Interviews mit Blockchain-Influencern, Teil 1

Kann die Blockchain die Welt verändern? Das sagen die Influencer der Szene

Gabriela Motroc

© Shutterstock / Zapp2Photo

Douglas Adams hatte Unrecht! Nicht 42 ist die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, sondern Blockchain! Zumindest sieht das der Eine oder Andere so. Aber im Ernst: Kann die Technologie hinter Bitcoin die Welt wirklich verändern oder handelt es sich lediglich um ein Übergangsphänomen? Wir haben acht Blockchain-Influencer darum gebeten, mit uns einen Blick hinter den gegenwärtigen Hype zu wagen.

Was ist die Blockchain-Technologie?

Wie funktioniert die Blockchain, also die Technologie hinter Bitcoin, überhaupt? Es gibt kaum jemanden, der qualifizierter ist, diese Frage zu beantworten, als Don Tapscott. Der CEO der Tapscott Group ist einer der führenden Blockchain-Experten und hat sich eingehend mit dem Einfluss von Technologien auf Gesellschaft und Wirtschaft auseinander gesetzt. Tapscott bezeichnet Blockchain als die zweite Generation des Internets und glaubt, dass die Technologie das Potenzial hat, Veränderungen in der Währungs- und der Geschäftswelt, auf gesellschaftlicher Ebene und im Regierungsbereich herbeizuführen.

Eine Einführung in das Thema gibt Tapscott in seinem TED-Talk:

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Jetzt, wo die Grundlagen also geklärt sind, können wir uns den eigentlichen Fragen zuwenden: Ist der Blockchain-Hype übertrieben? Kann die Blockchain die Welt verändern? Wie können wir ihren Einfluss messen? Gilt Blockchain als Skill? Was haben wir eigentlich davon?

Wir haben mit acht Influencern über die Facetten der Blockchain gesprochen und sie gefragt, warum die treibenden Wirtschaftskräfte ein so immenses Potenzial in der Blockchain sehen. In insgesamt vier Teilen werden wir in dieser Interviewserie Sinn und Zweck der Blockchain beleuchten, aber auch einen Blick auf Hürden  und Sorgen werfen, die sich unsere Influencer bezüglich der Technologie machen.

Im ersten Teil der Interview-Serie haben wir die Blockchain-Influencer zum Einfluss der Blockchain auf unser Leben befragt und mit ihnen über darüber gesprochen, wie sich die rechtliche Lage auf die Entwicklung der Blockchain auswirken wird.

Wird die Blockchain unser Leben verändern?

8 Antworten: Laut eines neuen Reports des Europarats könnte die Blockchain das Leben der EU-Bürger verändern (und nicht nur hier). Was denken Sie, wie groß sind die potenziellen Auswirkungen?

Die Influencer

Chitra Ragavan ist Chief Communications Officer bei Gem, einem Blockchain-Startup aus Los Angeles.

Kathryn Harrison ist als Blockchain Offering Leader bei IBM dafür zuständig, IBM Blockchain Produkte an den Markt zu bringen.

Conor Svensson hat blk.io gegründet, einen Anbieter für Enterprise Blockchain Plattformen auf Basis von Ethereum, und ist Autor von web3j. Twitter: @blk_io

Stephen DeMeulenaere ist einer der Gründer der Coin Academy.

Marta Piekarska ist Director of Ecosystem bei Hyperledger.

Eoin Woods ist CTO bei Endava, Autor, Konferenz-Speaker und aktives Mitglied der London Software Engineering Community.

Dawn Newton ist Mitbegründerin und COO von Netki, einem Blockchain Solutions Provider mit Schwerpunkt auf on digitalen Identitäten und Regulatory Compliance.

Perianne Boring ist die Gründerin und Präsidentin der Chamber of Digital Commerce, der weltweit größten Trade Association für die Blockchain Industrie.

Chitra Ragavan: Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, in den kommenden Jahren nicht nur die EU zu verändern, sondern die gesamte Welt. Teilweise liegt das am Data-Rights-Movement, das sich in Europa formiert hat und in vielen Ländern schnell wächst. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die am 25. Mai 2018 in der EU in Kraft tritt, hat weitreichende finanzielle Bedeutung in Form von Geldstrafen (bis zu vier Prozent des weltweiten Umsatzes) für multinationale Unternehmen, die sich nicht um den Schutz der Privatsphäre ihrer Kunden sowie die Absicherung der Daten vor unbefugtem Zugriff kümmern. Das betrifft nicht nur europäische Unternehmen, sondern alle, die Daten von EU-Bürgern verarbeiten, unabhängig vom Standort.

