Wolfgang Pleus im Interview

„Microservices und Sustainable Service Design ergänzen sich gut.“

Redaktion JAXenter
Wolfgang Pleus

Sustainability und Software – ein Widerspruch? Ganz und gar nicht, findet Wolfgang Pleus. In der neuen Augabe des Java Magazins macht sich unser Autor, seines Zeichens Technologieberater mit Fokus auf modernen Softwarearchitketuren, für nachhaltiges Denken in der IT stark. Kleine Startups mögen sich Kurzsichtigkeit und Wegwerfmentalität leisten können, aber mittelständische und große Unternehmen sind auf langlebige Services angewiesen. Wie also lässt sich die Innovationsfreude der Softwareentwicklung mit den langfristigen Unternehmenszielen in Einklang bringen? Im Interview erklärt Pleus, worauf es beim „Sustainable Service Design“ ankommt. 

Java Magazin: Wenn ich ökologisch nachhaltig handle, habe ich in erster Linie begrenzte Rohstoffe und kommende Generationen vor Augen. Für wen oder was sollte sich ein Softwarearchitekt verantwortlich fühlen, um ein möglichst nachhaltiges System zu entwerfen?

Wolfgang Pleus: Für den Erfolg des Unternehmens, für das er oder sie arbeitet. Oder, individueller gedacht, für den Erfolg des Produkts, an dem er arbeitet. Heute und morgen.

JM: Nachhaltigkeit ist längst zum Mode- und Marketingbegriff avanciert. Wieso sollte Sustainability Ihrer Meinung nach auch ein Qualitätsmerkmal von IT-Systemen sein?

Pleus: Stellen Sie sich vor, Sie sind Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens. Eines Tages gehen Sie zu Ihren Entwicklungsteams, beschreiben eine neue Produktidee und fragen nach dem Aufwand für die Realisierung.
Antwort Team A: Das ist sehr aufwändig. Im Prinzip müssen wird das Meiste neu bauen, da es sehr konkret auf spezielle Technologien und Fachlichkeit zugeschnitten ist.
Antwort Team B: Das geht relativ schnell, da unsere Services so konzipiert sind, dass sie sich leicht in neue technische und fachliche Kontexte integrieren lassen.
Welche Antwort gefällt Ihnen besser? Zugegeben, dass ist etwas plakativ, aber im Prinzip geht es darum. Nachhaltiges Design dient der Wettbewerbsfähigkeit und auch dem Investitionsschutz.

Wolfgang PleusWolfgang Pleus arbeitet als freier Technologieberater, Autor und Trainer im Bereich moderner Softwarearchitekturen. Seit zwanzig Jahren unterstützt er internationale Unternehmen bei der Realisierung komplexer Geschäftslösungen auf der Basis von Java EE und .NET. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen SOA, BPM und Agile.

JM: Aber war es nicht ohnehin schon immer im Interesse von Unternehmen, möglichst langlebige Services zu entwickeln?

Pleus: Fragt man das Management eines Unternehmens, würde man bestimmt sofort Zustimmung erhalten. Schließlich ist Nachhaltigkeit modern und wird in vielen Bereichen als wichtiges Handlungsprinzip angesehen. Der Wunsch nach Investitionsschutz durch Wiederverwendbarkeit ist als Ideal sicher immer da. Im Projektalltag geht es aber oft auch darum, in möglichst kurzer Zeit ein brauchbares Ergebnis zu produzieren. Das ist nachvollziehbar und auch wichtig. Allerdings erzeugt Software, die nicht evolvierbar ist, mittelfristig sehr wahrscheinlich hohe Folgekosten und kann sogar den Unternehmenserfolg behindern.
Wenn eine Entwicklungsabteilung im Sinne einer Business-IT den Anspruch hat, die Unternehmensziele so gut wie möglich zu unterstützen, stellt sich die Herausforderung, Software sowohl schnell als auch nachhaltig zu entwickeln. In der Praxis gelingt das aber oft nicht. Daher stellt sich die Frage: Welche Prinzipien können wir im Softwaredesign anwenden, um die Nachhaltigkeit zu verbessern?

JM: Welche beruflichen Erfahrungen haben Sie persönlich für das Thema sensibilisiert?

