Brauchen wir noch Server-seitige Programmierung?

Michael Thomas
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Können wir nicht auf die Server-seitige Programmierung verzichten? Diese Frage stellt Rafał Strzaliński, Senior Software Engineer bei Vertabelo, auf dem firmeneigenen Blog. Um sie zu beantworten, rekapituliert er zunächst die Entwicklung des öffentlich zugänglichen Internets in den 1990er Jahren: Wurden Webbrowser zunächst tatsächlich zum „Browsen“, nämlich dem Ansteuern von mit HTML-Dokumenten gefüllten Webservern, genutzt, wurden den Usern in Folge einer ersten Revolution dynamisch erstellte und personalisierte Inhalte zur Verfügung gestellt.

Diese Revolution – die Strzaliński als Übergang zum „Web 1.0″ bezeichnet – führte ebenfalls dazu, dass HTML zunehmend komplexer wurde, was schlussendlich zur Geburt der Server-seitigen Programmierung und zur Umtaufung von Webseiten in „Webanwendungen“ führte. Von nun an wurden „Browser“ also nicht mehr zum Browsen, sondern für die „Nutzung“ von Webanwendungen verwendet. Das Hauptproblem dabei laut Strzaliński: Server-seitiges Programmieren führt zu schlechter UX und langsamen Benutzerinteraktionen.

Charakteristika der Server-seitigen Programmierung

Abgesehen von der verwendeten Technologie umfasst die Server-seitige Programmierung mehrere gemeinsame Komponenten: die Bearbeitung von HTTP-Anfragen (Frontend Controller), das Ausgeben von HTML-Seiten (Templates, Embedded-Lösungen), den Zugriff auf Datenspeicher (z.B. SQL-Datenbank), das Tracking von Usern (Cookie-Sitzungen) sowie die Implementierung von Geschäftslogik. Strzaliński zufolge tendieren Server-seitige Entwickler nun leider dazu, jedes anstehende Problem ausschließlich mithilfe ihrer Lieblingssprache zu lösen, weshalb „Krücken“ wie ORM, Template-Engines oder Konverter für die Umwandlung spezifischer Sprachen in JavaScript entwickelt wurden, was er für unnötig abstrakt und komplex hält.

Die Webbrowser werden erwachsen

Durch die Weiterentwicklung in Richtung Single-Page-Webanwendungen wurden neue Wege für die Nutzung von Browsern aufgezeigt und neue Impulse für die UI gegeben. Heute bietet das Internet deutlich mehr Möglichkeiten als zu seiner Anfangszeit. Doch das „Web 2.0“ verdankt seine Existenz Strzaliński zufolge lediglich einem kulturellen Paradigmenwechsel, während ein technologisches Äquivalent desselben bislang auf sich warten lässt. Als erster Schritt wünscht Strzaliński sich, dass der Begriff „Browser“ durch „Internet-Client“ oder „Cloud-Client“ ersetzt wird, da diese Bezeichnungen deren heutige Funktion genauer widerspiegeln.

Server-seitige Programmierung heute

Die Server-seitige Programmierung ist alles andere als tot, doch haben die neuen Fähigkeiten von Browsern dazu geführt, dass sich die Waagschale zunehmend zugunsten der Frontend-Programmierung senkt. JavaScript wird nicht mehr verteufelt, es existieren zahlreiche qualitativ hervorragende Frameworks.

Strzalińskis Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet also: Nein, wir brauchen keine Server-seitige Programmierung mehr. Stattdessen plädiert er dafür, HTML, JavaScript und SQL (wieder) zu den bevorzugten Instrumenten der Webprogrammierung zu machen, um eine einfachere und kostengünstigere Entwicklung sowie eine reichhaltigere, an Desktop-Anwendungen erinnernde UI zu realisieren.

Aufmacherbild: Technician sitting on floor beside server tower using laptop in large data center von Shutterstock / Urheberrecht: wavebreakmedia

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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1 Kommentar auf "Brauchen wir noch Server-seitige Programmierung?"

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Boris
Gast

Also, gut lasst uns alle Rechenzentren abschalten. Wir brauchen keine Server mehr ! In aller Liebe, aber das was Herr Strzaliński da in seinem Blog schreibt ist doch ausgemachter Schmarrn! Natürlich brauchen wir server-seitige Programmierung noch, Webanwendungen und server-seitige Programmierung gehören zusammen. Klar ist es richtig, dass sich die Waagschale immer mehr in Richtung Frontend bewegt, aber Frontend ist nunmal nicht alles. Ich finde beides gehört zusammen, das eine geht nicht ohne das andere.