Mit Blockchain können multinationale Unternehmen ihre Schäfchen ins Trockene bringen: mit ihren Grundfunktionen – Transparenz, Prüfbarkeit, Haftbarkeit – stellt die Blockchain einen sicheren Weg zur Handhabung von Kundendaten bereit. Während das Data-Rights-Movement in Fahrt kommt und immer mehr Menschen entscheiden, sich die Kontrolle über ihre Daten von zentralisierten Stakeholdern zurückzuholen, die hauptsächlich von fremden Daten profitieren, wird man mehr und mehr Vorteilte der Blockchain in der Praxis erleben.

Kathryn Harrison: Ich stimme zu – die Blockchain hat das Potenzial, die Interaktion zwischen Regierungen und Bürgern durch den Aufbau von Vertrauen und den Abbau von Bürokratie zu verändern.

Wir leben in einer Welt, in der Unternehmen zu den Treuhändern
persönlicher Daten geworden sind.

Conor Svensson: Die Implikationen der Blockchain in Sachen Privatsphäre sind bedeutsam. Wir leben gegenwärtig in einer Welt, in der Unternehmen zu den Treuhändern persönlicher Daten geworden sind. Wenn jemand sich für einen Dienst anmeldet, gibt er Informationen nur teilweise zu Identifikationszwecken an. Außerdem dienen diese Informationen aber auch dem Unternehmen, das mehr über seine Kunden lernen möchte.

Mit der Blockchain können sichere, vertrauenswürdige Identitäten verwendet werden, bei denen der Inhaber die Kontrolle darüber hat, wie viele Informationen er Anderen über sich selbst zur Verfügung stellt. So muss man beispielsweise die eigene Identität nicht nachgewiesen werden, um Transaktionen mit Anderen durchzuführen – man muss nur nachweisen, dass man den Private Key besitzt, der mit einem Public Key per traditioneller Public Key-Kryptographie verbunden ist. Dadurch kann man selbst entscheiden, welche Informationen man mit anderen Parteien teilen möchte. Das hilft somit dabei, die Kontrolle über Informationen zurück zu erlangen.

Ein Beispiel: Wo man traditionell seinen Namen, sein Geburtsdatum und seine Adresse angeben musste, um sich zu identifizieren, wird mit Blockchain ein Public Key (oder eine daraus abgeleitete Adresse) zur Online-Identität. Man kann in Transaktionen dann entscheiden, welche Informationen man damit verbinden möchte.

Das stellt das gegenwärtige Modell auf den Kopf, indem man selbst zum Verwalter der eigenen Daten wird und die Kontrolle darüber hat, welche Daten man öffentlich macht oder Unternehmen zur Verfügung stellt, auf eine stärker transaktionale Art als das gegenwärtig der Fall ist.

Stephen DeMeulenaere: Ich würde auch sagen, dass Blockchain-Technologien das Leben der EU-Bürger signifikant verändern wird. Angefangen bei verbesserten Ausweis-Systemen über vereinfachte Wahlen und Wähler-Registrierungen bis hin zur Zahlung von Steuern wird die Blockchain-Technologie die Interaktion mit Regierungen und Behörden auf viele Arten verbessern.

Marta Piekarska: Blockchain hat die Art verändert, wie wir über Vertrauen nachdenken. Bis die Technologie in großem Maßstab in der IT eingeführt wurde, war Vertrauen etwas, das notgedrungen zwischen Vertragspartnern entstand, die normalerweise absolut keinen Grund hatten, einander oder den auserkorenen Sicherheitsinstitutionen zu vertrauen.

Als Forscherin auf dem Gebiet der Privatsphäre habe ich oft von Nutzern gehört, dass sie in der realen Welt mit der Zeit Beziehungen aufbauen, in der virtuellen Welt aber dazu gezwungen sind, jemandem ihre privatesten Daten anzuvertrauen, den sie nie zuvor gesehen haben. Das ist mit Blockchain-Technologien nicht  mehr der Fall: Heute stellen wir Dinge in einen Distributed Ledger, ohne dass eine dritte Partei involviert ist, der wir vertrauen müssten.

Das ist eine Revolution: Endlich gibt es eine Technologie, die dem durchschnittlichen Menschen hilft.