Pleus: Im Jahr 2000 habe ich ein Start-up gegründet und viele Jahre dort mitgearbeitet. Dort wurde ich sensibilisiert für Belange wie Langlebigkeit, Flexibilität und Wirtschaftlichkeit von Softwaresystemen. Zudem begleite ich seit mehr als zwanzig Jahren IT-Projekte in großen und mittleren Unternehmen. Dort sind Entwicklung und Management meist weiter voneinander entfernt und so die Ziele nicht unbedingt im Fokus des jeweils anderen. Techniker haben meist einen sehr klaren, aber oft auch etwas eingeschränkten Blick auf konkrete Technologien oder Frameworks. Technik steht im Mittelpunkt, und enge technische Kopplung wird wenig reflektiert. Mich hat immer die Frage interessiert, wie sich Software bauen lässt, die neben dem konkreten Nutzen auch eher weitergehende Anforderungen von Unternehmen erfüllt.

Lange habe ich mich mit SOA beschäftigt und tue es heute noch. Allerdings im Moment eher auf der Ebene konkreter Entwicklung und weniger strategisch oder in Bezug auf Infrastrukturen. Ich denke, das Thema ist immer noch sehr wichtig, da es im Kern um Struktur und Wiederverwendung geht. Mit den Jahren ist SSD aus der Praxis entstanden und hat sich in vielen Projekten bewährt.

JM: Ist es in einem schnelllebigen IT-Umfeld überhaupt möglich, nachhaltig zu planen und zu entwickeln? Schließlich weiß ich ja heute noch nicht, wie sich die Anforderungen meiner Kunden im Laufe der Jahre und Jahrzehnte ändern – und welche revolutionären technologischen Neuerungen dann zur Verfügung stehen.

Pleus: Wir können natürlich nicht in die Zukunft schauen. Wenn sich unsere technische Basis vollständig ändert, wird es sicher schwer mit nachhaltiger Entwicklung. Allerdings halte ich es für unwahrscheinlich, dass sich in kurzer Zeit alles grundlegend ändert. Neues ist fast immer eine Weiterentwicklung von Bestehendem. Das gilt für Technologien und auch Geschäftsmodelle. Durch eine Fokussierung auf stabile Technologien und universelle fachliche Konzepte können wir schon viel erreichen. Außerdem gibt es ja nicht die Software. Manche Bereiche sind sicher hochdynamisch, aber viele sind auch sehr stabil. Denken wir nur an Banken oder Versicherungen, die Produkte mit sehr hoher Lebensdauer anbieten.

JM: Inwiefern können Open-Source-Technologien zu mehr Nachhaltigkeit beitragen?

Pleus: Verlässlichkeit ist wichtig. Wenn ich auf eine Technologie setze, die es wahrscheinlich in zehn Jahren noch geben wird, ist das nachhaltiger, als wenn ich mich für eine kurzlebige Hypetechnologie entscheide. Wichtiger als Open Source sind aber offene Industriestandards, da diese auch technologieübergreifend wirken. Beispielsweise ist XML Schema standardisiert vom W3C und weist eine langfristige Stabilität auf. Ich kann es in JEE und .NET gleichermaßen verwenden. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Standard verschwindet, ist sehr gering. Open-Source-Produkte implementieren Standards oft sehr gut. Daher sind sie meist die erste Wahl bei einer Technologieentscheidung. Pauschalisieren lässt sich das aber nicht.

JM: Wie helfen Microservice-Architekturen der Langlebigkeit von Systemen auf die Sprünge?

Pleus: Design- und Architekturstile wie Microservices oder Sustainable Service Design verfolgen ähnliche Ziele und haben ihre Wurzeln in der serviceorientierten Architektur. Ein Merkmal von Microservices ist, dass jeder Service über einen eigenen Prozess isoliert ist und dabei seinen eigenen Technologiestack mitbringen kann. Die Kommunikation erfolgt primär über REST-Schnittstellen. Dabei geht es im Wesentlichen um äußere Entkopplung. Das ist eine gute Sache.

Sustainable Service Design strebt nach maximaler fachlicher und technischer Wiederverwendbarkeit der Serviceimplementierung. Kommunikationsprotokolle werden bei Bedarf bereitgestellt. Erreicht wird das durch von der Serviceimplementierung getrennte Kontrakte und Bindungen. So entsteht neben äußerer Entkopplung auch eine innere Entkopplung von spezifischen Technologien. Zudem kann ein Service im Prinzip entgegengesetzte Anforderungen wie Integrierbarkeit, Performance und Transaktionalität erfüllen. Ich denke, dass sich Microservices und SSD gut ergänzen. Aber letztlich gibt es keine Silver-Bullet, die für alle Kontexte ideal ist. Je nach Szenario muss der passende Architekturstil individuell gewählt werden. Ein gut gefüllter Werkzeugkasten kann da nicht schaden.

Dieses Interview und den zugehörigen Leitartikel lesen Sie auch in der Ausgabe 2.2015 des Java Magazins, die ab 7.1. am Kiosk erhältlich ist.

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