Corporate-Start-ups als Impulsgeber für konventionelle Unternehmen

Ausprobieren, scheitern und wiederaufstehen

Markus Ziegler

© Shutterstock / Rawpixel.com

Zwar steht der digitale Wandel auf der Prioritätenliste der meisten Manager ganz weit oben, doch wenn es um die Innovationsfreude geht, hinkt die deutsche Wirtschaft anderen Ländern hinterher. Etablierte Unternehmen wie Daimler, Bosch, die LGI, aber auch Medienhäuser wie ProSieben oder Axel Springer lagern kreative Teams aus und gründen Corporate-Start-ups: Unternehmen im Unternehmen. Wie Betriebe mit der hauseigenen Neugründung den Sprung zu mehr Innovation schaffen können, lesen Sie in diesem Beitrag.

Der Mangel an Geschwindigkeit und Flexibilität in Entscheidungswegen ist ein Faktor, der gerade Traditionsunternehmen daran hindert, schnell innovative Lösungen hervorzubringen und umzusetzen. In der LGI Logistics Group International, einem der zehn größten deutschen industriellen Kontraktlogistiker, entstand 2014 die Idee zu pakadoo. pakadoo ist ein digitaler Service, der das Empfangen und Retournieren von Privatpaketen am Arbeitsplatz verwaltet – unabhängig vom Paketdienstleister. Hier musste man feststellen, dass innerhalb des Mutterunternehmens die Umsetzungsgeschwindigkeit nicht optimal war. Daher fiel ungefähr ein Jahr später der Startschuss zur Gründung des hauseigenen Corporate-Start-ups. Als es im LGI-Team erste Ideen zum Service von pakadoo gab, war die Geschäftsleitung sofort von deren Potenzial überzeugt. Das Letzte-Meile-Problem, die Pakete an den Endkunden auszuliefern, ist bei acht Millionen Paketen täglich, dem hohen Aufkommen an Lieferverkehr und den damit verbundenen Emissionsausstöße, eines der wichtigsten Themen der Logistik. Eine Lösung zu finden für Probleme unserer Gesellschaft sowie Zukunftsmärkte früh zu erkennen und mit innovativen Konzepten aufzutrumpfen, macht die Start-up-Kultur aus – und war eines der Leitmotive zur Gründung von pakadoo. Eine neue Idee zu haben, ist die eine Sache, schwieriger ist die Umsetzung. Neue Wege brauchen neue Räume. Nicht nur operativ, sondern auch physisch. Wenn der große Bruder ständig dem kleinen auf die Finger schaut, kann sich dieser nicht frei entfalten. Schnell wurde erkannt, dass es wichtig war, den betreffenden Bereich aus den bestehenden Unternehmensstrukturen herauszulösen. Die Herausforderung für das Management war es, das neue Unternehmen nicht auszubremsen. Daher wurde pakadoo operativ und, mit dem Umzug auf eine eigene Etage innerhalb des Firmengebäudes, auch räumlich von der LGI getrennt. pakadoo begann die Vorteile eines kleinen Unternehmens gegenüber einem Konzern zu spüren: Sich schneller ausrichten, flexibel die Budgets handhaben und vor allem viele Ideen in den Bereichen Marketing und Sales ausprobieren – aber diese ebenso rasch wieder über Bord werfen zu können.