Solange wir uns an die Prinzipien und das ursprüngliche Design halten, funktionieren auch die Sicherheitsprinzipien. Wenn man darüber nachdenkt, ist das eine Revolution: Endlich gibt es eine Technologie, die dem durchschnittlichen Menschen hilft. Technologie, die im Hintergrund arbeitet, um unser Leben zu verbessern, und die Nutzer nicht verstehen müssen, damit sie zum Teil der von ihnen genutzten Lösungen werden kann.

Eoin Woods: Blockchain hat das Potenzial, viele Arten der Datenverarbeitung transparent zu machen und Vertrauen zu schaffen. Das kann echte Vorteile für das öffentliche Leben in der EU und darüber hinaus mit sich bringen.

Dawn Newton: Derzeit sehen sich große Finanz-Institutionen die Blockchain-Technologie an, um ihre aktuell vorhandenen neuralgischen Punkte zu behandeln, wie die Kosten, die mit dem Correspondent Banking verbunden sind. Zusätzlich suchen sie nach Wegen, einen Teil des internationalen Rimessen-Marktes zurückzuerobern, der 600 Milliarden Dollar schwer ist. Kurzfristig werden wir einen Fokus auf die Kostenreduktion bei existierenden Prozessen sehen, weil die Finanzinstitutionen das schnell umsetzen können. Die Prozesse sind hier etabliert und gut dokumentiert, sodass die Banken die passenden Spezifikationen bestimmen können, um die richtige Blockchain auszuwählen, die gesamte Blockchain-Technologie zu evaluieren und ihr Deployment der Blockchain auszuwerten. Auf lange Sicht sind FIs daran interessiert, neue Märkte für ihr Geschäft zu erschaffen; das bedarf aber eines deutlich größeren Aufwands, da dafür eine Marktanalyse und eine Risikobeurteilung durchgeführt werden müssen und rechtliche Aspekte einzubeziehen sind.

Eine der wichtigsten Anforderungen, die formuliert wurden, ist die der finanziellen Teilhabe. Das European Savings and Retail Banking Institute sagt, dass mehr als 37 Millionen europäischer Bürger nicht am regulären Bankensystem teilnehmen. Im Rahmen ihrer Forschung fand das Institut heraus, dass zwei der vier Gründe dafür die Kosten und der physische Zugang zu Banken sind. Blockchain kann die Kosten auf Seiten der Banken signifikant senken, sodass sie mehr Konten verwalten können. Zusätzlich kann ein Smartphone-basierter Zugang Banken dabei helfen, neue Konten für Kunden innerhalb von Minuten einzurichten, sodass der Einzelne nicht mehr notwendigerweise in der Bankfiliale sein muss, um ein Konto zu eröffnen und zu benutzen.

Netki hat sich kürzlich mit Bitt für ein solches Produkt zusammengeschlossen. Bitt arbeitet direkt mit den Zentralbanken in der Karibik zusammen, um einen direkten Devisentausch von Insel zu Insel zu ermöglichen (derzeit werden alle Transaktionen durch Kanada oder die USA geleitet). Mit dem Wallet-Service von Bitt, der auf Blockchain basiert, kann jeder am weltweiten Wirtschaftsverkehr teilnehmen, inklusive Menschen ohne Zugang zu Banken. Mit dem Wallet-Service können Zahlungen vorgenommen werden, die wenig kosten und sicher, einfach zu verwenden und sehr effektiv sind.

Perianne Boring: Blockchain verändert das Leben vieler Menschen aus aller Welt bereits durch eine Vielzahl von Anwendungen. Angefangen bei Devisen und Zahlungen eliminiert Blockchain die Notwendigkeit von Drittparteien, um finanzielle Transaktionen durchzuführen. Zum ersten Mal in der Geschichte können wir Geld von Person zu Person genau so leicht weitergeben, wie wir SMS oder Mails verschicken. Alle, die keinen oder nur einen begrenzten Zugang zu Banken haben, oder nicht kreditwürdig genug für eine Kreditkarte sind, haben also stattdessen mit Bitcoin und anderen digitalen Währungen Zugang zum Finanzsystem. Aus Perspektive der finanziellen Teilhabe ist das ein mächtiger Use Case. Die Chamber hat ein Whitepaper auf ihrer Website veröffentlicht, das sie bei der Georgetown Universität in Auftrag gegeben hatte und das sich mit der Frage befasst, wie Blockchain benutzt werden kann, um Probleme wie das der finanziellen Teilhabe zu lösen.

