Die verlorene Entwickler-Generation: Internet-fixiert, Smartphone-verdorben, schlecht ausgebildet

Hartmut Schlosser

Seid jetzt mal ehrlich, liebe Vertreter der jüngeren Generation der Software-Entwickler:

Was ihr wollt ist doch nur eins: das neue Facebook, Twitter, tumblr programmieren und so richtig damit absahnen!

  • Das Internet ist euer Universum (Desktop-Apps waren gestern!)
  • Der Facebook-Film ist eure Pflichtlektüre (wer liest heute schon Informatik-Lehrbücher!)
  • Java und Objective-C guckt ihr euch nur an, weil ihr aufs Android und iPhone wollt (Nicht weil man damit objektorientierte Programmierung lernen kann!)

Was ist nur aus der guten alten Tradition geworden, die Informatik als Wissenschaft zu verstehen! Denn da kommt es ja alles her: Mathematische Erkenntnisse gepaart mit genialer Ingenieurskunst haben uns die ersten Computer, Programmiersprachen und auch das Internet beschert!

Maschinenbauer Konrad Zuse mit seiner Z3, Elektroingenieur Pres Eckert und Physiker John Mauchly mit ihrem ENIAC. Logiker Alan Turing mit seiner Turing-Maschine, die Mathematiker Alonzo Church und Stephen Kleen mit ihrem Lambda-Kalkül (um hier nur einige zu nennen).

Wo sind nur die guten alten Zeiten geblieben, als ein Informatiker sich noch mit weißem Kittel liebevoll um seinen tonnenschweren „Hochleistungsrechner“ kümmerte – dieses Wunderwerk der Technik! Heute werfen die respektlosen Informatik-Grünschnäbel ihre Netbooks und Smartphones schon nach einem Jahr wieder auf den Müll (oder auf eBay), weil die es angeblich „nicht mehr bringen“!

Hat die heutige Entwickler-Jugend die Ursprünge der Informatik als „Computer Science“, als Wissenschaft der Rechenmaschinen und Datenverarbeitung, vergessen? Oder ist die neue Entwicklergeneration einfach oberflächlicher und nicht mehr so gut ausgebildet wie früher?

Die Jugend von heute..

Dave Winer kritisiert in seinem Blogeintrag: „Let’s do more computer science“ eine seiner Erfahrung nach weit verbreitete Haltung sowohl unter Entwicklern als auch unter einflussreichen Portalen wie TechCrunch, Informatik lediglich als Vehikel für spaßige und möglichst gewinnbringende Internet-Apps misszuverstehen.

Die Preisverleihung der letzten TechCrunch Disrupt Conference sei nichts als ein Schaulaufen für Start-Ups gewesen, die ihr neues Produkt präsentierten, mit dem sie das Internet weiter zum größten Spielplatz der Welt ausbauen wollten.

Besonders tragisch sei dabei, dass auch im akademischen Bereich eine zunehmende Tendenz zu verspüren sei, diese wissenschaftsferne Haltung zu imitieren: Gelehrt wird, wie man schnell eine Social App auf die Beine stellt – nicht mehr, was auch von akademischer Relevanz ist.

We’re here teaching computer science, not how to convince a judge at TechCrunch that you have the next get-rich gizmo. Dave Winer

Robert Diana greift in seinem Weblog „Bad Programmer, Bad Process Or Bad Education“ diesen Faden auf und beschreibt das Problem, dass die Universitäten oft angehalten sind, auf die Bedürfnisse des Marktes einzugehen. Zeit, die nötige theoretische Tiefe zu vermitteln, um ein Fachgebiet wirklich angemessen zu durchdringen, bleibe dabei immer weniger.

If we target students to be more marketable to industry when they graduate, we are losing some of the core knowledge we are supposed to give students. Robert Diana

Dabei seien auch für gute Social Apps profunde Kenntnisse in vielen klassischen Bereichen der Informatik nötig, etwa:

  • Grundlegende Datenstrukturen
  • Algorithmen
  • Verschiedene Programmier-Typen (objektorientiert, functional, prozedural, logisch etc.)
  • Theorie der Datenbanksysteme
  • Theoretische Informatik (z.B. um zu verstehen, warum der verwendete Algorithmus so verdammt langsam ist)
  • Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung
  • Künstliche Intelligenz

Dianas Fazit:

Many graduates of computer science do not take courses in each of these areas. I believe this focus on job readiness has forced us to skip the courses that help us create the next computing paradigms. Robert Diana

Die neue Entwickler-Generation

Akademische Vertreter aus dem US-amerikanischen Raum beklagen sich also darüber, dass das „Science“ in der englischen Bezeichnung „Computer Science“ immer mehr vernachlässigt wird. Ergebnis sei eine heranwachsende Entwickler-Generation, die die elementaren Grundlagen der Informatik nicht beherrsche.

Wie sieht das in Deutschland aus? Glauben Sie, dass ein Entwickler nach drei Jahren Bachelor Informatik in der Lage ist, die Herausforderungen eines halbwegs industrietauglichen Entwicklungsprojekts zu verstehen? Geschweige denn, neue Impulse aus den aktuellen Erkenntnissen der Forschung in ein Projekt einzubringen?

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
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