifikation können einzelne Sensoren entfernt und frei positioniert werden. Das ermöglicht eine Vielzahl an IoT-Apps: von der Kontrolle der Katzenklappe bis zur Überwachung der Temperatur im Kinderzimmer. Das europäische Startup Relayr, Hersteller der WunderBar, zieht zur Zeit einige Aufmerksamkeit auf sich: So spülte eine vor kurzem beendete Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung des Geräts mit 111.472 Dollar über 20.000 Dollar mehr in die Unternehmenskasse, als ursprünglich angepeilt war. Wir sprachen wir mit Jackson Bond, Mitbegründer und Produktmanager, und dem verantwortlichen Ingenieur Paul Hopton – erstenmals ausführlich – über die ästhetisch ansprechende Synthese aus Software und BLE-Sensoren.

JAXenter: Was hat euch zu WunderBar inspiriert? Wart ihr zuvor schon an anderen IoT-Projekten beteiligt?

Bond: Im Frühjahr 2013 kamen wir auf die Idee, eine Cloud-Plattform für das Internet der Dinge zu starten. Wir hatten allerdings Probleme mit der Frage, wie wir uns im Markt positionieren sollten: Sollten wir lieber einen vertikalen oder einen horizontalen Ansatz verfolgen? Sollten wir uns auf einen wettbewerbsintensiven Markt einlassen und beispielsweise Lösungen für die Heimautomatisierung, die Pflege, die Logistik etc. entwickeln? Oder sollten wir eine horizontale Lösung, etwas für alle Entwickler anbieten?

Im September wurden wir in das Startupbootcamp (SBC) des Amsterdam-Programms aufgenommen, Europas führender Startup-Accelerator. Unser Ziel beim SBC war es, unsere Go-to-Market-Strategie auszuknobeln. Wie waren dort dann von hunderten Mentoren und Experten für Produkteinführung, Design, Hardware, Software, Marketing usw. umgeben. Mithilfe dieser Mentoren, aber auch durch Treffen mit Kunden auf Developer-Meetups und Hardware/Maker-Meetups fanden wir heraus , dass das größte Problem sowohl für Hardware- wie Softwareentwickler darin besteht, dass ihnen die selbst die einfachsten Werkzeuge für die Zusammenarbeit fehlen. So wurde WunderBar geboren.

Zuerst dachten wir über einen breite Auswahl an Sensoren nach – eine Forrest-Gump-Pralinenschachtel sozusagen.

Die Hardware-Leute haben wenigtens Arduino und Raspberry Pi als “einfache” Ausgangspunkte, aber die Software-Jungs, die App-Entwickler, haben gar nichts. Deshalb dachten wir darüber nach, Sensoren und Wireless-Technologie in einem einfachen Kit zusammenzubringen. Zuerst dachten wir über einen breite Auswahl an Sensoren nach – eine Forrest-Gump-Pralinenschachtel sozusagen. Aber als wir die Community danach fragten, welche Sensoren sie gerne hätten, wurde die Sache zu kompliziert: Jeder wollte etwas anderes. Also nahmen wir nur die sechs besten Sensoren und stellten daraus ein Kit zusammen. Zuerst wollten wir es KitKat nennen, aber Google hatte gerade sein neuestes Betriebssystem KitKat genannt, und wir wollten keine Probleme bekommen. Nach einigem Brainstorming mit den anderen Teams in Amsterdam kamen wir dann auf den Namen WunderBar.

JAXenter: Ihr sagtet, WunderBar sei eine Art „Hardware-Hybrid“. Was genau bedeutet das?

Bond: Hardware-Hybrid? Die Bezeichnung ist etwas irreführend. Wir hatten die Software-Entwickler im Hinterkopf, als wir an die Hardware herangegangen sind. Es ist zwar Hardware, aber wir versuchten, sie für Leute, die über kein Hardwarewissen verfügen, spaßig und zugänglich zu machen, damit sie bereits nach wenigen Minuten loslegen können, für das IoT zu programmieren. Wir konzentrieren uns dabei auf App-Entwickler-Tools wie Xcode.