Oft fragen Leute, was denn die „Killer App“ der Bitcoin ist: Es ist genau dieses Crowdfunding.

Ein anderer Bereich, aus dem wir bereits sehen können, welchen Einfluss Blockchain auf unser Leben hat, ist das Fundraising oder Crowdfunding. Weltweit beobachten wir Token Sales über Crowdfunding-Tools, auf die jeder Verwender von Blockchain-Technologien Zugriff hat, um darüber Kapital für das eigene Unternehmen zu sammeln. Oft fragen Leute, was denn die „Killer App“ der Bitcoin ist: Wir können die Entwicklung genau vor unseren Augen beobachten, es ist genau dieses Crowdfunding. Wir sehen, dass diverse Projekte Summen in Millionenhöhe sammeln, wenn nicht sogar von hunderten Millionen Dollar die Rede sein muss. Und das passiert in sehr kurzer Zeit. Das ist die Entfesselung des Finanzsystems, und es eröffnet ganz neue Möglichkeiten zu Investieren oder Zugriff auf Investorenkapital zu bekommen, um ein neues Unternehmen zu gründen.

Es ist sehr wichtig, dass wir nicht versuchen, diese Technologie zu früh zu reglementieren, weil sie sich noch entwickelt.

Oder in Europa – ein positiver Aspekt des regulativen Regimes der EU ist, dass Lizenzen, die in einem EU-Staat ausgestellt wurden, in andere Mitgliedsstaaten übertragbar sind. Eines unserer Mitglieder, Bitstamp, hat in Luxemburg eine Lizenz erhalten und konnte sie in allen 28 EU-Ländern anerkennen lassen. Dadurch ist Bitstamp jetzt vollständig lizensiert in der gesamten EU und kann von allen europäischen Kunden als virtueller Devisenmarkt genutzt werden. Das ist in den USA ganz anders. Dort bieten die einzelnen Bundesstaaten keine Möglichkeit zur Anerkennung von Lizenzen über Grenzen hinweg an, sodass es keine digitale Wechselstube gibt, die in allen Staaten zugänglich ist. Aus einer organisatorischen Perspektive heraus betrachtet ist die EU in dieser Hinsicht deutlich besser darin, Unternehmen an den Markt zu bringen als die USA.

Blockchain jenseits der Finanzwelt

JAXenter: Der Autor des Reports sagt außerdem, dass die größte Wirkung von Bitcoin außerhalb des Währungsbereichs liegen könnte, weil sich andere Anwendungen Bitcoins Blockchain zunutze machen können. Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Chitra Ragavan: Es stimmt, dass die Blockchain zwar die Entstehung von Kryptowährungen wie Bitcoin ermöglicht hat, es allerdings die Anwendungsbereiche außerhalb des FinTech sind, die Firmen auf der ganzen Welt aktiv werden lassen.

Einen besonders großen Effekt können Blockchains im Gesundheitswesen entfalten, wenn damit zentrale Patientenakten geschaffen werden, die eine Gesamtperspektive auf den Weg einer Person durch das Gesundheitssystem geben. Auch für Supply Chains bei Medikamenten ist das zutreffend: Da geht es um die Gewährleistung, dass Medikamente nicht gefälscht sind oder manipuliert wurden, dass Patienten im Fall eines Rückrufs benachrichtigt werden, und um die Verhinderung von Engpässen. Außerdem kann ein großer Nutzen in der Luftfahrt entstehen, wo keine gefälschten Teile in Flugzeugen verbaut werden dürfen. Es gibt weitere Anwendungsmöglichkeiten im Bereich des Transports, beispielsweise die Verwendung von IoT-Daten/Telematik-Diensten, um die „Gesundheit“ von Autos und Flugzeugen zu überwachen; auch könnten so anteilige Versicherungsprämien basierend auf einer geteilten Fahrzeugnutzung möglich werden.

Es sind die Anwendungsbereiche außerhalb des FinTech, die Firmen auf der ganzen Welt aktiv werden lassen.

Sogar im kreativen Bereich können Blockchains genutzt werden, um Patente und das geistige Eigentum von Dichtern, Autoren, Musikern und Künstlern zu schützen. Automatisierung, Logik und Smart Contracts können in allen diesen Fällen die Effizienz und Profite steigern, Verlust, Betrug und Missbrauch minimieren. Die Möglichkeiten sind endlos.

