Interview mit Stephen DeMeulenaere, Mitbegründer der Coin Academy

Bitcoin Flipping: „Blockchain wird Bitcoin entwachsen“

Gabriela Motroc
Stephen DeMeulenaere

Die Debatte über Kryptowährungen ist alles andere als vorüber, insbesondere da das letzte Bitcoin Halving bewiesen hat, dass das Sprichwort “was einen nicht umbringt, macht einen stärker” anscheinend wahr ist. Stephen DeMeulenaere ist Mitbegründer der Coin Academy, der ersten Lernplattform für digitale Währungen. Er glaubt an eine strahlende Zukunft für Kryptowährungen und dass Bitcoin weiter wachsen wird.

Das zweite Bitcoin Halving kam und ging wieder, ohne einen substantiellen Effekt auf den Preis der Kryptowährung gehabt zu haben. Dennoch kann man damit rechnen, dass sich etwas bewegt – das behaupten zumindest einige Leute, die unmittelbar in die Sache involviert sind.

Wir sprechen mit Stephen DeMeulenaere, dem Mitbegründer der Coin Academy, der ersten Lernplattform für digitale Währungen, über die Zukunft von Bitcoin und darüber, welche Rolle Kryptowährungen in der FinTech-Bewegung spielen werden.

JAXenter: Herr DeMeulenaere, Sie sind der Mitbegründer der Coin Academy. Was ist die Coin Academy und wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Stephen DeMeulenaere: Wir haben bemerkt, dass einige Seminare, wie etwa der MOOC (Massive Open Online Course) an der University of Nicosia, auf Personen ausgelegt waren, die bereits über ausgereifte Kenntnisse verfügen. Dementsprechend gingen die Kurse auf jedes Detail ein. Wir konnten aber keinen Kurs finden, mit dem man den sicheren Umgang mit digitaler Währung von Grund auf erlernen konnte.

Der andere Mitbegründer Ric Shreves und ich kommen aus dem Bildungssektor und sind in den letzten zwei Jahrzehnten in der Community des Currency-Bewegung aktiv gewesen. Also haben wir einige Kurse entwickelt und einige weitere zusammengestellt.

JAXenter: Wie stehen Sie zum folgenden Statement: Bitcoin steht für die Vereinigung von Wall Street und Silicon Valley?

Stephen DeMeulenaere: Damit bin ich überhaupt nicht einverstanden! Die Wall Street repräsentiert eine vollkommen andere Philosophie der Wirtschaft als Bitcoin. Es gibt Leute, die wollen, dass Bitcoin sich mit der Wall Street einlässt. Andere denken, dass das eine schlechte Idee ist. Die meisten wollen aber, dass Bitcoin einen anderen Weg einschlägt. Schließlich entstand Bitcoin auch als Reaktion auf die Situation, die die Finanzkrise von 2008 verursachte. Silicon Valley hat eine große Rolle in der Entwicklung von Bitcoin gespielt, aber das haben Entwickler anderswo auf der Welt auch.

JAXenter: Sie sagen, Bitcoin entstand als Reaktion auf die Finanzkrise. Wie könnte Bitcoin im Falle einer weiteren Krise dabei helfen, Stabilität zu bewahren?

Stephen DeMeulenaere: Die normale Reaktion wäre, zu sagen, dass Plattformen wie Bitcoin einen sicheren Ort darstellen, um Geld zu hinterlegen (vergleichbar mit Gold), bis eine bessere Lösung gefunden wurde oder die Ökonomie sich normalisiert hat. Bedenkt man allerdings, dass die US Federal Reserve über fast keine Reserven mehr verfügt, um eine weitere Krise zu überstehen, könnte sogar eine kleinere Krise als die von 2008 das US Dollar-basierte internationale Währungssystem zusammenbrechen lassen.

Wie bei Gold, können wir unsere Ersparnisse in Bitcoin schützen.

