Adam Bien, Fabrizio Giudici und Markus Eisele kommentieren

Apache NetBeans am Scheideweg: Ab aufs Abstellgleis?

Redaktion JAXenter

(c) Shutterstock / Gustavo Frazao

Es sieht ganz danach aus, als wäre NetBeans auf einer Reise in neue Gefilde: nach Apache. Wir haben uns mit Mitgliedern des NetBeans Dream Teams über Oracles Entscheidung unterhalten, NetBeans der Apache Foundation zu überantworten. War dies ein Schritt in eine neue rosig Zukunft? Oder wird hier ein ungeliebtes Projekt aufs Abstellgleis geschoben?

JAXenter: Was haltet Ihr von Oracles Entscheidung, NetBeans der Apache Foundation zu übergeben? War es eine gute Idee? Ein notwendiger Schritt?

Adam BienAdam Bien: Laut dem offiziellen Proposal stellt Oracle nicht nur das Projekt selbst, sondern auch Manpower zur Verfügung. Bezahlte Programmierer, die sich um die Weiterentwicklung von NetBeans kümmern, könnten dem Projekt, nach der Übergabe an Apache, einen zusätzlichen Schub verpassen. NetBeans als Apache-Projekt aufzuziehen, könnte zudem das Interesse externer Kontributionen anregen. Die Infrastruktur von Apache ist jedenfalls, dank der Git-Integration, bekannt dafür, externe Mitarbeit an Projekten zu begünstigen. Ich persönlich finde auch, dass Projekte bei Apache deutlich angesehener sind als Open-Source-Projekte auf Unternehmensbasis. Ein weiterer Faktor, der für eine Verbesserung der Bedingungen rund um NetBeans nach einer möglichen Übergabe an die Apache Foundation spricht, ist der Fakt, dass bereits jetzt viele Unternehmen NetBeans als Plattform nutzen oder bereits sehr stark in firmeneigene Plug-ins investiert haben. Ich nehme an, dass diese Unternehmen sich sehr über Oracles Spende freuen würden.

Fabrizio GiudiciFabrizio Giudici: Die Community beschwert sich bereits seit den Tagen, als das Java-Ökosystem 2007 von Sun der Allgemeinheit auf Open-Source-Basis zur Verfügung gestellt wurde, darüber, dass Java bzw. dessen Verwaltung „nicht offen genug“ sei . Wie dem auch sei, mit dem neuen Zuhause bei Apache wird NetBeans „offen genug“ sein und die Community kann ihren Wert unter Beweis stellen. Meine pragmatische Einschätzung ist: Ich weiß nicht, ob dieser Schritt nötig oder gut war, aber er wird nun getan und wir müssen versuchen, das Beste daraus zu machen.

Markus EiseleMarkus Eisele: Ich denke, es war eine ganz vernünftige Geschäftsentscheidung. Oracle ist keine IDE-Firma und unterstützt dementsprechend mehrere Entwicklungsumgebungen, etwa Eclipse für die Mission Control Suite oder den JDeveloper, der besonders wichtig für Oracles Kunden ist. NetBeans war wegen der leichten Handhabung und der enormen Schnelligkeit immer mein Favorit. Abgesehen davon bietet es eine exzellente Unterstützung von Maven und anderen Standards. Die Signale, die Oracle dieser Tage sendet, wirken alle irgendwie nicht so richtig eindeutig: Java EE stagnierte und ist nun dabei, wieder etwas Fahrt aufzunehmen; das JVM Team verliert wichtige Entwickler (etwa Marcus Lagergren und Aleksey Shipalëv); und nun wird NetBeans an die Apache Foundation weitergereicht.

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JAXenter: Wie sollte NetBeans eurer Meinung nach als Teil des Apache-Universums voranschreiten?

Adam BienAdam Bien: Eine Entwicklungsumgebung zu erstellen ist eine schwierige Sache. Die einzige Chance, die es für eine zukünftige Weiterentwicklung (etwa durch Java-9-Support) und einen entsprechenden Erfolg von NetBeans unter dem Dach der Apache Foundation gibt, sind Oracles bezahlte Vollzeitprogrammierer. Für externe Helfer eignet sich das Erstellen von Plug-ins, die Dokumentationswartung und das Testing am besten.

Das Wichtigste ist, dass NetBeans seinen Slogan “Die einzige IDE, die du brauchst” beibehält und ihm, durch eine sofortige Nutzbarkeit ohne irgendwelche Voreinstellungen, auch weiterhin alle Ehre macht. NetBeans wird eine sehr intensive Führung und ein Release-Modell brauchen, bei dem die Entwicklungsumgebung mit allen relevanten Plug-ins zusammengepackt wird. Zudem sollten weitere, spezifischere Plug-ins optional verfügbar sein.

