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Wie ist das heute? Wie gut stehen die Chancen für die deutsche Softwareindustrie bei der nächsten Welle vorne mit dabei zu sein?

Scheer: Ideen zu haben ist eine Sache. Diese dann erfolgreich international umzusetzen ist eine andere. Ich glaube, dass wir bei dem Erstgenannten durchaus vorne mithalten können. Wir haben kreative junge Leute. Auf der CeBIT habe ich in verschiedenen Jurorenkreisen mitgearbeitet, in denen wir Innovationspreise verliehen haben. Es war wirklich beeindruckend, was von den Universitäten und den Forschungsinstituten kommt. Auch in puncto Auftreten konnten die jungen Leute überzeugen. Sie hatten Biss, bereits professionelles Verhalten und auch Kontakte – das war zu meiner Zeit noch anders. Da waren die Universitäten doch noch sehr reserviert gegenüber industriellen Kontakten. Hier hat sich eine Menge geändert. Was wir aber nicht haben, sind große Player, die diese Ideen hinterher international durchsetzen können.

So eine schnelle Entwicklung wie sie zum Beispiel Google geglückt ist, wäre in Deutschland nur sehr schwer durchzuführen. Google sitzt eben im Zentrum des Silicon Valley. Im Umkreis von 50 Kilometern sind sie alle: die Eliteuniversitäten, die großen Computerhersteller, Softwarehäuser und Venture Capital. Dort findet man sehr schnell Partnerschaften und kann sich vernetzen. Durch die Sogwirkung der Großen können dort auch Kleine sehr schnell nach vorne kommen. Die jungen Unternehmen finden Erfahrungen der Big Player vor, wie man sich internationalisiert – und machen es nach. Das gibt es so in Deutschland nicht. Es ist beispielsweise sehr schwer, bei uns einen Vorstand zu besetzen. Und zwar aus dem Grund, weil es kaum erfolgreiche deutsche Unternehmen gibt, die im IT-Bereich internationale Erfahrungen haben. Die Unternehmen, die hier Tochtergesellschaften der Amerikaner sind, haben eher eine lokale Bedeutung. Das Management ist zwar hin und wieder im Ausland, zeichnet aber nicht dafür verantwortlich, eine Internationalisierung von Beginn an voranzutreiben. Insofern fehlt uns der Humus, um neue Ideen wachsen zu lassen. Wir haben den Anschluss verpasst.

Gibt es eine Chance, das in absehbarer Zeit zu verbessern?

Scheer: Ich habe schon seit Jahren Vorschläge gemacht, nicht erst seit ich BITKOM-Präsident bin. Man müsste vor allem das Wachstum betonen. Unternehmen zu gründen ist gut, wenn sie dann aber in der Konkursstatistik landen, bringt das auch nicht viel. Wir müssen sehen, wie wir Unternehmen aus einem Wissenshintergrund, aus der Forschung, in eine professionelle Umgebung bringen, sodass sie dann aggressiv international erfolgreich werden. Ich habe dazu schon oft Vorschläge gemacht, aber langsam mache ich die auch nicht mehr, weil man anfängt, sich fast schon darüber lustig zu machen. Meine Idee ist, 100 Unternehmen in kurzer Zeit auf 100 Millionen Euro Umsatz zu bringen – das Konzept habe ich deshalb „100 mal 100“ genannt. So bekommen wir eine Zielvorstellung von dem, was wir eigentlich erreichen wollen. Unternehmen mit etwa 20 Leuten werden den Weltmarkt nicht verändern. Bei 100 Millionen Euro Umsatz haben sie etwa 500 bis 600 Mitarbeiter – damit sind sie schon in der Lage, sich erfolgreich zu internationalisieren. Aber das wird nur zäh verstanden und auch nicht richtig umgesetzt.

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