Kathryn Harrison: Ich stimme voll und ganz zu. Die Blockchain ist weitaus mehr als nur Bitcoin oder eine Anwendung auf dem Bereich der Währungen. Blockchain macht in jedem Szenario Sinn, wo mehrere Beteiligte in einem geschäftlichen Netzwerk Güter oder Services austauschen wollen, es aber an grundlegendem Vertrauen fehlt und eine klare Nachvollziehbarkeit aller Transaktionen im Netzwerk nötig ist. Wir sehen bereits, dass sich ein signifikantes Interesse an Blockchain auf Gebieten wie Supply Chains und Retail bildet, jenseits der Finanzdienstleitungen.

JAX 2016: Keynote Caterina Rindi from JAX TV on Vimeo.

Conor Svensson: An dieser Aussage ist viel Wahres dran. Es sind oft die weniger offensichtlichen Anwendungen einer Technologie, in denen der größte Wert liegt. Dezentrale Speicherung ist beispielsweise eine andere Nutzung dieser Technologie, bei der für Computer im Netzwerk, die ihren Speicher anbieten, mit Tokens bezahlt wird.

Außerdem haben Unternehmen die Möglichkeit, sich Kapital via Inital Coin Offerings (ICOs) zu beschaffen; das ist allerdings nicht so weit weg von den Währungs-Anwendungsfällen.

In den kommenden Jahren werden wir noch viele Innovationen sehen, während die Technologie heranreift.

Ich bin überzeugt davon, dass Bitcoin eine starke und interessante Anwendung der Blockchain war, ist und bleiben wird.

Stephen DeMeulenaere: Ich glaube, dass sowohl die Anwendungsfälle aus dem Bereich der Währung als auch aus dem nicht-finanziellen Bereich die europäische Gesellschaft, Wirtschaft und Regierungen beeinflussen werden. Die Euro-Währung befindet sich in einer Krise und der Bedarf an zusätzlichen Währungen, ob digital, regional, städtisch oder lokal, wird steigen, um die Bedürfnisse des Gewerbes zu befriedigen. Regionale und nationale Regierungen sowie die EU sollten dies fördern.

Marta Piekarska: Ich bin überzeugt davon, dass Bitcoin eine starke und interessante Anwendung der Blockchain war, ist und bleiben wird. Es handelt sich dabei auch weiterhin um eine sehr sichere Blockchain aufgrund ihrer Größe, ihrer sauberen Implementierung und der Anzahl der Mitwirkenden, die den Code im Blick behalten. Ich glaube aber auch, dass die Blockchain ein Werkzeug ist und als solches gesehen werden sollte: Wir sollten nach Bereichen suchen, wo sie Teil von größeren Lösungen auf anderen Gebieten werden kann.

Ich glaube aber nicht, dass Bitcoins Blockchain die Basis dieser Lösungen werden sollte, weil sie viele Grenzen hat, die aus den selben Ursachen resultieren wie ihre Stärken: Sie ist langsam, unflexibel und auf die meisten Anwendungsfälle nicht anwendbar. Ich sehe darin eher eine Referenz-Implementierung für Blockchains.

Eoin Woods: Absolut. Wir sehen das bereits an Systemen wie Everledger, Genecoin, Provennance und Civic, die Bitcoins Blockchain für Anwendungen einsetzen, die von der Verfolgung von Diamanten bis zur Bereitstellung sicherer digitaler Identitäten reichen. Ich glaube, dass das also bereits passiert und dass man es noch stärker anhand von anderen Blockchain-Plattformen wie Ethereum sieht, die spezifisch als Plattformen für dezentrale Anwendungen entwickelt wurden.

Es ist schwer zu sagen, ob der Einfluss von Bitcoin als Währung oder als Plattform größer sein wird; die Verwendung als Plattform ist an sich aber bereits eine feststehende Tatsache.

Bitcoin als Währung wird eine der Blockchain-Anwendungen mit dem größten Einfluss bleiben, da es für Rimessen, finanzielle Teilhabe, Handel und so weiter genutzt wird.