Fabrizio GiudiciFabrizio Giudici: Die erste Aufgabe, die Apache wahrnehmen muss, wird die Zusammenführung der Oracle- und Nicht-Oracle-Entwickler (einige davon sind Kollegen aus dem NetBeans Dream Team) im Rahmen des neuen Governance-Modells sein. Ich habe das Glück, einige dieser Entwickler persönlich zu kennen und ich kann versichern, dass es allesamt sehr gute Leute sind. Apache wird dann für die technische Migration von NetBeans auf eine viel offenere Infrastruktur sorgen müssen. Ich denke, es wird insgesamt weniger Bürokratie bei der Annahme von neuen Mitarbeitern am Projekt geben, und das ist nicht schlecht, um weitere Entwickler für NetBeans zu begeistern.

Ich weiß nicht, ob Apache die letzte Station für NetBeans sein sollte.

Es gibt auch einige nicht ausreichend entwickelte oder komplett fehlende strategische Plug-ins, um die sich möglichst schnell gekümmert werden muss. NetBeans ist großartig, da es – ganz im Gegensatz zu Eclipse – Build-Tools wie Maven und Gradle gemeinsam mit Repositories wie Git, Mercurial oder Subversion „out of the box“ und ohne Konfigurationsheckmeck integriert. Man braucht sich einfach nur irgendein Java-Projekt mit Git + Maven ansehen, und nach wenigen Klicks ist es in NetBeans bereits erstellt. Trotzdem wird in großen Unternehmen eher auf übertrieben komplexe und überteuerte Tools, wie etwa IBMs Rational Team Concert, gesetzt. Das erledigt seinen Job, ja, aber ich denke, es ist nicht wirklich notwendig. NetBeans braucht wenigstens eine verlässliche Integration mit der Jazz SCM Facility, um in diesem Bereich nicht komplett von Eclipse überschattet zu werden.

Ich weiß nicht, ob Apache die letzte Station für NetBeans sein sollte. Vor zehn Jahren glaubten viele an das „manifiche sorti e progressive“ der Open-Source-Bewegung. Sie waren sich sicher, dass große, heterogene Teams, bestehend aus sehr unterschiedlichen Entwicklern, schier alles vollbringen könnten, sofern Meritrokratie und eine gute Führung gegeben seien. Die Geschichte lehrt uns indes, dass komplexe Produkte eine sehr starke Betreuung durch ein einzelnes Unternehmen benötigt: Man denke nur an Linux-Distributionen, die Java Runtime, JBoss…

Ich bin mir jedenfalls ganz und gar nicht sicher, ob NetBeans das Zeug zum Bestehen hat, wenn eine Gruppe von Unternehmen sich zusammentut, nur um mit der Entwicklungsumgebung ihre Produkte zu bauen und ohne Geld mit der IDE selbst zu verdienen. Nachts würde ich jedenfalls besser schlafen, wenn ein einzelnes Unternehmen mit einem Business-Modell wie etwa „Kostenfreies Produkt – Bezahlte Beratung und Unterstützung“ daherkäme. Dafür müsste NetBeans allerdings komplett in eine Softwareschmiede, inklusive Repositories für den Quelltext sowie binäre Artefakte, einem Issue Tracker und einem CI-System integriert werden. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie man lediglich mit einer IDE Geld verdienen könnte.

Paradoxerweise ist gerade meine Lieblings-Lizenz, nämlich die der Apache Foundation, dafür nicht unbedingt die geeignetste. Entgegen der Intentionen von Stallman hat sich gezeigt, dass die GPL in vielen Fällen für Besitzer vorteilhafter ist als für Nutzer und sich für ein Modell starken Ownerships sehr viel besser eignet. Auf der anderen Seite ist die Apache-Lizenz für die Nutzer der NetBeans-Plattform sehr viel attraktiver. So oder so kann die Geschichte unterschiedliche Ausgänge haben.

Markus EiseleMarkus Eisele: Ich hoffe auf eine goldene Zukunft. Für NetBeans ist dies die einzige reale Chance, die dynamische Community bei einem Nachlassen der Unterstützung von Oracle weiter für das Projekt zu begeistern. Es wird auf jeden Fall wichtig, das Team von Oracle für wenigstens ein paar Monate noch bei der Stange zu halten, da sie das größte Fachwissen über NetBeans besitzen.

Die Infrastruktur wird ebenfalls eine große Rolle spielen: Ich gehe davon aus, dass ein Projekt mit so einer langen Geschichte sehr viel Ballast mit sich herumschleppt, dort muss angesetzt und ausgedünnt, bzw. vereinfacht werden. Ich kenne einige Entwickler, die Plug-ins für NetBeans schreiben und habe selbst aus Spaß eines hinzugefügt. Daher kann ich sagen, dass ein Schlüsselfaktor des Erfolgs die Vereinfachung der Mitarbeit am Projekt sein wird, nicht nur aus der Lizenzperspektive. Ein unabhängiges und nicht politisch motiviertes Ökosystem für Plug-ins am Leben zu erhalten, ist NetBeans größte Chance gegen die Konkurrenz.

