Organisationsstrukturen im Wandel

Alle Macht den Entwicklern!?

Ben Uretsky

© Shutterstock.com/Victor Tongdee

Softwareentwickler entscheiden Unternehmensprozesse mit
Softwareentwickler gestalten die Zukunft. Es sind ihre Ideen, die ganze Branchen verändern und online eine nie dagewesene Verbreitung genießen. Ohne sie funktioniert schon heute in den meisten Branchen keine innovative Weiterentwicklung mehr, und dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren mit einer zunehmenden Digitalisierung des Alltags durch Mobile-Devices, Wearables und Internet of Things weiter verstärken. Unternehmen, die bei dieser Entwicklung nicht hintenan stehen wollen, müssen sich jetzt auf einen Wandel in den Organisationsstrukturen einstellen.

Eine Schlüsselrolle bei der Verzahnung von Softwareentwicklung und der Evolution auf Businessseite kommt offenen Plattformen und Open-Source-Software zu. Offene Plattformen wie GitHub und neue Technologien wie die Containertechnik Docker oder das API für den Zahlungsverkehr Stripe kommen den Anforderungen der Entwickler weiter entgegen denn je. Sie verändern auf fundamentale Weise die Art, wie Software geschrieben wird und wie Entwickler miteinander interagieren. Die Programmierung und Verbreitung liegt nicht mehr länger nur in den Händen großer Konzerne, die Preise diktieren und ihre komplexen Softwarepakete für die IT-Chefs anderer Konzerne stricken. Stattdessen entwickeln sich immer mehr offene Open-Source-Plattformen, auf denen individuelle und schnell skalierbare Anwendungen entwickelt werden können.

Der jährliche „Future of Open Source Survey“ aus den USA zeigt für 2015, dass inzwischen 78 Prozent aller US-amerikanischen Unternehmen zumindest teilweise Open-Source-Software verwenden, während es 2010 nur 42 Prozent waren. Das Vertrauen in das Prinzip der Quelloffenheit wächst demnach zusehends – auch in Deutschland. Der Erfolg von Open-Source-Technologien liegt nicht nur in einer günstigen Alternative zu kostenintensiver Software begründet. Im Gegenteil, der Betrieb und die Pflege der Plattformen oder Software wird durch die Community der Entwickler umgesetzt. Dadurch entstehen Lösungen, die durch den Input vieler verschiedener IT-Profis wachsen und immer auf dem neuesten Stand sind. Automatisch erhöht sich so die Einflussnahme der Entwickler auf Unternehmensprozesse.

Skalierbarkeit als Muss

Der zweite Schlüssel zu neuen Geschäftsmodellen ist die Skalierbarkeit von Infrastrukturen, Plattformen und der auf ihnen laufenden Anwendungen. Nie war es günstiger und einfacher, hoch leistungsfähige Infrastrukturen aufzusetzen und nach Bedarf hoch- oder herunterzuskalieren. Diese Flexibilität kommt unmittelbar den Softwareentwicklern zu Gute, die ihre innovativen oder gar disruptiven Konzepte aus kleinen Start-ups heraus entwickeln und sie unkompliziert und schnell auf die große Bühne bringen können. Infrastrukturanbieter müssen deshalb die ganze Bandbreite von der „Zwei-Mann-Garagenphase“ bis zum von Wagniskapital finanzierten globalen Wachstum abbilden können. Skalierbare Infrastrukturen sind des Entwicklers beste Freunde.

Viele Entwickler arbeiten zudem als Freelancer für Projekte größerer Unternehmen. Für die Umsetzung der Projekte benötigen sie ebenfalls schnell und einfach Speicher- und Rechenkapazitäten, müssen diese aber auch genauso schnell wieder reduzieren, neue Anwendungen aufspielen oder pflegen können. Keine langen Verträge, keine umständliche Installation, Ressourcen lassen sich exakt abrechnen und die Kosten sind absolut transparent – das ist nicht zuletzt der Grund, weshalb Cloud-Lösungen immer weiter boomen werden.

Cloud als Grundlage für Lösungen

Wenig überraschend sind die Erkenntnisse des aktuellen Bitkom Cloud Monitor 2015, der der Cloud als Infrastruktur und Basis für operative Prozesse weiteres Wachstum prognostiziert. Nutznießer des Cloud-Booms sind nicht zuletzt die Entwickler. Anstelle von statischen und unflexiblen Lösungen im eigenen Haus, steigen Unternehmen auf die Cloud um – und das teils sehr umfassend. Mit Folgen: Die gesamte Instandhaltung und Pflege der Infrastruktur wird ausgelagert, damit sich IT-Mitarbeiter um ihre eigentlichen Kernkompetenzen kümmern können. Anstatt also Zeit auf den Betrieb einer komplexen Infrastruktur zu verwenden, können sie sich auf die Verbesserung ihrer Anwendungen konzentrieren. Auch wenn die Ansprüche der Entwickler also ursprünglich nicht ausschlaggebend für die Integration der Cloud in Unternehmen gewesen sein mögen, so werden sie doch zunehmend stärker berücksichtigt.

Auch große Provider sehen den Trend

Auch größere Infrastrukturprovider fangen langsam an, die Bedeutung des einzelnen Entwicklers zu verstehen, und konzentrieren sich stärker auf deren Anforderungen. Der neue Google Cloud Launcher ist ein gutes Beispiel hierfür, genauso wie der Azure App Service von Microsoft. Die App-Hosting-Plattform richtet sich mit den Bereichen Web-Apps, Mobile-Apps, Logic-Apps und API-Apps speziell an Entwickler. Auch für OneDrive stellt Microsoft seit Anfang des Jahres ein API zur Verfügung, das Entwicklern die Integration in eigene Anwendungen ermöglichen soll.

