Agiles Coaching und die menschliche Seite des Projekterfolgs

Hartmut Schlosser

Text: Michael Müller

Heute stellen wir Ihnen zwei Bücher vor, die einzeln betrachtet bereits interessant sind. In Folge gelesen ergeben sie jedoch mehr als die Summe zweier Bücher. Da ist zum einen Peter Siwon, der Denkprozesse und -automatismen beschreibt. Auf der anderen Seite geben Rachel Davies und Liz Sedley ihr Wissen als agile Trainer weiter. Das erste Buch beschreibt das Wie, das zweite das Was. Mit diesem Wissen gerüstet, erhält der Leser nicht nur gute Ratschläge, sondern versteht auch das Warum. Und so entsteht der Mehrwert dieser Kombination.


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Der Leser mag beim ersten Buch „Die menschliche Seite des Projekterfolgs. Was Softwerker über (verborgene) Denkautomatismen und -modelle bei der Projektarbeit wissen müssen“ einen Autor vermuten, der eine Ausbildung mit psychologischem Hintergrund hat. Auch wenn er sich seit mehr als 20 Jahren mit Gehirn und Psyche im Bereich von Projektarbeit beschäftigt, so ist er doch von Hause aus Ingenieur. Möglicherweise ist es gerade dieser Hintergrund, der ihm ermöglicht, das Thema so zu verpacken, dass auch eher technisch orientierte Menschen ein gut lesbares Buch zu einem interessanten Thema erhalten. Dabei geht er im einführenden Teil auf die Abläufe im Hirn, das bewusste und unbewusste Denken ein. Und der Leser muss erkennen, dass der weitaus größte Teil der Denkarbeit eher unbewusst und automatisiert abläuft. Das ermöglicht dem Menschen, auch in Stresssituationen, wo eigentlich keine Zeit zum Denken bleibt, noch handlungsfähig zu bleiben. Aber auch Gefühle wie Lust und Frust beeinflussen unser Denkvermögen. In diesem Buch erfährt der Leser welche Auswirkungen diese Denkmodelle auf den Projekterfolg haben. Siwon erzählt in den folgenden Kapiteln immer wieder von einem fiktiven Projekt, bei dem es zugeht wie im richtigen Leben. Nach diesen Schilderungen erläutert er, was da jeweils passiert ist und wie das gesteuert wird. Als Erkenntnis ergibt sich, warum etwas gerade so passiert und wie bestimmten Verhaltensweisen gesteuert werden sollten, um zu besseren Erfolgen zu kommen, soweit sie zum jeweiligen Zeitpunkt bewusst steuerbar sind.

Da fehlt beispielsweise eine numerische Mehrheit. Aber mit den richtigen Personen an seiner Seite, kann der Projektmitarbeiter zu einer gefühlten Mehrheit kommen. Eine gefühlte Mehrheit ist eigentlich Selbstbetrug, aber Verzerrungen der Wahrnehmung bestimmen laut dem Autor an vielen Stellen das menschliche Ego. Sie ermöglichen auch eine zielgerichtete Arbeit, sodass eine gefühlte Mehrheit in eine Numerische gewandelt wird. Andererseits kann das auch negative Folgen haben. Im Fall eines Zwistes sieht der Mensch das eigene Verhalten oft als angemessen, das seines Gegenübers jedoch als überzogen an. Und so kann die verzerrte Wahrnehmung zur weiteren Eskalation beitragen. Wer kennt dieses Hochschaukeln nicht? Die Erkenntnisse, die der Leser aus dem vorliegenden Buch gewinnt, können soweit trainiert in die Automatismen übergehen und dazu beitragen, Projekte erfolgreicher durchzuführen. Tipps und Denkanstöße für den Projekterfolg erhält der Leser allemal.