JAXenter: Es gab Fälle, in denen Unternehmen Projekte an Foundations gespendet haben, weil sie im Grunde  nicht mehr wirklich in sie investieren wollten – man siehe nur OpenOffice und Hudson. Ist dies nun auch bei NetBeans der Fall?

Adam BienAdam Bien: Der Unterschied liegt in Oracles Commitment für NetBeans. Ein Open-Source-Projekt der Komplexität von NetBeans wäre ohne Vollzeitentwickler wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt.

Fabrizio GiudiciFabrizio Giudici: Ich denke, hierzu kann man eine ziemlich klare Aussage treffen: Wenn ein Produkt für Oracle von strategischer Bedeutung ist, behält Oracle eine starke Kontrolle darüber. Das ist letztlich eine gesunde Business-Einstellung. Während ich Oracle also vertraue, dass es kurzfristig sein Commitment aufrecht erhalten wird – wie versprochen – , so denke ich doch, dass sie sich allmählich vom Projekt verabschieden werden.

Zu den NetBeans-Nutzern möchte ich aber klar sagen: Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Es wird sich in der nächsten Zeit kein Drama ereignen. NetBeans 9 ist DIE Entwicklungsumgebung für Java 9. Setzt gerade jetzt euer Vertrauen auf NetBeans – sonst könntet Ihr möglicherweise einen Banken-Sturm auslösen, der fatal für das Produkt werden könnte. Und es wäre ein Jammer, wenn wir nur noch zwei IDEs zur Verfügung hätten – die Eclipse IDE, die viele nicht leiden können, und IDEA, das zwar hervorragend ist, an dessen wirklicher Offenheit der “freien” Edition ich allerdings zweifele. Bleibt bei NetBeans, haltet die Augen offen, was in den nächsten Jahren passiert, und greift zu einem Plan zur Risiko-Minimierung, für den Fall, dass sich die Dinge schlecht entwickeln.

Der beste Ansatz dafür ist, Build Tools wie Maven (mein Favorit) oder Gradle zu nutzen: NetBeans bietet hervorragende Integrationen mit diesen Werkzeugen und beide sind kompatibel zu Eclipse und IDEA. Meine Hauptkunden nutzen diese Strategie schon einige Jahre: Sie profitieren von NetBeans und machen sich gleichzeitig unabhängig von dem Tool.

Markus EiseleMarkus Eisele: Das muss sich noch herausstellen. Das einzige Unternehmen, das letztlich den Gegenbeweis erbringen kann, ist Oracle selbst. Ich habe mir zwar nicht die detaillierten Commit-Statistiken angeschaut, aber ich nehme an, dass man an der Liste der beitragenden Entwickler auf dem Inkubations-Proposal sehr gut ablesen kann, wer bislang die meiste Arbeit geleistet hat.

Ich denke, die Lage bei Hudson war eine andere, da der Community-Fork (Jenkins) sich sehr gut entwickelt hat und zum De-Facto-Standard geworden ist. Hier haben wir also eher eine Erfolgsgeschichte für ein gespendetes Projektes vor uns. Und auch die Situation um OpenOffice ist nicht vergleichbar. Für mich zumindest sieht die Zukunft für NetBeans jetzt rosiger aus.

Consultant and author Adam Bien is an Expert Group member for the Java EE 6 and 7, EJB 3.X, JAX-RS, and JPA 2.X JSRs. He has worked with Java technology since JDK 1.0 and with Servlets/EJB 1.0 and is now an architect and developer for Java SE and Java EE projects. He has edited several books about JavaFX, J2EE, and Java EE, and he is the author of Real World Java EE Patterns – Rethinking Best Practices and Real World Java EE Night Hacks – Dissecting the Business Tier. Adam is also a Java Champion, Top Java Ambassador 2012, and JavaOne 2009, 2011, 2012, 2013 and 2014 Rock Star. Adam occasionally organizes Java EE workshops at Munich’s airport (http://airhacks.com).

 

Fabrizio Giudici is a software designer and architect focused on Java technology (enterprise, desktop and Android) and agile-oriented processes and owner at Tidalwave s.a.s. He is a mentor, technical teacher, technical writer, knowledge transfer specialist.

 

Markus Eisele is a Java Champion, former Java EE Expert Group member, Java community leader of German DOAG, founder of JavaLand, reputed speaker at Java conferences around the world, and a very well known figure in the Enterprise Java world. He works for Lightbend. He’s been looking into containers and microservices architectures more deeply and also wrote a book about modern Java EE Design Patterns with O’Reily. He is excited to educate more about how microservices architectures can integrate and complement existing platforms, and will also talk about how to successfully build resilient applications with Java.

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2 Kommentare auf "Apache NetBeans am Scheideweg: Ab aufs Abstellgleis?"

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David
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Schade, das Geertjan Wielenga nicht zu Wort kam. Seine Meinung hätte mich wirklich mal interessiert.

Redaktion JAXenter
Gast

Hallo David,

es wird in Kürze hier weitere Kommentare von Mitgliedern des NetBeans Dream Team geben – und auch mit Geertjan stehen wir in Kontakt.

Stay tuned!