Im Gespräch mit J.P. Rangaswami

„Die Basis der Cloud ist das Teilen“ [Interview]

Mirko Schrempp

JP Rangaswami ist seit November 2010 Chief Scientist bei salesforce.com. Seine Aufgabe ist es, innovative Wege im Umgang mit Cloud Computing zu erkennen und bekannt zu machen. JP hat über 30 Jahre Erfahrung in der IT-Industrie und zählt zu den einflussreichen Persönlichkeiten der Branche. Unser Kollege Mirko Schrempp vom Business Technology Magazin hatte die Möglichkeit, über den für JP wichtigsten Aspekt der Cloud zu sprechen: das Teilen.

Business Technology: J.P., was sind die wichtigen und praktischen Merkmale des Cloud Computing?

J.P. Rangaswami: Vor allem ist das Teilen fundamental für das Cloud-Konzept. Aus technischer Sicht sind mir dabei drei Aspekte wichtig. Der erste ist die Umwelt, und gerade dieser Punkt findet viel zu wenig Beachtung, obwohl er ein entscheidender Faktor ist. Für die Umwelt geht die Rechnung nur auf, wenn die Möglichkeiten zur gemeinsamen Nutzung von Ressourcen auch ausgeschöpft werden. Und das geht zum Beispiel nicht mit Private Clouds: Sie funktionieren, sind aber nicht sinnvoll. Es ist wie im Verkehr: Wenn jeder mit dem eigenen Auto fährt, funktioniert das, aber es ist nicht sinnvoll in Hinsicht auf die Umwelt. Nutzt man dagegen öffentliche Transportmittel, sieht man den Vorteil sofort. In diesem Punkt müssen wir auch die gesellschaftlichen Auswirkungen des Cloud Computing verstehen. Der zweite Aspekt betrifft die geschäftliche Flexibilität. Als Unternehmen kann man es sich nicht leisten, statisch zu sein. Sie müssen heute permanent bewerten und entscheiden, wo sie dabei sein müssen, und wie schnell sie ein- und auch wieder aussteigen können. Und das gilt für jeden von uns. Wenn sie erst noch eine Struktur kaufen müssen, die auch noch sechs Mal mehr Kapazität haben muss, als sie im Alltag brauchen, um die Lastspitzen abzufangen, dann sind sie nicht mehr flexibel und die Kosten sind immens. Dazu kommen langlaufende Verträge und andere Abhängigkeiten. Sie können also nicht mehr flexibel auf den Markt reagieren und ihre Pläne ändern. Erreicht man so wirklich die gewünschten Werte? Der dritte Punkt, der mich selbst am meisten beschäftigt, ist die Usability. Technologie ist nichts, solange sie niemand nutzt. Innovationen sind nur wertvoll, wenn sie vom Markt angenommen werden. Der Appel Newton wäre eine tolle Innovation gewesen, aber niemand hat ihn benutzt. Hier kommen auch die Visionen von Marc Benioff und mir zusammen. Wir haben schon vor zwölf Jahren darüber gesprochen, warum Enter­prise-Software nicht so funktioniert wie Amazon. Die Idee war, dass sie so einfach zu benutzen sein sollte wie eine Webseite, mit Tabs zur Navigation, mit automatischen Updates. Denn bei der Enterprise-Software ging es um die Installation von Software auf den Servern und den Clients, um Upgradezyklen usw. Davon wollte Marc weg und salesfoce.com ist das Ergebnis.

Heute fragen wir, warum Enterprise-Software nicht wie Facebook ist. Facebook hat 700 Millionen Nutzer, das sind 700 Millionen Gründe zu sagen, dass sie etwas richtig machen. Vieles muss man sicher auch kritisch sehen, aber die Akzeptanz der Nutzer spricht für die Technologie. Bei uns hat das zur Entwicklung von Chatter.com geführt. Es gibt keine Tabs mehr, es gibt Feeds, es geht nicht mehr um das Senden einer einzelnen Person an viele, es geht um die Auswahl durch den Empfänger. Und das zeigt sich auch auf dem Markt. Im September 2009 überstieg die Anzahl von Nachrichten in sozialen Netzwerken die Anzahl von E-Mails. Die Leute kommunizieren heute in sozialen Netzwerken. Zugleich sehen wir, dass mehr Smartphones als PCs verkauft werden. Wir sind mit dem Web mobil verbunden. Wie nutzen wir jedoch diese Entwicklung? Die Faktoren sind nicht nur soziale Netzwerke und mobile Geräte, hinzu kommen das Appstore-Modell und horizontale Services. Die Leute bekommen dadurch Geräte und Funktionen, die das moderne Äquivalent zu einem Betriebssystem sind.

Business Technology: Was ändert sich dadurch für die IT-Abteilungen?

