Kolumne

DevOps Stories: Wir haben unsere Maßnahmen wieder nicht umgesetzt

Konstantin Diener, Anna Seger

© S&S_Media

Das MusicStore-Team sitzt in der Sprint-Retrospektive zusammen. Neben den Entwicklern sind noch Erik, der Product Owner, und Ruben, der Scrum Master, anwesend.

Ruben hat das Gefühl, dass viele Maßnahmen aus der letzten Retrospektive nicht umgesetzt worden sind. Deswegen beginnt er damit, die Maßnahmen der Reihe nach durchzugehen.

  • Ruben: „Die erste Maßnahme in der Liste heißt ‚Bei jeder API-Änderung die Schnittstellendoku aktuell halten‘. Ist das umgesetzt worden?“
  • Lukas: „Wenn wir ehrlich sind, nein.“
  • Ruben: „Wieso?“
  • Christian: „Du weißt doch, wie der letzte Sprint gelaufen ist. Uns ist einiges auf die Füße gefallen. Da hatten wir jetzt nicht auch noch Zeit, die Doku anzupassen.“
  • Erik: „Aber es kann doch nicht sein, dass ihr als Entwicklungsteam immer so unter Wasser seid. Wolltet ihr nicht auch mal bei anderen Teams und euren Führungskräften fragen, ob die Unterstützung schicken können?“
  • Ruben: „Das wäre die nächste Maßnahme am Board ‚In der Firma nach Verstärkung fragen‘.“
  • Julia: „Das ist auch nicht passiert.“
  • Ruben: „Warum?“
  • Julia: „Ich glaube nicht, dass das Erfolg hätte. Wir merken doch bei jeder Gelegenheit, wie sehr die anderen Teams auch unter Strom stehen!“

Das Team diskutiert noch eine Weile emotional über die Schnittstellendokumentation, bis Erik, der Product Owner, sich einschaltet.

  • Erik: „Mir ist die nächste Maßnahme wichtig. Ihr wolltet umstellen, dass die Testumgebung nicht mehr öffentlich erreichbar ist, weil wir da auch Kundendaten zu Testzwecken drauf haben. Das bereitet mir echt Bauchschmerzen. Erst recht wegen der DSGVO.“
  • Ruben: „Habt ihr die Maßnahme ‚Testumgebung abschotten‘ umgesetzt?“
  • Christian: „Sorry Leute, ist das so wichtig? Ich habe gerade nochmal darauf hingewiesen, was das für ein besch… Sprint war. Sollen wir uns da ernsthaft um so etwas kümmern? Die Testumgebung steht seit Monaten offen im Netz rum. Warum sollte da gerade jetzt etwas passieren?“
  • Erik: „Christian, ich finde es unverantwortlich, wie leichtfertig du dieses Thema vom Tisch bügeln willst. Wir reden hier von Kundendaten!“
Abb. 1: Das Team sieht sich die Maßnahmen der letzten Retrospesktive an

Abb. 1: Das Team sieht sich die Maßnahmen der letzten Retrospesktive an

Maßnahmen aus einer Retrospektive umzusetzen, ist zum Teil genau so schwierig, wie mit dem Rauchen aufzuhören

Einige werden diese Situation aus ihren Scrum-Teams kennen: Das Team diskutiert und analysiert in einer Retrospektive intensiv seine Probleme, erarbeitet dazu Maßnahmen – und setzt diese Maßnahmen dann nicht um. Christian ist um Erklärungen und Gründe nicht verlegen und fühlt sich sogar angegriffen.
Wenn man diese Situation abstrakt betrachtet, klingt sie höchst unlogisch. Eine Gruppe von intelligenten Menschen stellt ein Problem fest, überlegt sich eine Lösung für dieses Problem, führt diese Lösung dann aber nicht konsequent aus. Aber auch wenn diese Situation seltsam klingt, begegnet sie uns im Alltag auch an anderen Stellen. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Gesundheit. Es gibt viele Raucher, denen bewusst ist, dass Tabakkonsum ihnen schadet. Eine ganze Reihe von ihnen versucht auch immer wieder, mit dem Rauchen aufzuhören. Viele nehmen sich das fest vor, allerdings ohne Erfolg.

