Agilität bedeutet Knochenarbeit

Claudia Fröhling

In diesem Jahr hatte ich sowohl das Glück als auch die Ehre und die Zeit, als Gast und als Speaker die JAX 2010 in Mainz an ihren ersten beiden Tagen aufzusuchen. Und was soll ich sagen: ich fand sie super!

Zunächst einmal zur Orgnaisation: das JAX-Orga-Team hätte aus meiner Sicht keinen besseren Job machen können. Nicht einmal der übelste Nörgler hätte etwas zu beanstanden gehabt. Man hat zwar hin und wieder den einen oder anderen unzufriedenen Tweet gelesen, meistens in Richtung langer Warteschlangen an den Essenständen oder wg.
dem dünnen WiFi-Draht, aber die sind bei jeder größeren Konferenz gleich, und können daher meistens fast ignoriert werden – das sind schließlich aberhunderte hungrige Mäulchen, die zur gleichen Zeit mit offenen Laptops vor vollen Tellern sitzen oder stehen, also was will man da machen? Eben 🙂

Nun zur Konferenz selbst. Ich hatte den ersten, etwas ruhigen Tag mitgenommen, an dem es nur die Workhops und die Agile Days gab, und den ersten Konferenztag, also habe ich die beiden Kontraste der JAX erlebt.

Der Agile Day, bei dem ich einen Talk hatte, war eine sehr interessante und aktuelle Veranstaltung, bei der das Thema Agilität aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wurde, garniert mit Beratungansätzen und Praxisberichten. Die Speaker ware alle vom Allerfeinsten. Ich selbst kam als letzter vor dem Speaker Panel dran, um nochmal in einem schnellen Unterhaltungstalk den Architekten in den Agilitätsrahmen zu rücken. Ich hoffe, das Publikum hat die Botschaft entsprechend aufgenommen. Und anschließend wurden die Speaker mit recht komplexen und teilweise bitteren Fragen aus der täglichen Realität bombardiert, die uns gezeigt haben, dass die Agilität zwar zum Mainstream gehört, aber trotzdem jenseits der Hurrahphilosophie abläuft und Knochenarbeit bedeutet. Mir hat der Agile Day sehr gut gefallen, obgleich ich wg. Anreiseverzögerung etwas zu spät dazu stieß. Riesenkompliment an Jutta Eckstein für die souveräne Moderation!

Mein zweiter Tag war auch gleichzeitig der Beginn der Hauptkonferenz, sodass ich auch die Gelegenheit hatte, in die Talks der vielen hochqualifizierten Speaker hineinzuhören. Mein Augenmerk liegt derzeit auf Scala und den damit verbundenen Themen, sodass ich das Glück hatte, gleich in Heiko Seeberger und Jonas Bonér und auch ihre Talks „hineinzulaufen“. Mission erfüllt, tollen Drive mitgenomen, zusätzliche Motivation getankt. Ich hatte an meinem zweiten Tag zum Glück nicht die Qual der Wahl, denn dann musste ich auch schon meinen eigenen Talk
vorbereiten: „Die großen Daten der kleinen Welt“. Der kleine Raum war auch gut gefüllt, und ich denke, dass der etwas lockere Talk mit stellenweisem Tiefgang und diversen technischen Nachgesprächen recht gut ankam. Ich musste feststellen, dass einige der von mir vorgestellten Konzepte dem Publikum recht neu wahren, obgleich sie im Web-Umfeld an sich bereits seit Jahrzehnten existieren. Ich könnte mir vorstellen, an dieser Stelle in Zukunft in Schriftform etwas mehr zu informieren – mal sehen.

Leider war damit meine JAX, was die Sessions anging, zu Ende. Ich habe viele interessante Talks der folgenden Tage nicht hören können. Ich war nach den beiden Tagen JAX todmüde. Aber happy. Begeistert.
Hochmotiviert. Emotionsgeladen. Habe tolle neue Leute kennengelernt oder diejenigen persönlich, die ich nur vom Twitter kannte. Die Jungs sind locker, entspannt, hochqualifiziert, die meisten ohne unnötige Allüren und genauso begeistert wie ich. Das war die Atmosphäre der JAX, ihr „Duft“, und der rührte mit Sicherheit vor allem daher, dass die JAX so riesig war. Sie ist wirklich eine große Konferenz, und es hat tierischen Spass gemacht, Teil davon gewesen zu sein, wenn auch nur für 2 Tage.

Aber kein Lob ohne Kritik, denn es muss immer Potential für Verbesserung geben 🙂 Nicht nur mir, sondern vielen anderen ist es aufgefallen, dass einfach zu viele parallele Sessions liefen, die wirklich gut waren, sodass man schlichtweg die Qual der Wahl hatte. Es ist nicht einfach, die richtige auszusuchen, und das Spannendste passiert gleich am Anfang, oder man kriegt dann in der anderen Session keinen Platz mehr usw. Dann ist mir aufgefallen, dass bei der JAX die Consulting- und Produktherstellungsfirmen mit ihren Vorträgen deutlich überrepräsentiert sind. Eine gesunde Mischung, bei der auch noch mehr Vertreter der nicht-konsultierenden Entwicklergemeinde eine Rolle spielen würden, wäre nicht verkehrt, denke ich. Außerdem glaube ich, dass mehr konkrete Praxisberichte und weniger Trendsetting der Konferenz gut tun würden, sprich, wirklich live funktionierende und bewährte Lösungen vorführen, tricky Code-Beispiele aus der realen Praxis, und nicht einfach mal anhand der zigsten Pet-Pflege die zigste Sprache zeigen. Das ist aber rein subjektiv und vielleicht ein bisschen gegen den heutigen Strom. Die Workshops gehen da schon in die richtige Richtung, vielleicht ließen sich da auch manche Sesions in die gleiche Richtung lenken. Und: Markeiting-orientierte Sessions langweilen das Publikum zu Tode, das kann man aber wg. der Sponsoren kaum ändern…

Was mir noch auffiel, ist dass das Ballroom-Konzept wohl nicht so gut ankam – es saßen hauptsächlich Speaker an den Tischen. Ich ging herum und zählte – es waren ca. 80% Speaker, der Rest waren Gäste, grob geschätzt. Ich denke, an dieser Stelle sollte man nochmal ansetzen und sich etwas überlegen.

Was soll ich nun abschließend sagen? Die JAX hat mich. Ich bin ein riesiger Fan geworden. Und wenn die JAX es so will, bin ich bereit zu kommen. Und wenn ich darf, werde ich mein bestes tun, neue packende Themen für interessante Talks zu finden und die Konferenz mit meinem bescheidenen Beitrag weiter entwickeln helfen. Weiter so, JAX!

Pavlo Baron ist IT-Architekt aus München. Er ist Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“ sowie zahlreicher Artikel, Speaker auf Konferenzen und Gastredner bei den JUGs, überzeugter Anänger von „Presentaion Zen“.

Geschrieben von
Claudia Fröhling
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