Vom Start-up zum Unternehmen

Aller Anfang ist schwer, das gilt auch für ein Corporate-Start-up. Das Ass im Ärmel ist der Mutterkonzern – die Stütze. Doch auch das neue Unternehmen muss aus dem Nest und eigenständig fliegen lernen. So heißt es auch für jedes interne Start-up, irgendwann aus den roten Zahlen herauszukommen. Wenn sich der unprofitable Zeitraum länger als geplant ausdehnt, könnte es auch zu einem finanziellen Verlust für den Mutterkonzern kommen. Vor dem Start von pakadoo erstellte das Team daher einen Businessplan. Die Geschäftsführung und die Gesellschafter stimmten gemeinsam über die Planung ab. Die Roadmap berechnete, ab wann die Gewinnschwelle erreicht sein wird. Denn auch ein großes Unternehmen im Hintergrund schützt nicht vor dem Darwinismus der Start-up-Szene. Schließlich verschwinden viele Start-ups genauso schnell wieder von der Bildfläche, wie sie gekommen sind. Gemeinsam können beide Betriebe daher einen realistischen Zeitraum festlegen, in dem die Zielsetzung erreicht sein soll. Falls das Konzept bis dahin nicht rentabel ist, muss die Innovation ad acta gelegt werden. Eine wichtige Frage ist dabei: Ab wann sollte das neue Unternehmen auf eigenen Beinen stehen können? Das hängt nicht nur von der Planung ab, sondern ist zudem von Branche zu Branche unterschiedlich. Ein gutes Hilfsmittel sind definierte Zwischenziele und ein enges Monitoring. Bei pakadoo finden mit der Geschäftsleitung der LGI regelmäßige Meetings statt, in denen der aktuelle Stand dargelegt wird. Solche Treffen sind für beide Seiten überaus hilfreich. Die LGI berät und unterstützt das Corporate-Start-up bei den neuen Wegen des Unternehmertums. Weitere Hilfsmittel sind Business-Intelligence-Tools, wie unter anderem QlikView. Diese Instrumente und regelmäßige Meetings sorgen für eine Transparenz zwischen beiden Unternehmen. Auf diese Weise können etwaige Probleme im Keim erstickt werden, bevor sie zu einem Großbrand mutieren. Die klaren Regelungen sollten allerdings auch Raum für Anpassungen bieten, wie etwa die Möglichkeit, einen erhöhten Kapitalbedarf formulieren zu können. Gemeinsam können dann Maßnahmen erörtert und neue Strategien formuliert werden.

Lernen vom großen Bruder: Der Zusammenstoß zweier Unternehmenskulturen

Die Vorteile eines großen Bruders liegen auf der Hand: Etablierte Unternehmen verfügen über Kapital. Sie können dem Corporate-Start-up Erfahrungen und Wissen liefern, es mit Mentoren sowie bestehenden Geschäftskontakten und Kunden vernetzen. Da ein Corporate-Start-up sich nicht um die Finanzierung kümmern muss, kann der Fokus auf dem Projekt liegen. Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Meist besteht in Unternehmen ein interner Wettstreit um Investitionsbudgets. Daher wird die Finanzierung eines neuen Betriebs mit eher ungewissem Zukunftspotenzial von den anderen Geschäftsbereichen unter Umständen kritisch hinterfragt, gerade wenn die Innovation nicht direkt mit dem Hauptgeschäftsmodell des Unternehmens zusammenhängt. Allerdings muss sich ein Corporate-Start-up weniger um administrative Themen wie die Gehaltsabrechnung kümmern, sondern es kann auf bestehende Prozesse setzen. Der Nachteil darin ist, dass neu gegründete Unternehmen dafür keine anderen Gehaltsmodelle einführen können, selbst wenn sie besser zum Projekt passen würden. Experimentierfreude und Flexibilität sind der Trumpf von Start-ups. Doch mit hohem Tatendrang überstürzen sie manchmal die eine oder andere Businessentscheidung. Diese ungehemmte Risikofreude fällt bei einem Corporate-Start-up weg. Dabei ist das Corporate das Auffangnetz für das Start-up und das Start-up die Verjüngungskur für das Corporate. Die große Herausforderung dieser zwei unterschiedlichen Unternehmenskulturen ist, dass die eine nicht die andere ausbremst. Die wichtigste Voraussetzung ist, einen gemeinsamen Mittelweg zu finden sowie die Festlegung der richtigen Maßnahmen zur richtigen Zeit. So benötigt das Start-up einen kreativen Freiraum und die Möglichkeit, aus seinen Fehlern zu lernen. Sonst entwickeln sich keine neuen Konzepte und aus dem Start-up wird nur eine blasse Kopie des Ursprungskonzerns.

