"Die Java-Community wird, sobald die Zeit reif ist, mit einem eigenen PaaS-Standard zurückschlagen"

JAXenter: Sehen Sie trotz der Unterschiede auch eine gemeinsame Grundlage, auf deren Basis man etwa einen Industrie-Standard etablieren könnte?

Bernhard Löwenstein: Das halte ich für sehr schwierig, zu unterschiedlich sind die aktuell verfügbaren Lösungen. Nachdem wir außerdem noch am Beginn einer Entwicklung stehen, sind die Funktionalitäten, die uns ein Java-PaaS-System einmal bieten soll, nur schwierig vorauszuahnen.

Für mich stellt sich überhaupt die Frage, ob man für eine PaaS einen übergeordneten Standard braucht. Vielmehr sollten die einzelnen PaaS-Systeme auf verfügbaren Standards aufbauen. So ist beispielsweise Java EE 6 ein Standard, den jede Java-Cloud-Plattform unterstützen sollte, die etwas auf sich hält.

JAXenter: Unlängst wurde entschieden, die PaaS-Features aus der Java-EE-7-Spezifikation herauszunehmen. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Bernhard Löwenstein: Ich habe damit absolut kein Problem, denn „Code first“ anstatt „Spec first“ ist hier sicherlich der zielführendere Ansatz. Die Cloud-Entwicklungen sind sehr interessant, doch weiß heute wohl niemand, wo die Reise genau hingehen soll. Ich würde mir jedenfalls von einem Java-PaaS-System wünschen, dass es nach einmaliger webbasierter Einrichtung meine Java-EE-6-kompatible Anwendung auf Knopfdruck ausrollt und ausführt – und ich mir dann um Dinge wie Performancetuning oder Skalierbarkeit keine weiteren Gedanken mehr machen muss.

In einigen Jahren werden wir vielleicht darüber lachen, dass wir seinerzeit in Rechencentern unsere eigenen Applikationsserver betrieben haben. Gehen Sie heute aber einmal zu einem IT-Leiter eines größeren Unternehmens und schlagen ihm vor, all seine Applikationen – und vor allem die Geschäftsdaten – in den nächsten zwei bis drei Jahren in die Cloud zu verlagern. Diese Idee wird in den seltensten Fällen auf Begeisterung stoßen. Ich sehe hier also nicht unbedingt den großen Druck, übermäßig schnell entscheiden zu müssen. Irgendwann wird die Nutzung einer Cloud-Plattform aber sicherlich etwas ganz Natürliches sein.

JAXenter: Furore machen derzeit Cloud-Initiativen wie OpenStack, dem sich bereits zahlreiche Industrie-Größen angeschlossen haben. Oder CAMP, wo ebenfalls an einer PaaS-Spezifizierung gearbeitet wird – übrigens unter Mitwirkung von Oracle. Die Industrie scheint sich also nicht hinter Java EE zu versammeln, um einen PaaS-Standard zu etablieren. Hat die Java-Community damit nicht die Chance verpasst, Java EE als Innovationstechnologie des Cloud Computing zu platzieren, der dann womöglich andere Cloud-Anbieter gefolgt wären?

Bernhard Löwenstein: Don’t panic! Wer über Jahrzehnte unter Java (Enterprise) entwickelt hat, wechselt nicht von einem auf den anderen Tag die Plattform, bloß weil jene möglicherweise einem bestimmten Cloud-Standard folgt. Die Java-Community wird, sobald die Zeit reif ist, mit einem eigenen PaaS-Standard zurückschlagen – und alle werden dann hoffentlich (wieder) genau so glücklich sein wie Jules und Vincent in Quentin Tarantinos Meisterwerk.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Bernhard Löwenstein (bernhard.loewenstein@java.at) ist als selbstständiger IT-Trainer und Consultant für javatraining.at und weitere Organisationen tätig. Als Gründer und ehrenamtlicher Obmann des Instituts zur Förderung des IT-Nachwuchses führt er außerdem altersgerechte Roboter-Workshops für Kinder und Jugendliche durch, um diese für die IT und Technik zu begeistern.
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