In diesem Fall könnte Bitcoin – zusammen mit anderen Wertaufbewahrungsmitteln – dazu genutzt werden, ein Währungssystem mit einem neuem Austauschmittel und einer neuen Ausgabemethode zu etablieren. Ich glaube, dass Mutual Credit ein solides Fundament für ein Währungssystem ist. Bei Mutual Credit handelt es sich um eine Art Währungssystem auf netzwerk-ökonomischer Basis, das Geld in eine Volkswirtschaft einspeist, indem es seinen Mitgliedern erlaubt, ihre eigenen Kredite auszuteilen und die von anderen zu akzeptieren. Es gibt bereits heute tausende Beispiele für ein solches System, etwa die WIR Bank in der Schweiz.

JAXenter: Könnte Bitcoin unser Sicherheitsnetz sein?

Stephen DeMeulenaere: Wir können unsere Ersparnisse mit Bitcoin schützen – vergleichbar mit Gold. Sollte eine Krise egal welcher Größenordnung entstehen, können wir sicher sein, dass der Preis von Bitcoin steigen wird.

JAXenter: Was würden Regulierungen für digitale Währungen bedeuten? Wie würden sie das FinTech Movement beeinflussen?

Stephen DeMeulenaere: Gesetzliche Bestimmungen ergeben sich schnell oder langsam, ja nachdem wie lang die Gesetzgeber brauchen, um den Sachverhalt zu verstehen. Außerdem werden Regulierungen ganz anders verhandelt als sonst üblich. Die Gesetzgebung in New York ist ein gutes Beispiel: Wegen ihr haben viele Unternehmen den Staat verlassen und sich anderweitig umgeschaut, etwa in London, Singapur oder Amsterdam, wo es fortschrittlichere Bestimmungen gibt. „Regulatorische Arbitrage“ zwingt Regulatoren dazu, eine marktorientierte Herangehensweise bei der Gesetzgebung zu wählen. Sie erkennen nämlich mittlerweile, welchen Einfluss sie auf den Markt haben können.

JAXenter: Seit Sie die Coin Academy gegründet haben, sind Ihnen bestimmt viele Reaktionen auf das Konzept Kryptowährung begegnet. Werden die Leute digitalem Geld überhaupt eine Chance geben?

Kryptowährungen stecken immer noch in den Kinderschuhen und sind bislang eher für Leute mit technischem Hintergrund.

Stephen DeMeulenaere: Kryptowährungen stecken immer noch in den Kinderschuhen und sind bislang eher für Leute mit technischem Hintergrund oder für diejenigen interessant, die nationale Währungen in eine etwas mobilere Alternative konvertieren wollen. Es ist noch ein langer Weg, bis digitale Währungen auf einfache Weise erwerbbar, sicher und austauschbar sein werden.

Allerdings: Bitcoin hat bereits jetzt die Kapazitätsgrenzen seiner ersten Phase erreicht. Es ist also ein überwältigender Erfolg. Der drohende Misserfolg spornt viele Leute an, daran zu arbeiten, diese Szenario nicht eintreten zu lassen.

JAXenter: Sie haben gesagt, dass ein drohendes Scheitern von digitalen Währungen die Leute dazu bewegt, extra hart zu arbeiten, um eben das zu verhindern. Wie sehen diese Vorsichtsmaßnahmen aus? Was genau machen die Leute, um Kryptowährungen nicht untergehen zu lassen?

Stephen DeMeulenaere: Das Bitcoin-System ist vergleichsweise zentralisiert. Es hängt vor allem von den Entscheidungen der Miner ab. Innerhalb der Gruppe der wichtigsten Programmierer sind dort die meisten Probleme verursacht worden. Deswegen wird versucht, die Kommunikationskanäle offen zu halten, damit die beste Lösung gefunden werden kann. Am Ende will schließlich jeder mit einem Interesse an Bitcoin, dass es ein Erfolg wird. Das ist die Stärke dieser Kryptowährung. Das Konsensmodell macht die Plattform stabil, während die Diskussionen um ihre Verbesserung weitergehen.

