Auf der Google I/O präsentiert sich die neue Generation von Android

Android L: Googles nächster große Wurf?

Hartmut Schlosser
© Google

Google hat die Developer Preview des neuen Android-Betriebssystems freigegeben: Codename „L“. Zwar ist noch unklar, ob das L nun für „Lollipop“, „Lemondrop“ oder eine andere Süßspeise stehen wird – und sogar die Versionsnummer Android 5.0 ist noch nicht offiziell bestätigt. Doch machte die Android-L-Präsentation auf der Google-Hausmesse I/O am vergangenen Mittwoch eindrücklich klar, dass es Google um den nächsten großen Wurf geht: Mit Android L stellt sich die neue Generation von Android vor. 

Auf der Google-I/O-Eröffnung hatte Sundar Pichai, Googles Leiter der Android- und Chrome-Gruppen, am Mittwoch die mit Spannung erwartete Android-L-Version vorgestellt, den Nachfolger von Android 4.4 KitKat. Über 5000 neue APIs sollen in Android L Einzug halten, die vor allem auf Formfaktoren außerhalb mobiler Endgeräte abzielen. „Android Everywhere“ – lautete also Pichais Botschaft. Doch immer schön der Reihe nach …

Android L: Was ist neu?

Betrachten wir zunächst einmal die Neuerungen in Android L. Ins Auge sticht zuerst die neue Optik, „Material Design“ genannt. An Google Now orientiert, sollen UI-Elemente deutlich flacher und einfacher gestaltet sein. Schatteneffekte, Animationen und Farbwechsel rücken die wichtigsten Schaltflächen prominenter in Szene. Entwickler können eigene Farbwelten erstellen und Elemente integrieren, deren Größe dynamisch angepasst wird.

 

Manche erinnert das Design verdächtig an Apples iOS 7, während Google freilich sämtliche Ähnlichkeiten zu lebenden Produkten von sich weist. Touch-Optimierung und ein Funktionieren in den unterschiedlichsten Kontexten stehen laut Google im Vordergrund. Insgesamt soll eine physikalische Struktur vorgegeben werden, die deutlicher erkennen lässt, welche Elemente berührt bzw. verschoben werden können.

Android L: ART ersetzt Dalvik

Auf technologischer Seite steht der Ersatz der Dalvik VM durch die neue Android-Runtime-Umgebung ART im Vordergrund. Die in Android 4.4 KitKat zunächst experimentell eingeführte ART-Runtime wird in Android L nun standardmäßig eingesetzt. Durch ARTs Ahead-of-Time Kompilierung verspricht sich Google Performance-Gewinne und bessere Akku-Laufzeiten.

Technisch funktioniert das so: Wurde der Android-Java-Code bei der JIT-Kompilierung der Dalvik VM erst dann in Maschinencode umgewandelt, wenn dieser gebraucht wurde (also: Just-in-Time), kompiliert ART jetzt im Voraus (Ahead-of-Time). Dabei kommt beim Installieren von Apps das On-Device-Tool dex2oat zum Einsatz, das DEX Files als Eingabe akzeptiert und kompilierte Apps erzeugt, die auf dem Ziel-Device ausgeführt werden können.

Weitere Vorteile: Im Vergleich zur Dalvik VM ist die Install-Time Verification bei ART stärker. Der Garbage Collector macht weniger Pausen und ermöglicht die parallele Ausführung von Prozessen während des Einsammelns von Speichermüll. Im Ergebnis sollen Anwendungen mit Android L schneller starten, die Verarbeitung von Befehlen effizienter und die generelle „Responsiveness“ verbessert werden.

Wie die Kollegen vom Webmagazin berichten, bringt ART aber auch Nachteile. Neben der (noch) geringeren Framework-Unterstützung konnte ein Ansteigen des Speicherbedarfs von Apps von bis zu 38% beobachtet werden.  Auch das Installieren von Apps dauert länger, allerdings geht ART nach der Installation sparsamer mit dem Arbeitsspeicher um.

Android L Features

Auch etliche neue Features in Android L sind bereits enthüllt worden. So wird Android L die Multitasking-Fähigkeiten dahingehend ausbauen, dass zwischen spezifischen App-Inhalten (Tabs, Dokumente, etc.) hin- und hergewechselt werden kann und nicht nur zwischen ganzen Apps.

Sicherheitsfunktionen sollen an einem zentralen Ort im System eingestellt werden können. Der sogenannte „Kill Switch“ erlaubt es, das Gerät bei einem Verlust aus der Ferne unbrauchbar zu machen. Zudem scheinen Sicherheitspatches für Android künftig im Sechs-Wochen-Takt über Google-Play-Dienste ausgerollt zu werden.

Die Steuerungsmöglichkeiten der Kamera werden erweitert, beispielsweise können Bilder im RAW-Format abgespeichert und Auslösegeschwindigkeit oder ISO-Werte feingranular manipuliert werden.

Durch einen neuen Android Extension Pack soll sich die Grafikleistung von Spielen gezielt optimieren lassen.

