Das Internet ist tot: App-pocalypse now!

Hartmut Schlosser
©Shutterstock/ Igor Zh.

Wer kennt das nicht: Man surft mit dem Smartphone/Tablet im Web, und da ploppt wieder einmal ein nettes Fensterchen auf:

„Wir haben auch eine App fürs iPad/Android – wollen Sie diese downloaden?“

Wie reagieren Sie: „Nein“ klicken, weitersurfen – oder?

Haben wir uns zu mobilen Steinzeiten noch gefreut, solche spezialisierte Apps für unser Device vorzufinden, so hat sich die Wahrnehmung mittlerweile verändert – XKCD übersetzt derartige Popups in:

Quelle: http://imgs.xkcd.com/comics/app.png

Für Jeff Atwood, Urheber des Coding Horror Blogs, ist es erstaunlich, wie schnell sich unsere Haltung Mobile-Apps gegenüber gewandelt hat. Grund dafür sind seiner Meinung nach die:

Millionen sinnloser Mobile Apps 

Ja, tatsächlich kann man sich über Sinn und Zweck der Pampers App streiten (um ein Fall aus meiner Realität zu nennen). Der Mächtigkeitsvergleich zwischen Google Play Store und Apple App Store – wer hat mehr Apps? – macht laut Atwood schon allein deshalb keinen Sinn, weil 99% aller Apps da draußen schlicht schlecht und nutzlos sind.

Wenn jede mittelgroße Marketing-Abteilung sich aber genötigt sieht, unbedingt die App zum Unternehmen als Ersatz für die Webseite auf den Markt zu werfen, dann endet das eben in der Situation, dass die Spreu nicht mehr vom Weizen zu trennen ist und die wirklich guten Apps in der Masse verschwinden. 

Wir sind das Produkt

Die Masse (positiv gebrochen: die „Vielfalt“) allein ist vielleicht noch beherrschbar, bringt aber laut Atwood fatale Effekte mit sich:

  • Wer die Erfahrung macht, dass jede fünfte App eigentlich Mist ist, ist nicht mehr bereit, auch nur läppische zwei Euro für eine App zu bezahlen – oder würden Sie 2 Euro für einen Kaffee hinlegen, wenn Sie wüssten, dass in jedem fünften Becher nur Wasser ist?
  • Wenn Apps also zunehmend gratis sind, muss man sich fragen, was die Hersteller mit deren Lancierung eigentlich bezwecken. Darf man da auf die moralische Integrität der App-Hersteller vertrauen …? Oder fragt man sich mittlerweile nicht jedes Mal: Was wird diese kleine Gratis-App mit meinem Smartphone, meinen Kontakten, meinen Bildern, meinen E-Mails, etc. machen, um deren Investoren zu befriedigen?
  • Man ist auf dem Weg in eine Welt, in der nicht mehr die App das Produkt ist, das ein Unternehmen verkauft. Der Kunde ist das Produkt geworden, das es vom Unternehmen zu erwerben gilt und mit dem Unternehmen Handel betreiben.
  • Wenn Apps gratis sein müssen, um wahrgenommen zu werden, dann gehen viele dazu über, alles, was wirklich sinnvolle Funktionalität darstellt, über In-App-Käufe anzubieten. Problem dabei: Es wird letztlich völlig intransparent, was einen die App schlussendlich kosten wird – etwas, was man gerne vor der Installation gewusst hätte.

Das größte Problem sieht Atwood allerdings in der Fragmentierung in zueinander inkompatiblen App-Welten. Mindestens vier Plattformen gilt es zu unterstützen:

  1. Android phone
  2. iOS phone
  3. iOS tablet
  4. Android tablet

Dazu kann man noch Windows Phone und Exoten wie Blackberry zählen. Dass das viele überfordert, sieht man in den großen Unterschieden in Sachen User Experience für viele Multi-Plattform-Auftritte nativer Apps. Kaum jemand schafft es, durchgängig auf allen Plattformen und Devices zu überzeugen – und man wünscht sich als User oft: Kann ich bitte nicht einfach die Webseite benutzen?

Wird eine Plattform vernachlässigt, sind wir schnell in einer Welt paralleler Internets: Sorry, diese App ist nicht verfügbar im iPad-Internet, nur im Android-Internet. Oder nur im US iOS Phone Internet….

Atwoods Frage: Warum investieren Unternehmen Millionen in App-Silos, wenn es doch meist genügen würde, die Webseite Mobile-tauglich zu machen und die User Experience besser auf die verschiedenen Geräte-Klassen anzupassen?

Atwoods Fazit: Das derzeitige App-Ökosystem erfindet gerade alles neu, was die Software-Industrie vor Jahren so problematisch machte. Gibt es einen Weg aus der App-pokalypse? Nun, wie wäre es mit der verrückten Lösung, die schon da ist? Wie wäre es mit dem Internet?

The tablet and phone app ecosystem is slowly, painstakingly reinventing everything I hated about the computer software industry before the web blew it all up. 

Kein Weg zurück?

Ist das Internet wirklich tot – zugunsten einer Welt der App-Silos? Kann man die Uhr nochmals zurückdrehen – zurück zu den Werten des freien Internet sozusagen? Atwood hält ja im Grunde ein Plädoyer für die plattformübergreifende Entwicklung und für Mobile Webapps, die mit den immer mächtigeren Browsern (HTML5, Geo Location im Browser, etc.) und den fallenden Hardware-Beschränkungen der Devices Auftrieb erhalten. Allerdings sind mobile Webapps für einigermaßen komplexe Seiten bisher allzu oft gescheitert (siehe Facebook). Auch wird kontrovers diskutiert, ob das Browser-UX-Modell tatsächlich so optimal ist, dass man es auf alle Anwendungsfälle übertragen sollte. Und da ist natürlich noch die Monetarisierungs-Falle: die Walled Gardens à la Play Store und Apple App Store werden sich Google und Apple nicht so einfach nehmen lassen …

Doch bleiben vielleicht die mahnenden Worte Atwoods in der ein oder anderen Marketing-Abteilung hängen, die sich nicht vom App-Hype kirre machen lässt und sich entschließt, statt den Multi-Plattform-Krieg mit den nativen Apps aufzunehmen lieber in ein responsives Webdesign der Firmenseite zu investieren. Dann blieben uns wenigsten die Pampers-Apps dieser Welt erspart…

Aufmacherbild: Abstract apocalyptic background von Shutterstock / Urheberrecht: Igor Zh.

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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