Interne Unternehmenskommunikation: Jeder macht (nicht nur) sein Ding

Eine große Fragestellung beim Aufbau eines neuen Unternehmens ist: Wie gehen die Kollegen vom Mutterkonzern mit dem innovativen Start-up um? Zur Vermeidung von Rivalitäten ist das einzige Mittel: Eine klare und transparente Kommunikation beiderseits. Daher informieren wir mit regelmäßig stattfindenden Ansprachen sowie den internen Newslettern über den Fortgang des Projekts. Zwar ist es wichtig, für die Weiterentwicklung des Start-ups unabhängig vom Mutterkonzern zu agieren, doch zur Vermeidung eines internen Wettbewerbs sollte es gewisse Schnittstellen geben. Auch wenn die Mitarbeiter des Corporate-Start-ups und die Kollegen des Mutterkonzerns in unterschiedlichen Stockwerken sitzen, nutzen sie weiterhin einige Räumlichkeiten gemeinsam, wie die Kaffeeecken und Besprechungsräume. Events und Weihnachtsfeiern werden gemeinsam zelebriert. Auf diese Weise besteht weiterhin ein regelmäßiger Austausch zwischen den Mitarbeitern des Start-ups und dem Corporate. Für die Mitarbeiter der LGI verkörpert pakadoo einen weiteren Geschäftsbereich des Mutterkonzerns. Das manifestiert sich auch daran, dass die Räumlichkeiten sich kaum von der LGI unterscheiden. Trennung ist wichtig, doch eine Isolation voneinander ist auch nicht die Lösung. Die größte Herausforderung eines Corporate-Start-ups ist wie erwähnt: Einen gesunden Mittelweg zu finden. In Bezug auf das alltägliche Business verläuft es bei uns ähnlich wie bei vielen anderen Start-ups. Teile der IT und das Marketing übernehmen externe Dienstleister. Der einzige Unterschied ist, dass pakadoo auf gewisse Basisfunktionen der LGI zurückgreifen kann, wie aus den Bereichen Finanzen und Personal. Eine wichtige Prämisse herbei ist: Die Instrumente des Konzerns dürfen die Strukturen des Start-ups nicht ausbremsen, sonst muss das Start-up nach Alternativen Ausschau halten.

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Ideen, Methoden und Tools: Das Start-up-Feeling

Mit der Ausgliederung des Start-ups kam der Einsatz neuer digitaler Tools. Diese sind in der IT-Umgebung eines großen Unternehmens oft nur schwer durchzusetzen. In Corporate-Start-ups können bisher ungenutzte Anwendungen hingegen schneller etabliert werden. Die Hierarchien sind zum einen flacher und zum anderen kann aufgrund der finanziellen Mittel des Mutterkonzerns auch auf hochwertige und kostenintensive Technologien zurückgegriffen werden. Die Nutzung der bestehenden Firmen-IT kann ein Vorteil für Corporate-Start-ups sein, da so keine großen Investitionen und Neueinführungen notwendig sind. Doch nicht immer ermöglicht die gut abgesicherte IT-Umgebung eines großen Unternehmens den Einsatz neuer digitaler Tools. Daher ist es auch in diesem Bereich oft wichtig, eine operative Trennung herbeizuführen, um neue Software schnell einführen zu können. Denn auch für ein recht kleines Team ist die schnelle Kommunikation das A und O, um sich über die Konkurrenz, Produktentwicklungen oder auch über veränderte Bedürfnisse der anvisierten Zielgruppe schnell austauschen zu können. Oft soll auch ortsunabhängig gemeinsam an Projekten gearbeitet werden. Das wird durch Cloud-basierte Collaboration-Tools wie Trello oder Jabber ermöglicht. Ebenso wichtig ist der schnelle und einfache Zugriff auf Dokumente. Auch hier kommt Cloud-Software wie OneDrive oder Google Drive zum Einsatz, um Dokumente rasch zu teilen oder auch offline auf sie zugreifen zu können. Die neuen Tools, die sich bei uns bewährt haben, können dann auch von der LGI eingesetzt werden. So wird fürs Projektmanagement im Unternehmen auch zunehmend Trello genutzt. Damit erhält auch das Corporate eine Brise frischen Start-up-Wind.

Kogründung hält jung: Traditionsunternehmen lernen niemals aus

Nicht nur das Start-up entwickelt sich weiter – auch das Mutterunternehmen kann viel dazulernen. Abgesehen davon, dass neue Konzepte umgesetzt, Markt- und Unternehmenslücken erschlossen werden, kann die Old Economy von der Arbeitsweise der jungen Köpfe dazulernen. Eine konsequente Kundenorientierung kombiniert mit scharfen USPs kennzeichnet häufig neu gegründete Unternehmen. Diese Ausrichtung kann auch auf das Corporate-Umfeld übertragen werden, etwa durch gemeinsame Workshops. Bei der LGI wurde mit pakadoo nicht nur ein wichtiger Schritt in Richtung Digitalisierung gegangen, sondern auch neue Kunden für andere Geschäftsbereiche gewonnen. Nicht nur in Bezug auf die Arbeitsweise kann so manch ein Traditionsunternehmen dazulernen. Auch von der offenen Feedbackkultur, eine der Stärken von Start-ups, kann der Mutterkonzern profitieren. Bedingt durch die geringe Mitarbeiteranzahl zählt im Start-up jede einzelne Stimme, die das frisch gegründete Unternehmen hat. Dadurch entwickelt sich Gleichberechtigung und Offenheit. Nun kann ein großes Unternehmen kein kleines mimen. Doch für die Entwicklung einer offenen Feedbackultur gibt es Hilfsmittel wie teambay, das jedem Mitarbeiter wöchentlich eine Frage stellt und wichtige Meinungen einholt. Die Antworten werden anonymisiert. So kann auch in einem von Hierarchie geprägten Unternehmen der Weg in eine offenere Unternehmenskultur geebnet werden. So haben Start-ups, wie Studien zeigen, nicht nur einen positiven Effekt auf das Image des Traditionsunternehmens, sondern bewirken gleichzeitig konkrete Veränderungen hin zu einer offeneren Unternehmenskultur.

