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Interview mit Jürgen Hase, M2M-Chef der Deutschen Telekom

Wir werden es nicht als M2M erleben, sondern einfach nutzen

Jürgen Hase ist seit zwanzig Jahren in der Telekommunikationsindustrie und im M2M-Sektor tätig. 2011 kam er zur Deutschen Telekom, wo er das M2M-Kompetenzzentrum leitet und für das internationale M2M-Geschäft zuständig ist. Wir sprachen mit ihm über die neue M2M Developer Community des Entwicklerportals Developer Garden und die Chancen des Internet-der-Dinge.

Eclipse Magazin: Kürzlich hat die Telekom ihr Entwicklerportal Developer Garden um eine M2M Developer Community erweitert – mit welchem Ziel?

Jürgen Hase: Dazu muss man natürlich das M2M-Geschäft als solches verstehen. M2M bedeutete bis dato immer, dass wir auf der reinen Connectivity-Ebene angefragt wurden, also bei der Realisierung einer Lösung. Um dem Markt eine optimale Lösung anbieten zu können, ist es aber wichtig, schon sehr früh mit den entscheidenden Leuten in Kontakt zu treten. Aus diesem Grund haben wir beschlossen, diese Developer-Umgebung aufzumachen, um dort mit den Entwicklern zusammen genau diese Dinge sehr frühzeitig zu kreieren und zu implementieren.

EM: In einem Interview vom 30.05.2012 berichten Sie von einer strategischen Neuausrichtung der Telekom, weg vom klassischen Telco-Unternehmen hin zu einem Lösungsanbieter im IT- und Kommunikationsmarkt. Was bedeutet das nun mit Blick auf den M2M-Bereich?

Hase: Der klassische Bereich der Telekom ist ja die Connectivity, das heißt man kann bei uns Tarife, Connectivity, buchen. Im M2M-Geschäft sagt Ihnen dann der Kunde: Ich will nicht nur eine Connectivity von der Telekom, ein Hardwaremodul von einem Partner X, eine Systemintegration von einem Partner Y und Consulting von einem Partner Z. Das Ganze möchten die Kunden zunehmend als einen One-Stop-Shop – das klingt zwar salopp, aber so ist es am Ende – um mit einem Stopp sämtliche Lösungen zu bekommen. Das ist der Weg, den wir gehen. Wir bieten mehr als Connectivity an: komplette M2M Solutions mit dem Geschäftspartner. Sie wissen ja, wir haben mit der T-Systems einen starken IT-Partner im Haus, und so eine M2M-Lösung besteht vielleicht zu 15 bis 20 Prozent aus Connectivity, und 80 bis 85 Prozent sind eine IT-Solution dazu.

EM: Welche Ressourcen bietet dieses neue M2M-Portal Entwicklern von M2M-Lösungen konkret?

Hase: Es gibt verschiedene Sachen, die wir dort anbieten: Das eine ist eine Guideline, an der sich Entwickler bei ihrer Arbeit entlang hangeln können. Es gibt auch ein Toolkit, worüber sie auch Hardware beziehen können, sowie ein Entwickler-Toolkit, worauf sie entwickeln können. Dann gibt es die offene Schnittstelle, das API, das sie nutzen können, um ihre eigene Applikation zu entwickeln. Und natürlich eine entsprechende Community, wo Entwickler mit Entwicklern in Kontakt treten.

Jürgen Hase, Deutsche Telekom

EM: Was sind die nächsten Schritte in Richtung eigene IDE?

Hase: Das M2M-Geschäft besteht ja aus verschiedenen Layern, an die Sie über offene Schnittstellen als Entwickler andocken können. Wir fangen im Prinzip mit dem untersten Layer an, mit dem Connectivity-Layer, auf dem wir das API anbieten, und gehen dann hoch auf die verschiedenen anderen Layer. Langfristig wird es so sein, dass die Entwickler, wenn sie Dinge selbst entwickelt haben und am Markt anbieten möchten, diese wiederum über die Developer-Community bzw. über unseren Market Place vermarkten können. Nicht nur können sie an Informationen gelangen, sondern sie können auch ihre selbst entwickelte Lösung über diese Plattform am Markt verkaufen.

EM: Sie bieten also auch entsprechenden Support dafür an?

Hase: Ja, natürlich, mit allem, was dazugehört. Da muss ein Entwickler mit einem Entwickler sprechen. Es macht keinen Sinn, wenn ein reiner Vertriebsmann mit einem Entwickler spricht. Das wird nicht funktionieren.

EM: Gibt es denn eine Vorauswahl, wer dabei sein darf, welche Produkte angeboten werden? Oder lassen Sie mehr oder weniger alles frei laufen?

Hase: Deswegen haben wir ja zum Beispiel diese Guidelines aufgebaut, um einen gewissen Frame vorzugeben.

