Der Verzweiflung nahe...

COVID-19: COBOL-Personalressourcen am Ende

Thilo Rockmann

© Shutterstock / Profit_Image

Ein Ansturm auf Legacy-Systeme und ein Mangel an Entwicklern für eben diese Systeme: Das perfekte Rezept für Chaos und Verzweiflung. Die Coronakrise zeigt auch im IT-Bereich ihre negative Wirkung. Der Mangel an COBOL-Entwicklern stellt die US-Behörden gerade vor riesige Herausforderungen, es geht sogar soweit, dass einige Rentner reaktiviert werden müssen. Ein Bericht von „uncoolen“ Skills, die nun wieder mehr denn je en vogue sind.

Die Corona-Krise hat einmal mehr einen Umstand verdeutlicht, der schon in besseren Zeiten zum Problem wurde: den Mangel an COBOL-Entwicklern. Dieser zeigt sich gerade besonders in den Vereinigten Staaten, wo die Arbeitslosenzahl geradezu explodiert. Das hat eine enorme Menge an Anträgen für Arbeitslosengeld zur Folge. Jedoch kommen die US-Behörden diesem Ansturm nicht mehr hinterher, was auch dem Umstand geschuldet ist, dass größtenteils Legacy-Systeme Anwendung finden. Um dieser Situation Herr zu werden, müssen die Mainframe-Systeme erweitert und überarbeitet werden. Hierzu benötigen die Behörden Mainframe-Experten, darunter COBOL-Programmierer, wie auch der Spiegel berichtet.

Die schon Ende der 1950er-Jahre entwickelte Programmiersprache COBOL (Common Business Oriented Language) ist zusammen mit PL/I der Standard für die Softwareentwicklung auf diesen monolithischen Großrechnern. Und bis weit in die neunziger Jahre wurden Mainframe-Skills auch im Rahmen eines Studiums oder von Weiterbildungsmaßnahmen breit vermittelt. Doch mit dem Erscheinen neuer Softwareentwicklungsparadigmen wurden diese Fähigkeiten besonders bei Studenten weniger interessant. Insbesondere weil sich Mainframe-Experten natürlich meist auf die Rechner jeweils eines einzigen Herstellers konzentrieren. So wurden Programmiersprachen wie Java oder Server-Plattformen unter Linux recht schnell bei Studenten und IT-Fachkräften beliebt. Mithin erwerben nur wenige junge Leute, wenn überhaupt, die notwendigen Kenntnisse in der COBOL- oder PL/I-Programmierung.

Expertenpool größtenteils in Rente

Erschwerend kommt das hohe Durchschnittsalter der bestehenden COBOL-Experten hinzu – es kommen nur wenige junge dazu – von denen viele in nächster Zukunft in Rente gehen. Teilweise ist die Personaldecke so dünn, dass Unternehmen bereits im Ruhestand befindliche Entwickler für Projekte reaktivieren. Ähnlich ist es auch in Deutschland. Auch hier fehlen an entscheidender Stelle die richtigen Experten. Das führt dazu, dass wichtige Modernisierungen nicht erfolgen können – aus Mangel an Personal. Neues Mainframe-Fachpersonal auszubilden lindert das Problem nur geringfügig. Doch auch in Deutschland wollen sich Nachwuchskräfte nur selten mit dem Thema COBOL befassen. COBOL oder PL/I wird als Technologie von gestern und wenig spannend angesehen. Das Problem zeigt sich aber auch von einer anderen Seite, denn COBOL ist, wie PL/I, eine relativ leicht erlernbare Sprache.

Die derzeitige Knappheit, die nicht erst durch die Corona-Pandemie hervorgerufen wurde, zeigt, dass es im Bereich Mainframes zu Defiziten kommen kann, die möglicherweise den Betriebsablauf ganzer Branchen ernsthaft gefährden können. Ein Großteil der weltweiten Handelstransaktionen wird noch immer mittels Mainframe-Anwendungen abgewickelt. Daraus kann man schließen, dass die derzeitigen behördlichen Probleme nur ein Indikator dafür sind, was beispielsweise auch dem Handel, den Banken oder Versicherungen blühen kann, falls es auch hier zu Spitzen kommt.