Um die Maßnahmen aus einer Retrospektive umzusetzen oder mit dem Rauchen aufzuhören, müssen die jeweiligen Personen ihr Verhalten ändern. Ein Verhalten, das ihnen möglicherweise schon über längere Zeit in Fleisch und Blut übergegangen ist. Mit solchen Verhaltensänderungen beschäftigt sich das aus der Gesundheitspsychologie stammende HAPA-Modell (HAPA steht für „Health Action Process Approach“). Der Grundgedanke des Modells ist, dass eine Verhaltensänderung immer mit Aufwand und Widrigkeiten verbunden ist. Das Modell gliedert sich in drei aufeinanderfolgende Phasen, die für eine erfolgreiche Veränderung notwendig sind. Die erste Phase beschäftigt sich mit der Motivation bzw. Sensibilisierung, die zweite mit der Planung einer Verhaltensänderung und die dritte mit der Durchführung (Abb. 2).

Abb. 2: Health-Action-Process-Modell (kurz: HAPA-Modell)

Abb. 2: Health-Action-Process-Modell (kurz: HAPA-Modell)

Oft sind wir nicht überzeugt, dass es das wert ist, unser Verhalten zu ändern…

Erik, der Product Owner, spricht in der Retrospektive ein Thema an, das ihm sehr wichtig ist. Für das Produkt MusicStore existiert eine Testumgebung. Damit das Team auf dieser Umgebung einfacher reale Probleme oder neue Features testen kann, werden regelmäßig Daten aus dem Produktivsystem in den Testdatenbestand kopiert. Erik bereitet es Sorge, dass diese Kopie sensibler Kundendaten aus dem öffentlichen Netz erreichbar ist. Die DSGVO hat seine Sorge nur verstärkt. Mit Einführung der Verordnung ist zwar die Gefahr nicht gestiegen, dass durch einen Angriff auf das System Daten verloren gehen könnten, aber die Strafen sind signifikant verschärft worden. Deshalb möchte er die Verbindung zum öffentlichen Netz lieber gestern als heute kappen. Christian versteht die Aufregung um diesen Punkt nicht.

Das HAPA-Modell spricht davon, dass die beiden eine unterschiedliche Risikowahrnehmung haben. Christian berichtet, dass der Sprint des Teams nicht wie geplant verlaufen ist. In der festen Zeit eines Sprints war viel mehr zu tun, als das Team sich eigentlich vorgenommen hatte. Aus diesem Grund haben Christian und seine Kollegen eine Priorisierung vorgenommen: „Wir werden nicht alles schaffen, was wir uns vorgenommen haben und deswegen werden wir auf das verzichten, was uns am wenigsten wichtig erscheint“. Ähnlich verhält es sich bei Rauchern. Je konkreter sie gesundheitliche Risiken vor Augen haben (erster Herzinfarkt oder andere körperliche Einschränkungen), desto höher ist ihre Risikowahrnehmung. Christian steht auf dem Standpunkt „Wieso soll gerade jetzt etwas passieren?“, und ein Raucher sagt sich womöglich „Helmut Schmidt hat sein ganzes Leben geraucht und ist trotzdem fast hundert Jahre alt geworden“.

Bleibt die Verhaltensänderung aus, kann eine negative Folge eintreten: Der Raucher erkrankt an Krebs bzw. die Kundendaten werden von Hackern entwendet und veröffentlicht. Eine niedrige Risikowahrnehmung bedeutet, dass mir das Risiko nicht groß genug erscheint, um Aufwand und Zeit in eine Änderung meines Verhaltens zu investieren.