Dawn Newton: Als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, dachten wir, die wir daran gearbeitet haben, dass E-Mails die „Killer App“ werden würde, mit der sich das Internet im Mainstream durchsetzt. Das erschien uns absolut logisch, weil jeder das Fax gehasst hat. Es war unerträglich zeitaufwendig, etwas zu faxen; Telefonate waren außerdem noch teuer. Schlussendlich war es aber doch das Ansehen von Fotos über Web-Browser, was am Ende wirklich den Ausschlag gegeben hat. E-Mails werden zwar durchaus stark genutzt; die wirklich transformativen Kräfte im Netz wie Uber, AirBnB, Facebook und so weiter haben wir aber nicht voraus gesehen.

Bitcoin als Währung wird eine der Blockchain-Anwendungen mit dem größten Einfluss bleiben, da es für Rimessen, finanzielle Teilhabe, Handel und so weiter genutzt wird. Weitere vielversprechende Anwendungsfälle, die der EU-Report benennt, umfassen Grundbücher, Supply Chains und die Verwaltung von Identitäten. Was davon den meisten Einfluss haben wird, ist schwer vorherzusagen, weil das stärker von der Geschwindigkeit der Umsetzung von Lösungen abhängen wird als vom Wert des Produkts.

Perianne Boring: Währungen sind definitiv nur eines der Anwendungsfelder für die Blockchain. Die Blockchain wurde zuerst im Währungsbereich eingesetzt, in Form von Bitcoin; jetzt wo die Branche aber mehr Zeit hatte, Technologien auf Blockchain-Basis zu entwickeln, sehen wir, wie immer komplexere Anwendungsfälle entwickelt werden. Das alles braucht aber seine Zeit – je komplexer der Anwendungsfall, desto länger wird es dauern, ihn wirklich zu programmieren, zu testen und an den Markt zu bringen.

Währungen sind nur eines der Anwendungsfelder für die Blockchain.

Es gibt viele Anwendungen jenseits des Zahlungsverkehrs. Ein Anwendungsfeld, das ich sehr spannend finde, ist die Idee der Patienten-zentrierten Patientenakten, bei denen der Patient selbst die eigenen Daten wirklich besitzt und kontrolliert. Diese Akten könnten über eine Blockchain-basierte Technologie übertragen und gesichert werden und würden dem Einzelnen die Kontrolle über seine digitalen medizinischen Daten geben.

Zu den anderen Anwendungsfällen, die wir uns ansehen, gehören Supply Chains und die Versicherungsbranche, vor allem im Bereich der Verwendung von Smart Contracts in Fällen wie der Bearbeitung von Forderungen. Diese Entwicklung würde einen großen Fortschritt in Hinblick auf die Digitalisierung Papier-basierter Vorgänge darstellen. Es gibt wirklich unzählige Anwendungsfälle, die wir hier sehen und an denen unsere Mitglieder jenseits der Währung arbeiten.

Eine Sache, die ich hervorheben möchte, ist, dass es sehr wichtig ist, dass wir nicht versuchen, diese Technologie zu früh zu reglementieren, weil sie sich noch entwickelt – wir wissen einfach noch nicht, wohin der Weg uns führen wird. In den letzten Jahren haben wir eine Menge Wachstum gesehen, und das wird sich im kommenden Jahrzehnt so fortsetzen. Die Branche braucht einen gewissen Spielraum, um sich zu entwickeln, bevor wir hier gesetzliche Parameter definieren können.

W-JAX
Mike Wiesner

Data- und Event-driven Microservices mit Apache Kafka

mit Mike Wiesner (MHP – A Porsche Company)

Niko Köbler

Digitization Solutions – a new Breed of Software

with Uwe Friedrichsen (codecentric AG)

Software Architecture Summit 2017
Dr. Carola Lilienthal

The Core of Domain-Driven Design

mit Dr. Carola Lilienthal (Workplace Solutions)

Sascha Möllering

Reaktive Architekturen mit Microservices

mit Sascha Möllering (Amazon Web Services Germany)

Blockchain: Brauchen wir neue Gesetze und Regulierungen?

JAXenter: Wie wichtig sind rechtliche Aspekte in diesem Kontext? Ist die Entwicklung der Blockchain davon abhängig?

Die Notwendigkeit einer Unterstützung durch Gesetze wird bestehen bleiben.