Wege zur Lösung

Doch wie können Organisationen sich rechtzeitig auf solche Situationen vorbereiten? Auf pensionierte COBOL-Programmierer zurückzugreifen kann keine wirklich ernsthafte Methode der Schadenseingrenzung sein. Die Suche auf dem Arbeitsmarkt scheitert an der Verfügbarkeit passender Experten und die Neuausbildung benötigt Zeit. Außerdem kommt erschwerend hinzu, dass die bereits bestehenden Anwendungen mitunter nicht gut dokumentiert sind und die Einarbeitung daher sehr aufwändig ist.

Ferner ist es nicht damit getan, COBOL-Kenntnisse zu vermitteln. Intensiver ist die Vermittlung der Kenntnisse über die Mainframe-Systeme, Datenbanken und Transaktionsmonitore. Nicht zuletzt sollten COBOL-Programmierer auch über das jeweilige Fachgebiet Bescheid wissen.

Migration macht unabhängig

Doch es gibt auch einen anderen Weg, Herausforderungen wie die Mehrbelastung der Mainframe-Systeme infolge der Corona-Krise zu meistern. Man kann die Anwendungen beispielsweise auf die offene Plattform Linux überführen. Klassische Mainframe-Anwendungen können dann mittels moderner Plattformen, beispielsweise einer Art virtuellem Mainframe, betrieben werden. Mit Hilfe eines Software Defined Mainframes ist es möglich, eine bereits existierende Mainframe-Applikation zu verschieben, ohne dass der Code neu kompiliert oder Daten umgewandelt werden müssen. Anpassung und Ergänzung können danach an den Applikationen, zum Beispiel in Java, vorgenommen werden, ohne die Interoperabilität mit dem bestehenden Code zu verlieren.

Damit kann ein Unternehmen einige Fortschritte verwirklichen. Man kann eine skalierbare x86-Umgebung oder Cloud-Umgebung nutzen und dabei Komponenten von verschiedenen Herstellern integrieren und beziehen, so wie es wirtschaftlich für das Unternehmen am sinnvollsten ist. Außerdem kann das Unternehmen neue Fachkräfte, die nicht Mainframe-affin sind, anziehen und so dem Fachkräftemangel wirksam etwas entgegensetzen. Dadurch werden neue Anwendungen möglich, sowie die Nutzung von Open Source und neuen Features, ohne dass bereits jahrzehntelang getätigte Investitionen in die Entwicklung der Mainframe-Anwendungen gefährdet werden.

Auf diese Weise lässt sich auch eine schrittweise Migration vom Mainframe auf eine offene Plattform vollziehen. Es ist nicht notwendig, den gesamten Mainframe in „einem Rutsch“ zu migrieren. Dieser Prozess kann sich vielmehr schrittweise entwickeln. Das reduziert zudem das Risiko des Übergangs vom Mainframe zum Software Defined Mainframe, der sich dann in die offene Plattform einfügt. Mit dieser Migration wird auch die Neuanschaffung beziehungsweise Erneuerung bestehender Mainframes überflüssig und eine Vereinheitlichung der Plattformen möglich.

Unternehmen können dadurch sowohl dem drohenden Personalressourcenkollaps entgegenwirken als auch einen aktiven Beitrag zur schrittweisen Modernisierung ihrer IT-Infrastruktur leisten. Daher sollten Meldungen wie die des Personalnotstands bei COBOL-Entwicklern ein Weckruf für IT-Entscheider sein. Und zwar dafür, sich mit den Alternativen zu und effektiven Wegen aus ihrem tradierten Maiframe-Applikations-Betrieb zu beschäftigen.

Geschrieben von
Thilo Rockmann

Thilo Rockmann ist Chairman und COO bei LzLabs.

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