The 9th Annual State of Agile Survey

Alles fließt – hilft Agile wirklich gegen Wasserfälle?

Moritz Hoffmann

In der alljährlich erstellten „State of Agile Survey“ werden ca. 4000 Anwender agiler Methoden nach ihrer Erfahrung mit dem Konzept Agile befragt. Themen sind unter anderem die Vorteile von Agile, die Frage nach deren Messbarkeit oder nach den Gründen des Scheiterns agiler Projekte. Vor kurzem ist der neunte Bericht zum Stand agiler Projektarbeit erschienen und wirft Fragen auf, die zuletzt auch einen der Autoren des Agilen Manifests, Andrew Hunt, beschäftigt haben. Welche Erwartungen kann Agile nach 14 Jahren seit Erscheinen des Manifests noch wecken? Und sind diese gerechtfertigt?

Nach der Motivation für die Übernahme agiler Ideen ins eigene Projekt gefragt, gaben etwa 53% der Teilnehmer an, dass agil arbeitende Teams einen Produktivitätsschub erreichen könnten. Auf ihrem Blog stellt sich Susan Evans, die über langjährige Erfahrung im agilen Projektmanagement und in der Software-Entwicklung verfügt, die Frage, ob die Erwartungen in die Produktivitätssteigerung tatsächlich plausibel sind.

Als Kontrastfolie zu agiler Teamarbeit bemüht Evans das Wasserfall-Modell. Verschiedene und mehr oder weniger getrennt voneinander arbeitende Abteilungen haben dabei einem zuvor festgelegten Produktionsplan zu folgen. Schritt für Schritt und Stück für Stück wird so das Endprodukt zusammengesetzt, um das Endprodukt schließlich nach vereinbarter Zeit und Qualität an den Auftraggeber auszuliefern.

Panik unterm Wasserfall

Entwicklerteams erhalten hier einen zeitlichen Rahmen, beispielsweise sechs bis neun Monate, um die Software produktionsreif zu machen. Dies führt, so beschreibt Evans sehr einleuchtend, zu verschiedenen Geschwindigkeiten in der täglichen Arbeit. Anfangs werden Produktionsdruck und Dringlichkeit noch recht niedrig wahrgenommen. Die Teams arbeiten entspannt und verhältnismäßig langsam.

Das ändert sich nach drei, spätestens aber nach sechs Monaten. Die Mühlen mahlen langsam, es kommt zu Fehlkommunikation zwischen den Teams und dem Management, die Transparenz, den Projektstatus betreffend,  schwindet für die meisten Beteiligten. Schließlich, nach sieben oder acht Monaten erscheint drohend die Deadline am Horizont. Der Druck nimmt zu, unter allen Beteiligten bricht Panik aus.

Die Arbeitsintensität steigert sich dann exponentiell, die Teams verausgaben sich und schieben mehr Überstunden, als gesund sein kann. Die Entwickler arbeiten unter Hoch- und vor allem Zeitdruck; minderwertiger Code ist das Ergebnis. Ein schlechtes Arbeitsergebnis im Verhältnis zu einem enorm belastenden Arbeitsaufwand führt zu Unzufriedenheit, sinkender Arbeitsmoral und im schlimmsten Falle zur vorzeitigen Auflösung der Teams.

Agile und alles fließt

Das gibt Anlass, sich einige Prinzipien des Agilen Manifests in Erinnerung zu rufen:

Agile processes promote sustainable development. The sponsors, developers, and users should be able to maintain a constant pace indefinitely.

Our highest priority is to satisfy the customer through early and continuous delivery of valuable software.

Business people and developers must work together daily throughout the project.

Working software is the primary measure of progress.

Offensichtlich können bei einer adäquaten Umsetzung der genannten agilen Ziele all die oben genannten Probleme des Wasserfall-Modells vermieden werden. Umschreibt Evans für den Wasserfall die Arbeitsbelastung und den Produktivitätsdruck  je nach Verhältnis von Produktstatus zum Zeitrahmen treffend mit dem Bild von Ebbe und Flut, so folgt Agile dem Motto des griechischen Philosophen Heraklit: „panta rei“ oder „Alles fließt“.

In gleich- und regelmäßigen Abständen sollen in sich abgeschlossene Produkteinheiten bei konstanter Arbeitsintensität produziert und geliefert werden. Die Teammitglieder bleiben dauerhaft motiviert, weil sie weder unter Stress, noch unter Langeweile arbeiten und stetig für ihre eigenen Erfolgserlebnisse, nämlich fertigen, hochwertigen Code, sorgen.

Aus den Ergebnissen der State of Agile Survey und das immer noch gängige Wasserfall-Modell vor Augen, schließt Evans folgerichtig, dass die meisten der Befragten die erhöhte Produktivität mit der optimierten Arbeitsintensität verwechseln. So führen beispielsweise die Einhaltung konstanter Arbeitszeiten sowie die Aufrechterhaltung eines konstanten Qualitätsniveau im Team zu einer größeren Arbeitszufriedenheit – ein wichtiger Faktor, möchte man Top-Entwickler halten und für Evans der wahre Grund für die Ansicht, das Agile produktiver ist als das Wasserfall-Modell.

Denn in der Anwendung agiler Methoden, darauf haben bereits viele hingewiesen, kann es nach Zahlen durchaus zunächst einmal zu einem Produktivitätseinbruch kommen; zu einer Durststrecke, die durchquert werden muss, bis sich der gewünschte Erfolg in der Teamarbeit und beim Endprodukt einstellt.

Agile im Auge der Betrachter

Don’t go chasing waterfalls
Please stick to the rivers and the lakes
that you’re used to.

…so lautet der Refrain eines Welthits der Girlgroup TLC und weist auf eine weitere Verwechslungsgefahr hin, die im agilen Versuch lauert. Das konstante Arbeiten bei regelmäßigem Output darf, um hier noch einmal Andrew Hunts Einwände geltend zu machen, nicht auf das sture Befolgen agiler Tools und Methoden hinauslaufen. Ohne dauerhaften und transparenten Abgleich mit dem Projektstatus, stehen diese nämlich schnell zu projektinternen Unstimmigkeiten und äußeren Hindernissen in keinem Verhältnis mehr.

Evans Untersuchung der Studienergebnisse jedenfalls legen legen einen Schluss nahe. Nicht nur steht nach wie vor zur Diskussion, was Agile ist, sondern auch, wie Agile wahrgenommen wird. Beide Aspekte bieten Raum für Missverständnisse und falsche Heilserwartungen. Und diese sind es, die im schlimmsten Falle zum Scheitern von Projekten führen. Nicht nur Ebbe und Flut, auch ein reißender Fluss mit unbekannten Strömungen kann gefährlich werden.

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Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann hat an der Goethe Universität Soziologie sowie Buch- und Medienpraxis studiert. Er lebt seit acht Jahren in Frankfurt am Main und arbeitet in der Redaktion von Software und Support Media.
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