Autor(en) Peter Siwon
Titel Die menschliche Seite des Projekterfolgs
Untertitel Was Softwerker über (verborgene) Denkautomatismen und -modelle bei der Projektarbeit wissen müssen
Seiten 237
Preis 19,90 Euro
Verlag Dpunkt
Jahr 2011
ISBN 978-3-89864-716-8


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Agiles Coaching wendet sich an all diejenigen, die im agilen Umfeld als Trainer tätig werden. Dabei darf man den Begriff des Trainers aber nicht zu eng fassen. Gemeint sind nicht nur Personen, die als Trainer in die Unternehmen gehen, sondern auch all diejenigen, die entsprechende Verantwortung tragen, wie Teamleiter oder Projektmanager. Aber auch für jeden anderen Projektmitarbeiter liefert das Buch interessante Anregungen. Dabei stellt sich für die Autoren die Frage, was eigentlich agiles Coaching ist, nicht. Vielmehr sehen sie Methoden wie Lean und insbesondere Scrum als gegeben an und richten ihre Trainingsempfehlungen oft danach aus. So zeigen sie beispielsweise auf, wie der Coach das tägliche Stand-up-Meeting einführen und begleiten kann. Das tägliche Meeting und nicht ein tägliches Meeting. Es wird also nicht hinterfragt, warum es stattfindet und der Coach das begleiten sollte. Und es wird auch kein alternatives Vorgehen gezeigt. Diese Einschränkung auf die benannten Methoden ist schade, wird die agile Entwicklung doch durch vier Wertepaare und zwölf Prinzipien bestimmt, die auch anders gelebt werden können. So bleibt es dem Leser selbst überlassen, die gezeigten Trainingsverfahren auf Bereiche jenseits von Scrum und Lean zu übertragen. Andererseits sind die Empfehlungen teilweise so allgemein gehalten, dass eine solche Übertragung gelingen sollte.

Das Buch ist neben Vorwort, Danksagung und Einleitung in vier große Teile mit 14 Kapiteln eingeteilt. Dabei handelt es sich um „Coaching-Grundlagen“, das „Planen im Team“, „Für Qualität sorgen“ und „Auf Feedback achten“ An diesen Teilen ist ein Bogen, den das Buch umspannt, zu erkennen. Die einzelnen Kapitel beginnen mit einem Leitsatz, besprechen die jeweiligen Themen und wie hier der Leser als Coach vorgehen sollte, zeigen mögliche Hindernisse auf und enden mit einer „Checkliste“ genannten Zusammenfassung. Das Ganze ist mit diversen Zeichnungen, Texteinschüben und Erzählungen aus dem „Nähkästchen“ gespickt, die den Lesefluss aber nicht wirklich unterbrechen. So ergibt sich insgesamt ein locker zu lesendes Buch mit vielen interessanten Anregungen.

Ein guter Coach prüft die Aussagen der von ihm betreuten Personen, so empfehlen die Autorinnen beispielsweise, Aussagen von Projektmitarbeitern wie „Nicola hat mein Design ignoriert“, mental so zu übersetzen, dass der Mitarbeiter der Meinung sei, ein anderer habe sein Design ignoriert. In dieser Situation besteht möglicherweise ein Klärungsbedarf und der Coach muss sich der Sache umsichtig annehmen. Mit Siwons Buch im Kopf, der erklärt, wie die Denkautomatismen ablaufen bzw. die Eigenwahrnehmung verzerrt ist, wird nun schnell klar, warum die Autorinnen das Vorgehen in einer bestimmten Art empfehlen. Und so ist das Trainingsbuch noch interessanter zu lesen.

Autor(en) Rachel Davies und Liz Sedley
Titel Agiles Coaching
Untertitel Praxis-Handbuch für SrumMaster und Projektmanager in der agilen Software-Entwicklung
Seiten 303
Preis 29,95 Euro
Verlag mitp
Jahr 2010
ISBN 978-3-8266-9046-4
Geschrieben von
Hartmut Schlosser
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