JAXenter: Immer mehr traditionelle Banken erkennen das Potenzial der Blockchain – aber Bitcoin scheint für sie keine Rolle zu spielen. Wird die Blockchain Bitcoin entwachsen?

Stephen DeMeulenaere: Ja, das wird sie mit Sicherheit. Auch in den nächsten Jahren wird es einen Platz für Bitcoin geben. Es ist eine der stärksten Blockchains. Dennoch ist es nur natürlich, dass neue Blockchain-Plattformen wie Ethereum entstehen, die das Potenzial haben, schneller, größer und effizienter zu sein sowie weitaus mehr Datentypen handhaben können als Bitcoin.

JAXenter: Wo sehen Sie Bitcoin in zwei Jahren? Und wie sieht es mit anderen Kryptowährungen aus?

Stephen DeMeulenaere: Bitcoin wird dank anhaltender technischer Verbesserungen und besserer kollektiver Steuerung in seine nächste Phase eintreten. Verteilte kollektive Intelligenz funktioniert und die Herausforderungen, die das System in letzter Zeit erlebt hat, haben uns wertvolle Lektionen erteilt, wie wir die Arten, uns selbst zu regieren, verändern können.

Ethereum, die zweitbeste Kryptowährung, hat vor Kurzem die Marke von einer Milliarde US-Dollar Marktkapitalisierung überschritten. Sie und andere Kryptowährungen, die wichtige Funktionen erfüllen, werden absehbar weiter wachsen.

JAXenter: Wie stehen Sie zu Ethereum? Manche sehen es im Bezug auf den Erfolg als Zukunft von Bitcoin, während andere glauben, sein Ruhm wir schnell vergehen. Auf welcher Seite stehen Sie und warum, denken Sie, konnte Ethereum so schnell so groß werden?

Stephen DeMeulenaere: Ich mag Ethereum und ich mag das viel größere Projekt namens Ceptr, das dahinter steht. Man kann es auf ceptr.org finden. Außerdem gefallen mit Ripple, Cryptonote, Dash, NXT und BitsharesX. Jede dieser Plattform hat etwas Einzigartiges für das Ökosystem zu bieten.

Gegen die Kurzlebigkeit von Ethereum würde ich eine Wette eingehen und ich bin sicher, ähnliche Wetten werden auf Augur oder Bitmoose gehalten. Ethereum bietet viele Möglichkeiten, die noch lange nicht vollständige erkundet wurden. Es ist also völlig verfrüht, es jetzt schon abzutun. Skeptisch zu sein, ist immer einfach; genauso wie 99 Prozent der Leute es 2009 gegenüber Bitcoin waren. Skeptizismus ist trotzdem eine gute Sache, man sollte Trends nicht blind folgen.

Interkommunikative Blockchains werden das Fundament für ein verteiltes Internet-Ökosystem sein, das nicht mehr zentralisiert werden kann und uns erlauben wird, eine Vielfalt von Wertformen als Tauschmittel zu benutzen. Unsere schuldenfinanzierten nationalen Währungen werden damit obsolet. Aber wir müssen noch mehr tun, um dahin zu kommen.

Vielen Dank für das Interview!

Stephen_DeMeulenaereStephen DeMeulenaere ist ein Complementary Currency-Experte mit 24 Jahren Erfahrung in einer Vielzahl alternativer Währungen, von lokalen Gemeindeentwicklungsprojekten in Südostasien, Afrika und Lateinamerika bis zu Digitalen Währungen in Asien, Nordamerika und Europa. Er war in alle Aspekte dieser Industrie involviert, einschließlich Systemdesign, Implementierung, Management, Forschung und Consulting. Stephen ist einer der Gründer der Coin Academy. Er kuratiert einige der Collections und konzipiert außerdem Kurse der Coin Academy.

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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