Chitra Ragavan: Es ist wichtig, dass Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden die Innovation nicht im Keim ersticken, indem sie eine Richtung für die grundlegende Technologie vorgeben. Stattdessen sollten Experten aus Wirtschaft und Industrie einbezogen werden, um einen Weg zu finden, auf dem die Technologie wachsen und gedeihen kann, zum Wohle aller. Gesetzgeber sind zu oft versucht vorzugeben, wie Technologien eingesetzt werden dürfen und wie nicht, häufig auf Geheiß mächtiger Lobbyisten, mit der Tendenz, Datensilos zu kreieren und den Wettbewerb zu zerstören. Das trifft vor allem kleine Unternehmen, in denen die wichtigsten Innovationen stattfinden, die jedoch zugleich das geringste politische Gewicht haben.

Andererseits ist die Blockchain aber auch sehr gut dazu geeignet, die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften zu ermöglichen. Beispielsweise in der Gesundheitsbranche: Blockchain kann einen sicheren, einwilligungsbasierten Datenverkehr zwischen Anbietern, Patienten, Versicherungsunternehmen und Banken gewährleisten und zugleich die Privatsphäre und Daten der Patienten schützen. Das liegt an der dezentralen Natur der Technologie. Bei Gesetzen für Supply Chains kann die Blockchain sicherstellen, dass pharmazeutische Daten entsprechend der gesetzlich vorgeschriebenen Nachverfolgbarkeit verfügbar sind, um Diebstahl und Fälschung, aber auch einen Mangel am Markt zu verhindern oder den Rückruf von Medikamenten zu beschleunigen. Das Entscheidende ist, dass Regierungen Innovationen unterstützen sollten, ohne Vorschriften zu machen, und dass Unternehmen nach Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain suchen sollten, die der Regierung dabei helfen, wichtige Gesetze und Regulationen durchzusetzen. Da liegt eine Synergie, die oft vergessen wird. Es ist kein Fall von entweder/oder.

JAX Finance 2016: Blockchain – Disruptive service or just another buzz word? – John Davies from JAX TV on Vimeo.

Kathryn Harrison: Ich glaube, dass es wirklich wichtig ist, dass Projekte, die mit Blockchain arbeiten, innerhalb der vorhandenen Gesetzgebung bleiben, die für die Branche gilt. Wenn Blockchain-Transaktionen diese Grenzen überschreiben und somit ein systemisches Risiko entsteht, haben die Aufsichtsbehörden keine andere Wahl, als die Unternehmen zu schließen und die Ansätze zu unterbinden. Nichtsdestoweniger glaube ich aber, dass im Rahmen des Innovationsprozesses, und solange Blockchain-basierte Unternehmen sich innerhalb des bereits vorhandenen rechtlichen Rahmens bewegen, weniger Regulation von Vorteil ist. So können wir die Möglichkeiten dieser Technologie vollständig erforschen und die Chancen und Herausforderungen verstehen, die sie mitbringt.

Wenn ein Gesetz die Entwicklung behindert, wird die Technologie Wege finden, ungerechte oder nutzlose Gesetze zu umgehen.

Conor Svensson: Die Entwicklung der Blockchain ist nicht davon abhängig; die Handhabung von Kapital, das nicht vollständig digital ist, wird aber immer auf allgemeinen Gesetzen beruhen müssen, um rechtsgültig zu sein.

Kein Smart Contract kann jede Eventualität umfassen, und wenn es darum geht, reale Handlungen digital durchzusetzen, wird es immer Raum für Fehlinterpretationen geben. Darum wird die Notwendigkeit der Unterstützung durch Gesetze bestehen bleiben.

Stephen DeMeulenaere: Die Gesetzgebung ist in diesem Kontext sehr wichtig, um eine Richtung vorzugeben, wie die Systeme den Bürgern am meisten helfen können. Wenn ein Gesetz die Entwicklung behindert, wird die Technologie Wege finden, ungerechte oder nutzlose Gesetze zu umgehen.

Marta Piekarska: Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, einen rechtlichen Rahmen für die Blockchain zu entwickeln. Das liegt vor allem daran, dass sie dramatische Verbesserungen auf Gebieten verursachen kann, die an den Bereich des Rechts grenzen: Gesundheitswesen, Großkundengeschäfte von Banken, Bildung, Beurkundungen, Herkunftsnachweise, Verträge. Während die Entwicklung von Blockchain, oder eher der Erfolg der Blockchain-Technologie, nicht von der gesetzlichen Anerkennung abhängt, weil die Technologie auch in anderen Bereichen angewandt werden kann, sollte doch festgehalten werden, dass die vorgenannten Bereiche signifikant von der Verwendung von Blockchain-Technologien profitieren können. Blockchain kann die Notwendigkeit von vertrauenswürdigen Dritten aufheben, zu einer Dezentralisierung führen und eine Prüfbarkeit und Unveränderlichkeit einführen.