J.P. Rangaswami: Wenn die Mitarbeiter auswählen, welche Services sie nutzen wollen, verändert sich auch die Rolle der IT-Abteilung. Das erste, was die IT-Abteilung heute machen muss, ist so vorzugehen wie Facebook. Das bedeutet, dass sie sich um die Mitgliedschaft, das Identity Management, die Bereitstellung der Dienste usw. kümmert. Das zweite ist, dass sie einen Katalog von Diensten anbieten muss, aus dem die Nutzer wählen können: die App Stores. Das dritte Element ist eine Plattform mit Schnittstellen, um die Daten zu verwalten, auf denen die Services aufgebaut werden können. Das vierte Element ist das UI: Sieht es aus wie Facebook? Wie vernetze ich mich, wie teile ich Dokumente, Tabellen, Präsentationen usw.? Mit all diesen Aspekten komme ich weg von dem E-Mail-Modell, bei dem die ganze Macht beim Sender liegt, zum Twitter-Modell, wo die Kontrolle beim Follow­er liegt.

Business Technology: Wenn wir von den technischen Aspekten absehen, die durch clevere Ingenieure gelöst sind und gut funktionieren, bleibt die eher philosophische Frage, was die Cloud, was ihr Wesen ist, ohne das Computing.

J.P. Rangaswami: Aus der philosophischen oder auch gesellschaftlichen Sicht bringt die Cloud zwei Aspekte zusammen: Raum und Zeit. Dazu nimmt die Cloud zunächst Dinge, die ihrer Natur nach synchron sind, und erlaubt es, sie als asynchron zu erleben. Vieles was man früher quasi nur live erleben konnte, kann nun gespeichert und wiederholt werden. Das hatten wir schon vor der Cloud, das ist der Ursprung des Anrufbeantworters und der Voice-Mail. Durch Tonbänder und Festplatten haben wir die Möglichkeit, Kommunikation zu speichern, um später darauf zuzugreifen. Prinzipiell können wir das auch schon seit 10 000 Jahren, seit wir Höhlenmalerei betreiben, seit wir Sprache schriftlich festhalten. Der Buchdruck hat es vor 600 Jahren revolutioniert und das Internet hat es technologisch noch einmal auf eine höhere Stufe gehoben. Aber das Prinzip ist das gleiche geblieben. Wir drücken Ideen in einer abstrakten Form aus, können sie speichern und später darauf zugreifen. Parallel dazu haben wir Möglichkeiten entwickelt, über Entfernungen Verbindung herzustellen, dabei vergrößerten sich die Entfernungen in den letzten 150 Jahren immer mehr. Erst waren es Brieftauben und Transportmittel, dann der Telegraph, das Telefon, das Radio. Industriehistorisch waren das zwei getrennte Elemente: die Kommunikation und der Computer. Die ITK hat in der digitalen Welt beides zusammengebracht und unsere Wahrnehmung von Zeit und Raum verändert.

Wenn mich früher jemand anrief und ich in einem Meeting war, dann nahm meine Sekretärin das Gespräch an, schrieb eine Notiz auf einen Zettel mit Durchschlag und legte ihn mir auf den Schreibtisch. Später wurde die Nachricht auf einem Anrufbeantworter mit Band gespeichert, das konnte ich abhören, wenn ich an meinen Schreibtisch kam. Das Problem der Zeit war damit gelöst. Etwas später konnte man per Fernabfrage den Anrufbeantworter von überall abhören. Damit war auch das Problem mit dem Raum gelöst. Nach den Einzelgeräten kamen die Voice-Mail-Systeme, damit wurden Ressourcen geteilt, die Kosten sind gesunken, die Effizienz ist gestiegen. Das ist nur ein Beispiel für etwas, das ursprünglich synchron ablaufen musste, nun asynchron ablaufen kann.

Das gilt auch umgekehrt. Alles was asynchron war, ist nun synchron. Vor ein paar Jahren sah jeder den Vorteil des BlackBerrys darin, dass er synchronisiert, zum Beispiel Termine. Wenn früher ein Termin ausfiel, dann wurde das von meiner Sekretärin im Terminkalender auf meinem Schreibtisch geändert und ich wusste solange nichts davon, bis ich physisch an meinem Schreibtisch war. Der Ablauf war asynchron. Der BlackBerry hat es über die Push-Möglichkeit von Nachrichten möglich gemacht, dass ich über diese Änderungen zeitnah und an jedem Ort informiert wurde. Und wieder bin ich von den Beschränkungen durch Raum und Zeit befreit. Die Idee, dass die Geräte immer und überall in der Lage sind, mit dem Büro zu synchronisieren und jeder an jedem Ort den gleichen Informationszustand hat, bedeutet, dass eine Person mobil ist und gleichzeitig wie im Büro arbeiten kann. Die IT hat so das Zeitproblem gelöst, weil sie die Information speichern konnte, und die Telekommunikation hat durch ihr Netz das Raumproblem gelöst.

Geschrieben von
Mirko Schrempp
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