JAXenter: Welchen Herausforderungen musstet ihr euch stellen, als ihr das ganze Paket zusammengestellt habt? 

Bond: Wir vom Gründungsteam hatten selber nur berenzte Fachkenntnisse im Hardwarebereich. Aber viele sagen uns, dass das zu unserem Vorteil sei. 

Auf der Plattformseite bauen wir einige APIs auf Grundlage von Scala und Akka; einige Dienste jedoch sind in Node.js geschrieben.

JAXenter: Könnt ihr ein paar technische Details über die Software hinter WunderBar nennen?

Hopton: Da steckt einiges unter der Haube. Auf der WunderBar selbst haben wir an die neun verschiedenen Firmwares, alle in Embedded-C geschrieben. Für die Kommunikation zwischen den Sensoren und dem Master-Modul nutzen wir den Bluetooth-4.0-Stack. Das Master-Modul kommuniziert mit den Sensordaten und empfängt seine Kommandos über MQTT (ein leichtgewichtiges M2M-Protokoll über TCP). 

Auf der Plattformseite bauen wir einige APIs auf Grundlage von Scala und Akka; einige Dienste jedoch sind in Node.js geschrieben. Wir untersuchen verschiedene NoSQL-Data-Storage-Lösungen für große Datenvolumen – unser derzeitger Favorit ist Riak. Für eine gutes Nutzungserlebnis werden wir ein reaktives Dashboard in JavaScript erstellen. Für einen Hauptteil der Arbeit der App-Entwickler sowie die Durchsetzung einiger Sicherheitsbeschränkungen haben wir Android-Bibliotheken und iOS-Framworks. Wir werden auch Bibliotheken für andere Sprachen wie Python und Node.js quelloffen zugänglich machen.

JAXenter: Was sind die coolsten bzw. bedeutsamsten Real-Life-Implementierungen, die euch bisher eingefallen sind?

Bond: Wir haben uns auf die Entwicklung einzelner Implementierungen konzentriert. Wir glauben nicht, dass wir IoT-Killer-Apps entwickeln werden; stattdessen versuchen wir, die Einstiegsbarriere für andere Entwickler so niedrig wie möglich zu machen. Wir wollen allerdings auch den Anwendern zeigen, dass einfache Probleme mit einem leicht vefügbaren Sensor lösbar sind. Smart Solutions sollten nicht das Vier- oder Fünffache dessen kosten, was sie ersetzen sollen. Ich glaube, sobald die Menschen eine Smart Solution für ein paar Dollar im Laden um die Ecke kaufen können, wird das Internet der Dinge endlich Wirklichkeit. Wir haben mit einigen Ideen experimentiert.

Erstens Pflege: die Verbindung verschiedener bereits existierender Geräte (Bettensensoren, Bewegungssensoren, smarte Armbänder usw.), um ältere Menschen besser zuhause betreuen zu können.

Zweites Sicherheit: eine einfache, Abonnement-gestützte Lösung mit WiFi-Kamera und Kontaktsensor. Wenn man nicht zuhause oder der näheren Umgebung ist, kann man Bilder von Eindringlingen über ein gesichertes Netzwerk mit den Behörden teilen.

Drittens spielerische Apps: z. B. die Snail Mail App: Durch Nutzung des Licht- bzw. Annäherungssensors wird einem mitgeteilt, wann die Post eintrifft.

JAXenter: Glaubt ihr, die Anstrengungen von Eclipse, die Fragmentierung innerhalb des IoT zu verringern, werden von Erfolg gekrönt sein? Oder könnte mehr getan werden?

