W-JAX-Keynote Nr. 2: Death of the Application Server

Der Anwendungsserver: Eine Zukunft in Filmszenen

Diana Kupfer

„Der Anwendungsserver ist tot.“ Mit diesem lakonischen Statement begann die zweite Keynote auf der W-JAX. Damit stimmten Jonathan Harclerode, Global HTML5 Lead bei Accenture und Jan Peuker, Technology Architect, ebenfalls bei Accenture, die Zuhörer ihres Talks „Death of the Application Server“ ein. Was im ersten Augenblick wie eine provokante Zuspitzung anmutete, mag sich für den einen oder anderen Zuhörer im Laufe des Vortrags als realistische Prognose entpuppt haben. Und das, obwohl zur Veranschaulichung keine Statistiken herangezogen wurden, sondern Science-Fiction-Klassiker von „2001: A Space Odyssey“ bis „A Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“…

Je mehr man aktuellen Trends auf den Zahn fühlt, desto möglicher erscheint das von den Speakern prophezeite Ableben des Anwendungsservers: Schließlich begünstigen mobile Geräte, HTML5 und dergleichen eine Emanzipation des Clients. Auch, wenn uns die Speaker harte Fakten schuldig blieben, um ihre zentrale These zu untermauern, so schien der Erfahrungswert, auf den sie sich zu Beginn ihrer Ausführungen beriefen, doch eine überzeugende Grundlage dafür zu sein. Vier Themen sprachen sie an: Kontext, Kohärenz, Authentifizierung und Management.

Jan Peuker, Technology Architect bei Accenture, als Keynote-Speaker auf der diesjährigen W-JAX

Kontext: Ziel ist es, Systeme zu erschaffen, die den Kontext (einer User Session) verstehen und erhalten – unabhängig von der Verbindung. Filmbeispiele: der Computer HAL in „2001“ und der Star-Trek-Computer. Daraus folgt ein kohärentes bzw. konsistentes User-Erlebnis innerhalb eines Systems (als Filmbeispiel diente hier u.a. die Instant-Video-Szene aus „Spaceballs“). Langfristig werde es nötig sein, mit echter zeitlicher Konsistenz, nicht nur mit der Relation von Events auf einer Zeitleiste umzugehen, so Peuker. „Und das kann nicht der Application Server.“ Googles globale Datenbank Spanner liefert bereits Konsistenzinformationen. Bei der Authentifizierung in einem System – passendes Filmszenario dazu: die Netzhautscans in Minority Report – gaben die Speaker zu bedenken, dass die gesammelten Daten nicht staatlichen Autoritäten, sondern nur den einzelnen Anbietern zur Auswertung und Weiterverwertung zur Verfügung stehen werden. Bei universellen Authentifizierungsverfahren, wie sie bei Facebook und Google üblich sind, ist ein größerer Vertrauensvorschuss seitens des Users nötig.

Stichwort „zentral“: Allgemein funktioniere zentrales, autoritäres Management (Filmbeispiel: „Truman Show“) „nur, solange man auf einer Insel ist“, bemerkte Peuker – und fügte den ironischen Kommentar hinzu: Dass Java eine Insel ist, tauge nicht als Argument. Den Thriller „Blade Runner“, in dem es kein zentrales System gibt, sondern alle Technologie-Komponenten untereinander kommunizieren, nannte er als Beispielszenario. Architekturen müssten zudem im Fluss bleiben, ständig an neue Anforderungen angepasst werden können, so Peuker.

Schließlich schwächte Harclerode das kühne Statement des Keynote-Anfangs dann doch etwas ab: Der Application Server werde nicht plötzlich „sterben“, sondern einfach nach und nach verschwinden – und niemand werde es bemerken.

Zum Schluss gab es noch einen kleinen Denkanstoß: Ebenso vom Aussterben bedroht wie der Application Server ist aus Sicht der beiden Speaker breite Technologie-Kompetenz in der IT-Industrie. Die immer stärkere Spezialisierung auf bestimmte Betriebssysteme, Sprachen etc. lässt eine Unmenge an Nischen entstehen, die die Frage aufwerfen: Woher soll die nächste Generation an Architekten kommen? Wer wird in einigen Jahren noch über das notwendige Überblickswissen verfügen?

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Diana Kupfer
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