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… oder wir trauen es uns einfach gar nicht zu

Bei einer anderen Maßnahme ist sich das Team des Risikos offenbar bewusst – dass seine Sprints weiterhin extrem stressig werden, wenn das Team nicht vergrößert wird. Trotz einer entsprechenden Risikowahrnehmung haben sie allerdings auch diese Maßnahme nicht umgesetzt. Sie möchten keinen Aufwand investieren, weil sie keine Chance auf Erfolg sehen. Sie gehen davon aus, dass es sowieso niemanden in der Firma gibt, der ihnen in dieser Situation helfen kann – weder andere Teams noch Führungskräfte. Das HAPA-Modell spricht hier von „Selbstwirksamkeitserwartung“. Übertragen auf das Rauchen bedeutet das, dass der Raucher eine realistische Chance sehen muss, mit dem Rauchen aufzuhören. Sonst wird er ebenfalls nicht in die Verhaltensänderung investieren.

Aus Selbstwirksamkeitserwartung, Handlungsergebniserwartung (Welche positiven Ergebnisse machen eine Veränderung lohnenswert?) und Risikowahrnehmung entsteht die sogenannte Intention. Konkret ist das der Wille, eine Veränderung aktiv anzustreben. Damit tritt die Person in die nächste Phase ein, die Planung.

Gute Planung hilft, in der rauen Wirklichkeit standhaft zu bleiben

Die Verhaltensänderung zu planen, bedeutet zum einen festzulegen, was man genau ändern möchte. Diesen Teil hat das Team in der letzten Retrospektive erfüllt. Sie haben sich gemeinsam konkrete Maßnahmen überlegt. Im HAPA-Modell bedeutet die Planung zum anderen, sich auf mögliche Störeinflüsse (Distraktoren) vorzubereiten. Was könnte uns von der Umsetzung dieser Maßnahme abhalten? In welchen Situationen könnte ich schwach werden und doch wieder zur Zigarette greifen?

Eine solche Situation ist hinsichtlich der Schnittstellendokumentation eingetreten, die sich das Team vorgenommen hat. Sie ist im Eifer des Gefechts untergegangen. Das Team ist überzeugt davon, dass eine aktuelle Dokumentation gut und richtig ist. Es hat sich aber nicht darauf vorbereitet, wie es unter Zeitdruck sicherstellt, dass die Maßnahme umgesetzt wird. In der nächsten Retrospektive hat das Team deshalb mögliche Störfaktoren für seine Maßnahmen gesammelt und sich überlegt, wie es damit umgehen will. Für die Schnittstellendokumentation hat sich das Team Folgendes überlegt: Im Build-Prozess laufen automatisierte Tests, die auf der Dokumentation basieren. Wenn die Schnittstelle sich nicht wie beschrieben verhält, bricht der Build ab. Außerdem gibt es in diesem Test Code-Coverage-Metriken, die aufzeigen sollen, wenn es API-Methoden ohne Testabdeckung gibt.

Wie bei allen Modellen kann uns das HAPA-Modell nur helfen, die Realität zu verstehen. Es bildet die Realität nicht 1:1 ab, sondern verschafft uns lediglich einen neuen Blick darauf. Es hilft dabei zu verstehen, warum Menschen möglicherweise Maßnahmen aus einer Retrospektive oder ihre guten Vorsätze nicht umsetzen – oder es nicht schaffen, mit dem Rauchen aufzuhören.

Geschrieben von
Konstantin Diener
Konstantin Diener
Konstantin Diener ist CTO bei cosee. Sein aktueller Interessenschwerpunkt liegt auf selbstorganisierten Teams, agiler Unternehmensführung, Management 3.0 und agiler Produktentwicklung. Daneben entwickelt er noch leidenschaftlich gerne selbst Software. Twitter: @onkelkodi
Anna Seger
Anna Seger
Anna Seger studiert Psychologie und ist Scrum Masterin bei cosee. Sie stellt sich oft die Frage, warum Menschen so handeln wie sie handeln und findet in Erklärungsmodellen wie dem HAPA-Modell Ansätze, die das Handeln anderer verständlicher machen.
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