Eoin Woods: Bisher war das kein zentraler Faktor in der Entwicklung der Blockchain; das ändert sich derzeit aber eindeutig. Fast alle Aufsichtsbehörden für Finanzdienstleistungen untersuchen Blockchain als unterstützende Technologie und als Option zur Regulation; große Unternehmen beginnen damit, die Technologie tatsächlich einzusetzen. Die rechtliche Basis für Transaktionen in der Blockchain wird darum an Bedeutung gewinnen.

Technologie muss sich innerhalb der gegenwärtigen rechtlichen Vorgaben bewegen und sie zugleich zur Veränderung herausfordern.

Dawn Newton: Regierung und Gesetzgebung sind immer von größter Bedeutung, wenn eine weltweit transformativ wirkende Technologie herauskommt. Als das Internet noch neu war, fand sich ein Absatz in einem Gesetzesentwurf des Kongress der Vereinigten Staaten, der die Anonymität im Netz unterbinden sollte. Damit wollte man Internet Service Provider (ISP) dazu zwingen, die echten Namen all ihrer Kunden zu kennen (Know Your Customer, KYC) statt nur Personas. Obwohl die Absichten dahinter gut waren, da man so die Menge des Spams und die damit verbundenen Kosten reduzieren wollte, hätte diese Lösung diese innovative Technologie zerstört. Stattdessen hat dann das Internet Service Provider Forum direkt mit dem Kongress zusammengearbeitet, um den Entwurf anzupassen und sicher zu stellen, dass Kunden geschützt werden und die Technologie sich entfalten kann.

Derzeit befinden wir uns an einer ähnlichen Weggabelung. Regierungen weltweit versuchen herauszufinden, welche gesetzlichen Regelungen sie der Blockchain geben wollen. In großen Ländern sind sich in dieser Hinsicht nicht einmal die verschiedenen Regierungsteile einig. Die Entscheidungsträger müssen sich für die Sichtweise der Tech-Experten hinsichtlich der Frage öffnen, was auf Ebene der Gesetzgebung funktionieren kann und was nicht; Tech-Experten müssten sich die Zeit nehmen, die Entscheidungsträger weiterzubilden. Genau so ist der Internet Freedom Act entstanden, wie viele weitere sinnvolle gesetzliche Regelungen auch, statt solcher, die einschränkend und lästig sind.

Technologie muss sich innerhalb der gegenwärtigen rechtlichen Vorgaben bewegen und sie zugleich zur Veränderung herausfordern. Hoffentlich werden sich weite Teile der Branche selbst regulieren, bevor erdrückende, intrusive Vorschriften und Gesetze entstehen.

Perianne Boring: Rechtliche Rahmenbedingungen sind sehr wichtig für entstehende Branchen und stellen meiner Meinung nach das größte Risiko für die allgemeine Anwendung der Blockchain dar. Wenn die Regierung hier Fehler macht, könnte das die Innovationskraft ersticken. Darum habe ich The Chamber gegründet. Als ehemalige Beraterin des US-Kongresses habe ich die verheerenden Auswirkungen gesehen, die schlechte Gesetze auf die Wirtschaft und die Märkte haben können.

Der erste Anwendungsfall der Blockchain waren Bitcoin, oder Währung allgemein. Wenn wir aber die Währungsperspektive heranziehen, um der Blockchain einen rechtlichen Rahmen zu geben, kann das andere, weiter entwickelte Anwendungsfälle daran hindern, auf den Markt zu gelangen.

Eine weitere zentrale rechtliche Implikation liegt auf dem Gebiet der Entwicklung und Anwendung von Smart Contracts. Eine der wichtigsten Fragen, mit der sich unsere Smart Contracts Alliance befasst, ist die danach, wie der rechtliche Status von Smart Contracts aussieht. Sind sie rechtlich einklagbar und bindend? Sind das wirklich Verträge?

Im zweiten Teil unserer Interviewserie erzählen uns unsere Blockchain-Influencer, was ihnen in Sachen Blockchain Sorgen bereitet. Außerdem sprechen sie über die Hürden für die Technologie sowie die Branchen, die nicht disruptiv beeinflusst werden können.

Mehr zum Thema:

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Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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