Der Paradigmenwechsel in der Old Economy

Nach dem Erfolg von Airbnb, Uber, Amazon und Co. ist alteingesessenen Konzernen inzwischen bewusst, dass ihnen die jungen Wilden Marktanteile streitig machen können. Nicht nur die Erfahrungen, die pakadoo und die LGI sammelten, zeigen, dass eine Zusammenarbeit von Traditionsunternehmen und jungen Visionären einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftswelt hervorruft. Old und New Economy können gemeinsam für Innovation und Wachstum sorgen und der zentrale Antrieb für die digitale Transformation sein. Das erkennen immer mehr etablierte Unternehmen. Sie engagieren sich in Inkubatoren oder Accelerator-Programmen, um neue Prozesse und Organisationsstrukturen kennenzulernen. So betreiben ein Drittel der DAX-Konzerne bereits Kooperationsprogramme mit Start-ups. Allein im letzten Jahr sind fünf neue Inkubatoren in Deutschland gestartet. Ein internationaler Vergleich zeigt allerdings: Corporate-Start-up Partnerships sind in der Bundesrepublik noch ausbaufähig und bislang unterstützen noch viele internationale Unternehmen deutsche Start-ups. Offen für Innovationen sein, darin sehen über 97 Prozent der europäischen Konzerne eine Notwendigkeit und sind einer Partnerschaft mit Start-ups gegenüber aufgeschlossen. Sie sehen die jungen Unternehmen als ein Mittel dafür, technologische und wirtschaftliche Probleme zu lösen. Das Phänomen Corporate-Start-up ist allerdings noch nicht so weit verbreitet wie die Kollaboration mit jungen externen Gründern. Ein aktuelles Beispiel ist das frisch gegründete Netzwerk Collabary vom Onlinemodehändler Zalando. Statt nur auf Mode zielt das Corporate-Start-up auf eine weltweite Vernetzung von Kunden, Marken, Stylisten und vor allem Social-Media-Influencern ab. Solche Konzepte wird es in Zukunft vermehrt geben.

Fazit

Ausprobieren, Scheitern und Wiederaufstehen – das macht ein Start-up aus. Das Mutterunternehmen als Auffangnetz für interne Gründungen gibt allerdings im Vergleich zu externen Neugründungen neuen Geschäftsmodellen viel Sicherheit. Allerdings ist Hierarchie auch hier der Feind von Innovation. Damit sich der junge Betrieb wie gewünscht entfalten kann, muss ihm räumliche Freiheit geboten werden. Durch die Mischung aus Konzernumfeld und Start-up-Kultur erhalten beide Unternehmen die Möglichkeit, voneinander zu lernen und profitieren von den gegenseitigen Vorteilen. Dabei haben Corporate-Start-ups gegenüber anderen neu gegründeten Unternehmen einen weniger starken Existenzdruck. Für alle jene, die eine interne Gründung anstreben, zeigt die Erfahrung von pakadoo: Der neue Bereich muss sowohl operativ als auch räumlich klar und schnell vom Traditionsunternehmen getrennt werden. Nur dann können Innovationen mit der notwendigen Geschwindigkeit und Agilität vorangetrieben und umgesetzt werden.

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Geschrieben von
Markus Ziegler
Markus Ziegler
Markus Ziegler ist Geschäftsbereichsleiter von pakadoo und Mitglied der Geschäftsleitung der LGI Logistics Group International GmbH. Kurz nach der Gründung der LGI entschied sich der Diplom-Informatiker 1996 für die Logistikbranche und entwickelte als CIO die Unternehmens-IT. Seine Managementfähigkeiten nutzte er nach einigen Jahren für den Aufbau der Servicecenter Business Development, Marketing und Process Engineering. Im Anschluss übernahm er den größten LGI-Geschäftsbereich (Electronics) und wurde zum Geschäftsführer diverser Tochterunternehmen ernannt.
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