Die Vorteile von Storytelling in (agilen) Projekten

Agile Abenteuer wagen: Was uns die Geschichte lehrt

Holger Koschek

„Storytelling“ – haben Sie den Begriff in Ihrem Projekt auch schon mal gehört? Was soll das bedeuten? Wörtlich übersetzt: Geschichtenerzählen. Aber was hat das mit Projektmanagement zu tun? Zunächst einmal nichts. Jedenfalls nichts, was spezifisch für Projekte wäre. Es ist vielmehr so, dass man die Kraft von Geschichten, die diese in anderen Lebensbereichen seit jeher entfalten, jetzt auch für die Geschäftswelt zu nutzen gelernt hat.

Um zu verstehen, warum sich Projekte mithilfe von Geschichten besser durchführen lassen, müssen Sie erst einmal erfahren, worin die Faszination und Kraft liegt, die den Geschichten innewohnt. Begeben wir uns auf eine Reise in die Vergangenheit. Der Begriff „Geschichte“ (im Sinne von „Historie“) bedeutet schließlich, Vergangenes zu betrachten. Wenn man das tut (im Nachhinein und vielleicht mit ein wenig zeitlichem und gedanklichem Abstand), dann kann man aus dem Vergangenen so manches Mal seine Schlüsse für die Zukunft ziehen.

Das gelingt umso besser, wenn man das Geschehene mit anderen historischen Ereignissen vergleicht. Beispielsweise die wirtschaftliche und politische Entwicklung verschiedener Staaten. Aber auch ein Projekt – und damit sind wir wieder beim Thema – kann man am Ende noch einmal gemeinsam Revue passieren lassen, um daraus für nachfolgende Projekte zu lernen. Ein solcher Rückblick wird meist „Lessons Learned“ oder „Retrospektive“ genannt. In agilen Projekten findet er nicht nur am Projektende statt (denn dann ist es für das abgeschlossene Projekt bereits zu spät), sondern wiederholt im Verlauf des Projekts.

Egal wie wir diesen Rückblick nennen und welche konkrete Methode wir verwenden: Um das Projekt vor unserem geistigen Auge wieder auferstehen zu lassen, erzählen wir Geschichten. Kleine Anekdoten und typische Situationen aus dem Projekt. Wichtige Ereignisse und persönliche Erfahrungen (gute wie schlechte): Wegweisende Entscheidungen, personelle Veränderungen, äußere Einflüsse. Es gibt so viel über ein Projekt zu erzählen – und mindestens genauso viel daraus zu lernen. Aber geht das nicht auch wissenschaftlicher? Wie wäre es mit einer strukturierten Analyse des Projekts anhand der Projektergebnisse und Besprechungsprotokolle (in den seltensten Fällen vorhanden; meist gibt es nicht einmal eine Agenda), dem Erfüllungsgrad der ursprünglich formulierten Anforderungen (wo war noch gleich das Pflichtenheft?) und anderen harten Fakten. Die ergeben leider kein vollständiges Bild. Na gut, dann laden wir ausgewählte Projektteilnehmer zu strukturierten Interviews ein – und schon sind wir wieder bei den Geschichten. Sie lassen uns einfach nicht los. Aber warum ist das so?

Die Geschichte im Kopf deuten

Denken wir an unsere eigene Kindheit, dann werden sich die meisten mit Freude daran erinnern, wie schön es gewesen ist, wenn einem eine Geschichte erzählt oder vorgelesen wurde. Man konnte sich zurücklehnen und zuhören, konnte sich voll und ganz auf das gesprochene Wort konzentrieren, anstatt selbst lesen oder sprechen zu müssen. Mit der Zeit entfaltete die Geschichte im Kopf ihre Wirkung und es entstanden Bilder, die uns lange über die Geschichte hinaus beschäftigten. Im Vergleich zum Film, der uns die Bilder vorgibt, regen Geschichten die Fantasie deutlich intensiver an. Kein Wunder also, dass die Gutenachtgeschichte ein Dauerbrenner unter den Familienritualen ist, denn sie liefert den Stoff für gute Träume.

Diese positive Erfahrung wird bei uns schon in frühester Kindheit verankert – und geht dann irgendwann, spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben, verloren. Schade eigentlich, denn ich glaube, dass die meisten Projekte viel mehr Fantasie vertragen können. Aber wo sind die Geschichten unserer Kindheit geblieben? Im Beruf, so hat es den Anschein, sind sie verpönt. Die Konflikte, die entstehen können, wenn im Projekt unvermittelt Geschichten erzählt werden, haben Henning Wolf und ich in [1] szenisch beschrieben. Dort sind die Mitglieder eines Projektteams zunächst skeptisch, als sie ein Märchen erzählt bekommen. Nach kurzem Nachdenken erkennen sie jedoch erste Parallelen zum Projekt. Am Ende stellen sie fest, dass sie den Umgang mit Geschichten nicht grundsätzlich ablehnen, sondern einfach nur verlernt haben. Der Lernprozess endet jedoch nicht mit der Akzeptanz des Geschichtenerzählens im geschäftlichen Umfeld. Vielmehr müssen wir wieder lernen, die Bildebene einer Geschichte zu erkennen. Ihr wahrer Wert ist zwischen den Zeilen zu finden – oftmals gut verborgen hinter der vordergründigen Handlung.

Fabeln arbeiten mit diesem Stilmittel. Deren Moral ist nicht explizit beschrieben, sondern muss aus der Erzählung gedeutet werden. Analog dazu bleiben viele Anekdoten aus Projekten inhaltlich scheinbar an der Oberfläche. Wer solche Geschichten zu deuten weiß, der entdeckt darin oft eine verborgene Moral oder Kritik, die der Erzähler so offen nicht formulieren wollte oder konnte. Die Fabel schützt den Überbringer unangenehmer Wahrheiten – auch das ist ein Vorteil, der in vielen Projekten genutzt werden kann. Wer möchte schon gerne den Ruf genießen, das Projekt schlechtgeredet und damit ins Wanken gebracht zu haben? Agile Projekte haben da eine andere Auffassung. Sie lautet: Je früher die Wahrheit ans Licht kommt, desto besser. Deshalb ist die Fabel für einen waschechten Agilen zu wenig transparent. Aber es gibt glücklicherweise noch andere Erzählformen. Und es gibt sogar Bücher, die das Sprachmittel der Erzählung nutzen, um fachliche Inhalte zu vermitteln.

Geschrieben von
Holger Koschek
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