Alles weist auf einen einfachen Sachverhalt hin: Entwickler rücken immer prominenter in den Fokus der großen Player, und diese tun alles dafür, um sich für diese Zielgruppe schmackhaft zu machen. Natürlich liegt die Kernkompetenz größerer Provider noch immer nicht auf den Bedürfnissen der individuellen Entwickler und einer übersichtlichen User Experience. Sie versuchen stattdessen nach wie vor die Fortune-500-Unternehmen mit komplexen Softwarepaketen in die Cloud zu befördern.

Aber auch wenn die aktuellen Versuche mehr eine neue Verpackung für alte Services sind, so gehen selbst die großen Provider die ersten Schritte auf den einzelnen Entwickler zu und erkennen langsam den gestiegenen Einfluss von Entwicklern. Denn eine Erkenntnis hat sich auch hier durchgesetzt: Wenn Entwickler heute entscheiden, welche Software in ihrem Unternehmen zum Einsatz kommt, dann entscheiden sie auch die zukünftige Richtung, die ihr Unternehmen technologisch und prozessseitig einschlägt, maßgeblich mit.

Containertechnologien erleichtern Entwicklerarbeit

Der Erfolg von Containertechnologien wie Docker, Kubernetes und Tectonic in der jüngeren Zeit sind der beste Beweis dafür. Auch große Provider integrieren sie zunehmend, nicht zuletzt, da sie von Entwicklern dankend angenommen werden. Mit Containern werden schließlich die Nutzung und der Aufbau von Infrastrukturen sowie die Bereitstellung von Anwendungen stark vereinfacht. Lokale Speicher werden damit nicht länger benötigt und stattdessen Anwendungen über Private-, Public- und Hybrid-Clouds entwickelt und betrieben. Die von Entwicklern benötigte Flexibilität und Usability wird hier bestens umgesetzt. Docker hat beispielsweise bereits 95 Millionen US-Dollar für seine Containertechnologien eigesammelt, und auch CoreOS launchte gerade erst Tectonic und erhielt dafür 12 Millionen US-Dollar von Google Ventures. Die Auswertung der Zahlen von DigitalOcean zeigt, dass die Einbindung dieser beiden Anbieter in den vergangenen Monaten exponentiell wächst – der Bedarf ist also da und steigt zusehends. IBM kündigte auf der InterConnect im Februar dieses Jahres an, dass sie Container als die Basis für eine Quasistandardisierung unterschiedlicher Cloud-Dienste verschiedener Anbieter sehen. Auch sie wollen die Erstellung von Containern vereinfachen und beschleunigen und sind wie Amazon, Microsoft, Google und DigitalOcean eine Partnerschaft mit Docker eingegangen. Hierbei handelt es sich also nicht zuletzt um einen weiteren Schritt in Richtung Flexibilität zugunsten der Entwickler.

Entwickler unter sich: Austausch über Foren

Mit den sich schnell in der Praxis durchsetzenden technischen Trends kommt zwangsläufig auch der Aus- und Weiterbildung von Entwicklern eine enorme Bedeutung zu. Das immer größere Angebot an Unternehmensforen zeigt, dass Provider den direkten Kontakt zu den Entwicklern suchen und sie über das übliche Maß hinaus unterstützen wollen. Communitys bieten den nötigen Wissensaustausch und schaffen die Vernetzung, die zu besserer Ausbildung, aber auch schnellerer Problemlösung im konkreten Fall beiträgt. Provider, die diese Funktionsweisen der Community verstanden haben, machen sich attraktiver, wenn Sie Entwicklern eine Plattform zum Austausch bieten. Ein Blog, Forum oder Chat, in dem sich Entwickler gegenseitig unterstützen und helfen können – im Idealfall unter Anleitung eines Fachmoderators – liefert zusätzlichen Service, in dem sich auch Wertschätzung für die Nutzer seitens der Provider ausdrückt.

Fazit

Die Zukunft der meisten Unternehmen hängt heutzutage von der Durchsetzungsfähigkeit auf einem wachsenden und zunehmend internationalen Markt ab. Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, lassen sich eine moderne Infrastruktur und flexibel skalierbare Lösungen für die Effizienzsteigerung in Unternehmen kaum mehr umgehen. Selbst große Provider sehen diesen Trend und passen ihre Lösungen, Preismodelle und Kompatibilitäten an die Anforderungen der Softwareentwickler an. Da alle Bereiche der Gesellschaft zukünftig eher noch weiter digitalisiert werden, wenn sich das Internet of Things ausbreitet, wird der Einfluss von Entwicklern auf wirtschaftliche Entscheidungen und Ausrichtungen von Unternehmen in den kommenden Jahren auch noch weiter zunehmen. Kurzum: Mit Developern ist zu rechnen!

Aufmacherbild: Hand drawn illustration von Shutterstock / Urheberrecht: Victor Tongdee

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Geschrieben von
Ben Uretsky
Ben Uretsky
Ben Uretsky ist CEO und Mitgründer von DigitalOcean. Er verfügt über mehr als fünfzehn Jahre Erfahrung im Bereich Netzwerktechnik, besonders im Bereich Voice over IP (VOIP) und Hosting. Zudem zählte er zu den ersten Nutzern des Nginx-Webservers für verbesserte Webseitenperformance unter hoher Nutzlast. 2001 entwickelte Uretsky mit einer kleinen Gruppe Netzwerktechniker eine Webumgebung, die einen Datendurchsatz von über 1 Gbps erlaubte. Dieselbe Infrastruktur bedient heute über 150 Millionen Page Views pro Tag und speichert mehr als ein Petabyte an Daten.
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