Hinzu kommen neue Funktionen für Benachrichtigungen, etwa die Anzeige von Nachrichten als Popup innerhalb von laufenden Apps oder bereits auf dem gesperrten Bildschirm – inklusive Bearbeitungsfunktion.

Android L goes Business

Durch das integrierte Samsung Knox sollen mit Android L berufliche und private Daten besser getrennt werden können. Wer ernsthaft mit Android-Geräten arbeiten möchte, wird es schätzen, dass Android L auch mit den üblichen Microsoft-Office-Formaten umgehen kann.

Das Entsperren von Smartphones kann über die Stimme oder ein zweites, über Bluetooth verbundenes Device – beispielsweise eine Smartwatch – erledigt werden, ohne dass die Eingabe eines PINs nötig wird.

Die ART-Umgebung bringt es mit sich, dass Android L auch 64-Bit-Chips unterstützt. Neben der 64-Bit-ARMv8-Architektur bezieht sich dieser Support auch auf die 64-Bit-Chips von Intel, AMD und MIPS.

Die erwähnten Akku-Optimierungen durch ART werden von weiteren Maßnahmen flankiert: App-Entwickler erhalten mit dem Tool „Battery Historian“ die Möglichkeit, die Akku-Nutzung von Apps gezielt zu analysieren. Ein neuer „Bitte nicht stören“-Modus und eine neue Stromspar-Einstellung sollen für weitere 15% Akku-Laufzeitverlängerung sorgen.

 

Android Auto

Neben Android L wurden auf der Google I/O noch weitere Android-Varianten vorgestellt. Mit Android Auto lassen sich mobile Android-Devices mit dem Infotainment-System des Fahrzeugs verbinden. Anwendungsfälle sind etwa die Eingabe von Navigationszielen, das Abspielen von Musik und das Vorlesen bzw. Beantworten von Nachrichten – alles per Sprachsteuerung. Android Auto soll zusammen mit Android L im Herbst dieses Jahres verfügbar werden. Über die Open Automotive Alliance (OAA) hatte sich Google Anfang des Jahres die Kooperationen mit Autoherstellern wie Audi, General Motors, Honda und Hyundai gesichert.

Android Wear

Mit Android Wear zielt Google auf Smartwatches und andere „Wearables“ wie Gesundheitsbänder, Brillen und gar Jacken ab. Auch hier hält das neue „Material Design“ Einzug, was auf der Google I/O an den Smartwatches von Samsung, LG und Motorola demonstriert wurde. Dass Google nun endlich die eigene Smartwatch ins Rennen schickt, scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Android TV

Neues auch von Android TV: In einem weiteren Anlauf soll Android auf die TV-Schirme gebracht werden und dort die Smart-TV-Möglichkeiten bereichern – allerdings nicht wie früher mit der weitgehend isolierten Google-TV-Plattform, sondern ebenfalls auf der Basis des neuen Android L. Als Partner haben sich bereits ASUS, Philips, Sony und Sharp zu Android TV bekannt.

Der Fokus von Android TV soll dabei auf Online-Diensten und Spielen aus dem Play Store liegen – mit dem Versprechen, dass die Android-Apps für Smartphones/Tablets auch auf TV-Geräten laufen.  Ein Deal, der aufgehen könnte, hat sich Android gegenüber Apple doch nicht zuletzt wegen der freien Verfügbarkeit vieler Apps behauptet.  

Hinzu kommt, dass der vor allem in den USA überaus erfolgreiche Chromecast-Stick auf Android-Smartphones gezeigte Inhalte auf den Fernseher streamen kann. Und natürlich wird man Android TV auch über Android Wear bedienen können – wenn man denn will.

Android Weltherrschaft

Android schickt sich mit der „L“-Version an, in neue Bereiche unseres Alltags vorzudringen. Die von Sundar Pinchai zitierte Android-User-Basis von einer Milliarde Menschen wird sich weiter vergrößern – daran besteht kein Zweifel. Ob man das gut heißt, hängt vom jeweiligen Standpunkt ab.

Dass Google seine Monopolstellung nutzen wird, um immer mehr Leuten auf immer mehr Geräten immer mehr Werbung unter die Nase zu reiben, dürfte auf der Hand liegen. Doch gibt es zwischen Apple und Google eigentlich eine Alternative?

Schwierige Frage, die Kai Kreuzer vom openHAB-Smart-Home-Projekt jedoch klar beantwortet: Open Source as the Best Alternative. Aber halt: Ist Android nicht auch Open Source? Nun ja, nicht wenige sehen Android mittlerweile faktisch als „Die erfolgreichste proprietäre Plattform der Welt„.

Wie dem auch sei. Java-Entwickler stehen Google jedenfalls traditionell eher wohlgesonnen gegenüber. Denn durch die Java-Basis von Android bietet jede Markteroberung des Google OS auch Java-Entwicklern die Gelegenheit, sich in neue Gebiete vorzuwagen.

Es fühlt sich eben gut an, auf der Seite des Gewinners zu stehen.

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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