Studie zeigt die negativen Konsequenzen der Benennung interner Missstände

Der emotionale Tribut der Aufrichtigkeit

Michael Thomas

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Obwohl Unternehmen vermehrt auf interne Verbesserungsvorschläge eingehen stoßen Mitarbeiter, die Missstände anprangern, häufig auf eine Mauer der Ablehnung. „Das haben wir schon immer so gemacht“, „Lassen wir mal die Kirche im Dorf“: Diese und ähnliche Phrasen hat wohl jeder schon einmal gehört, der Fehlentwicklungen aufdeckt. Denn selbst wenn etwas gehörig schief läuft, ist vielen der status quo genehm, gleich einer warmen Decke, in die man sich gekuschelt hat – mit aufgesetzten Scheuklappen.

Doch nicht nur die zu erwartende Ablehnung und schnippische Kommentare erwarten änderungswütige Arbeitnehmer: Kürzlich veröffentlichte Forschungsergebnisse legen nahe, dass die Benennung problematischer Umstände handfeste, negative emotionale Konsequenzen zur Folge haben kann.

Der emotionale Tribut

Die fetzig betitelte Studie „A Suggestion to Improve a Day Keeps Your Depletion Away: Examining Promotive and Prohibitive Voice Behaviors Within a Regulatory Focus and Ego Depletion Framework“ stützt sich auf die Daten von mehreren hundert Testpersonen, die in den unterschiedlichsten Branchen tätig sind.

Die Forscher unterscheiden zunächst zwei verschiedene Arten von Vorschlägen. Die einen betreffen einen angestrebten Idealzustand, also innovative Ideen und Prozesse („promotive voice“). Die anderen („prohibitive voice“) hingegen beziehen sich nicht auf die Zukunft, sondern den status quo, umfassen also die bereits erwähnte Benennung problematischer Arbeitsabläufe und -praktiken.

Da erstere kreative Aktivitäten widerspiegeln, führen sie in der Regel zu positiven Emotionen, zu Begeisterung und Enthusiasmus, aber auch zu einer gesteigerten Konzentrationsfähigkeit. Außerdem wirken sie der (emotionalen) Erschöpfung entgegen.

Diese Erschöpfung („ego depletion“) ist die Hauptfolge der Benennung interner Missstände. Da es sich dabei nicht um einen kreativen Akt, sondern die Anwendung von Problemlösungsstrategien handelt, die dummerweise mit negativen Emotionen zusammenfallen, werden persönliche Ressourcen aufgezehrt – was zahlreiche negative Auswirkungen auf das Individuum haben kann: Nicht nur eine reduzierte Konzentrationsfähigkeit, sondern (aufgrund geringerer Impulskontrolle) auch überhastete und undurchdachte Entscheidungen, eine höhere Aggressivität, wenig konstruktive Beiträge und ein allgemeines Gefühl der Leere können die Folge sein.

Was tun?

In spezifischen Situationen, wie z.B. einer betrieblichen Umstrukturierung, aber auch als ständiger Teil bestimmter Berufsfelder, z.B. in sicherheitsrelevanten Bereichen, ist die Benennung problematischer Umstände unverzichtbar. Da, wie die Studie zeigt, dies jedoch seinen Tribut fordern kann, sollten sich sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber Gedanken über Strategien machen, die dem entgegenwirken. Die Forscher liefern einige gleich mit: Neben Leistungsprämien schlagen sie u.a. zusätzliche regelmäßige Ruhepausen und Trainingsmöglichkeiten für die Schulung der „prohibitive voice“ vor. Im Idealfall halten sich die „guten“ und die „schlechten“ Vorschläge die Waage, was eine offene und experimentierfreudige Unternehmenskultur bedeutet.

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Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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