Hopton: Ian Skerrett, Benjamin Cabé und der Rest der IoT-Gruppe von Eclipse bemühen sich wirklich sehr. Wir verwenden MQTT und die Paho-Bibliothek für die Kommunikation zwischen WunderBar und der Plattform. Wir erwarten, dass wir im Gegenzug auch etwas beitragen werden können. Interoperabilität ist im IoT ein unglaublich wichtiges Thema. Deshalb sollten sich Plattform-Entwickler, wann immer möglich, bereits existierende Plattformen zunutze machen. Ein Teil von mir bleibt skeptisch: Auf der praktischen Ebene gibt es so viele Konzepte, was das IoT ist und wie es arbeiten sollte; es kann deshalb zur Zeit nicht bloß eine Plattform geben. Ich glaube, ausgereifte Komponenten wie MQTT werden eine breitere Anwendung erfahren, und das ist eine gut Sache. 

Interoperabilität ist im IoT ein unglaublich wichtiges Thema. Deshalb sollten sich Plattform-Entwickler, wann immer möglich, bereits existierende Plattformen zunutze machen.

JAXenter: Oracle positioniert Java als Basis-Plattform für das Internet der Dinge. Was ist eure Meinung dazu? 

Hopton: Java kommt langsam in die Jahre, das zeigt sich besonders bei der “Frameworkitis”, die die J2EE-Entwicklung der letzten Jahre geprägt hat. Jüngere Entwickler finden dynamische Sprachen einfach attraktiver. Deshalb können wir zur Zeit einen zahlenmäßigen Anstieg von Plattformen beobachten, die über Interpreter für dynamische Sprachen wie Node.js oder Python verfügen.

Eines der Hauptprobleme ist möglicherweise das Image. Viele der größeren Trends des IoT sind Open Source, und ich sehe in der OSS-Community nicht besonders viel Sympathie für Oracle.

JAXenter: Zum Schluss möchte ich euch für ein derart erfolgreiches Kickstarter-Projekt gratulieren. Was, glaubt ihr, ist euer Erfolgsgeheimnis? Warum haben die Leute euer Projekt unterstützt?

Hätten wir unsere Kampagne auf Kickstarter gestartet, wären wir bei den ganzen anderen Hardware-Projekten gar nicht bemerkt worden.

Bond: Das Erfolgsgeheimnis? Gute Vorbereitung in den sozialen und herkömmlichen Medien, am besten einige Monate im Voraus. Ein guter Netzwerk-Effekt, wenn möglich vor allem am Anfang. Paul Poutanen, der Gründer von mob4hire, unterstützte uns. Er bot uns sein Netzwerk von knapp 60.000 Mobile-Entwicklern und Testern an; die sollten einen ersten Blick auf die WunderBar werfen. Also haben wir mit ihm geplaudert, und es gefiel uns, was er für die Mobile-Welt tut. Wir gewährten seiner Community deshalb in den ersten vier Stunden der Kampagne, noch bevor wir sie öffentlich machten, den günstigsten Preis für die WunderBar. Paul machte seine „Mobsters“ außerdem bereits 24 Stunden, bevor wir selbst auf das Angebot hinwiesen, auf die Aktion aufmerksam. Das hatte wirklich Zugkraft: Wir haben etwa 25 Unterstützer aus dem Kreis der „Mobsters“ gewonnen.  Ohne sie wären wir nicht so erfolgreich gewesen.

Ein weiterer Glücksfall war, dass wir eine kleinere, spezialisierte Crowdfunding-Seite nutzten, die von der Industrie genau im Auge behalten wird: Dragon. Vier weltweit agierende Elektronik-Großhändler kamen auf uns zu, und einer davon, ein großes europäisches Medienunternehmen, erklärte sich dazu bereit – als Gegenleistung für einen besonders günstigen Preis für die WunderBar – seinen etwa 150.000 Newsletter-Abonnenten ein Mailing zukommen zu lassen. Das hat uns etwa 60 Backer eingebracht. Hätten wir unsere Kampagne auf Kickstarter gestartet, wären wir bei den ganzen anderen Hardware-Projekten gar nicht bemerkt worden. Wir nehmen übrigens immer noch Vorbestellungen an.

Das Interview wurde in englischer Sprache geführt und erschien zuerst auf JAXenter.com. Deutsche Übersetzung: Michael Thomas. Bildquelle der Aufmacher-Porträts von Hopton und Bond: http://relayr.io/index.html#team

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Lucy Carey
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