Bist du ein inspirierter Entwickler?

Hartmut Schlosser

Funktionale Programmierung ist wie das Steuern eines Formel-I-Wagens: In den Händen eines Michael Schumacher kann man unglaubliche Dinge erreichen. Sitzt aber ein anderer am Steuer, kann das ganze durchaus auch tragisch enden. Diese Metapher verwendet Enterprise-Java-Consultant Wille Faler in seinem Blog „Will a Two Tier Market For Developers Emerge As a Result of Scala & Clojure?„, um die Eindrücke seines Eintauchens in die funktionalen Programmierwelten von Scala zu beschreiben. Die Frage, die er stellt: Bleiben die erzielten Produktivitätsgewinne durch Sprachen wie Scala und Clojure einem Kreis inspirierter Entwickler vorenthalten und kann langfristig die gesamte IT-Industrie davon profitieren?

Von zahlreichen Aha-Erlebnissen seien Falers nunmehr zweijährige Programmierversuche in Scala geprägt gewesen. Eine Zeit, in der Faler durch die Kombination von Objektorientierter und Funktionaler Programmierung seine Produktivität um ein Vielfaches habe steigern können – eine Zeit aber auch, die ihm eine beträchtliche intellektuelle Leistung abverlangt habe.

Faler stellt die interessante Frage, ob die zweifellos mögliche Produktivitätssteigerung durch anspruchsvolle Programmierkonzepte, wie sie in Sprachen wie Scala oder auch Clojure umgesetzt sind, auf die ganze Softwareindustrie übertragbar ist. Ob Scala einem erlauchten Kreis Eingeweihter vorenthalten bleiben muss, oder tauglich für den Otto-Normal-Entwickler ist, wird in der Blogosphäre immer wieder kontrovers diskutiert.

Faler gibt in dieser Frage zu bedenken, dass die Berufswelt der Informatiker schon immer geprägt war durch den Gegensatz zwischen den „Programmieräffchen“ („blue collar developers“), die über ihre strikte Arbeitszeit hinaus nichts in ihre eigene Weiterbildung investieren, und den „inspirierten Entwicklern“, die ihren Beruf „leben“ und als Ingenieurskunst verstehen, die sie selbst aktiv voranbringen möchten.

Produktivitätsunterschiede zwischen „Programmieräffchen“ und „inspiriertem Entwickler“ hat es schon seit jeher gegeben – und dennoch wird der inspirierte Entwickler nur allzu oft auf die selbe Stufe wie das „Programmieräffchen“ gestellt. Diese Produktivitätsunterschiede, so prophezeit nun Faler, könnten sich mit dem Aufkommen von Scala & Clojure weiter vergrößern. Wenn es den inspirierten Entwicklern gelingt, nicht nur wie früher 10 Mal produktiver zu sein als die „Otto-Normal-Entwickler“, sondern möglicherweise 20, ja 30 Mal produktiver, könnte dies dazu führen, dass die Leistung der inspirierten Entwickler endlich auch von den „Bürokraten“ großer Unternehmen erkannt und dementsprechend auch angemessen entlohnt wird.

Scala & Clojure würde dann sozusagen die Spreu vom Weizen trennen, und die Ingenieurskunst Informatik würde als solche eine größere Anerkennung finden. Und davon, so lautet Falers Fazit, würde letztendlich tatsächlich die ganze Softwareindustrie profitieren.

Maybe this is the real dividing point, the time when the economics of craftsmanship combined with the progress of software technology together combine to create a market where highly skilled software engineers/architects finally get the recognition they rightfully deserve. Wille Faler

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Hartmut Schlosser
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