Man muss im Übrigen ein bisschen aufpassen: Wenn ich in M2M-Sektor über „Entwickler“ spreche, rede ich eigentlich nicht über den Desktopentwickler, sondern über den Prozessorentwickler, der direkt auf Assembler-Code programmiert. Das ist natürlich eine andere Art von Entwickler, die ich richtig adressieren muss.

EM: M2M ist unbestritten ein Wachstumsmarkt. Allerdings gibt es noch zahlreiche Markthemmnisse zu bewältigen. Wo sehen Sie diesbezüglich die größten Herausforderungen?

Hase: Man hört ja immer das Wort „Standardisierung“. Fehlende Standardisierung. Aber das erübrigt sich zunehmend, weil sich immer mehr De-facto-Standards auf den verschiedenen Layern bilden, z. B. auf den Modul-Layern – jedes Modul hat eine eigene Spezifikation. So auch auf dem Connectivity-Layer: Das API, das wir hier anbieten, hat gewisse Unique Selling Points. Aber gewisse Dinge sind auch genauso aufgebaut wie eine Connectivity-Plattform des einen oder anderen Marktbegleiters.

Ein wesentliches Hemmnis – ich würde es nicht Hemmnis nennen, sondern eine wesentliche Herausforderung – ist sicherlich die: Wenn wir über das Internet der Dinge reden und über die zu erwartenden fünfzig Milliarden vernetzten Geräte (im Jahr 2020, Anm. d. Red.) – diese Zahl wird ja immer gern genannt – dann muss die Endgeräteseite bzw. das Modul, das dort eingebaut ist, gnadenlos günstig werden. Kleiner, günstiger, mit sehr geringem Energieverbrauch. Das wird sicherlich eine der größten Herausforderungen, denen man sich in den nächsten zwei, drei Jahren stellen muss. Weniger die Netztechnik, da sind wir heute schon exzellent aufgestellt – wir haben mit dem Mobilfunk ja ein weltweit standardisiertes Netz. Die Herausforderungen liegen eher auf der Hardware- bzw. Modulseite. Aber das sind alles überwindbare Schwellen. Nichts, was man nicht hinbekommen würde.

EM: Sie sprachen gerade von Standards: Mit dem Internet der Dinge wächst auch der Bedarf nach Interoperabilität, offenen Plattformen und Tools im M2M-Bereich. In der Eclipse-Community hat sich seit der Gründung der M2M Industry Working Group im vergangenen Jahr einiges bewegt. Auch die M2M Alliance verfolgt das Ziel, einheitliche Strukturen aufzubauen. Wie aber soll dieses Ziel erreicht werden?

Hase: Eine Möglichkeit wäre es ja, für jeden vertikalen Markt eine stringente Lösung von der Connectivity bis zum Device zu erarbeiten, alles ohne Zwischenschritte. Aber wir bedienen vertikale Märkte im Prinzip mit drei, vier Layern. Und diese Layer sind völlig unabhängig vom einzelnen vertikalen Markt und haben eine offene Schnittstelle. Wenn man die nicht hätte und pro Segment nur eine singuläre Lösung bauen würde, wäre alles extrem fragmentiert. Durch die horizontalen Layer, möglichst nah am vertikalen Markt, baut man aber eine offene Plattform. Wir sind ein absoluter Freund davon. Wir werden schließlich keine Lösung für Vending-Maschinen bauen können oder für Kaffeeautomaten. Da gibt es Partner dazwischen, die das machen können. Andererseits kann man 90 Prozent einer Kopiermaschinenlösung genauso für Monitore oder für Solarpanels verwenden.

EM: Viele Ihrer Kunden haben sicher sehr spezifische Anforderungen, die Sie auch individuell bedienen können wollen, oder?

Hase: Ja, aber das ist wirklich erst auf den letzten Metern zum Kunden, wie ich immer sage. Erst einmal ist da der Connectivity Layer. Dann kommt ein Middleware Layer. Dann nähert man sich den vertikalen Märkten, und da gebe ich Ihnen vollkommen Recht: Da ist eine Automobilindustrie anders als ein Hersteller von Getränkeautomaten. Aber das betrifft sozusagen erst die letzte Meile.

EM: Die M2M Alliance ist der größte Verband im M2M-Sektor. Die Allianz versteht sich als „Plattform und Sprachrohr“ für M2M-Anbieter und -Anwender. Wie ist sie intern organisiert, wie funktioniert der Austausch?

Hase: Es gibt einen Vorstand mit vier Mitgliedern, ich selbst bin eines davon. Eine herausragende Veranstaltung ist immer der M2M Summit. Das ist immer der Branchentreff, wo sich 400 bis 500 Leute versammeln. Innerhalb dieser Tagesveranstaltung wird versucht, den Markt und dessen Entwicklungen darzustellen. Das ist im Wesentlichen der Austausch. Daneben gibt es Journale, Newsletter und unterschiedliche andere Veranstaltungen.

EM: Wird dann auch an gemeinsamen technischen Lösungen gearbeitet oder ist es eher so, dass jeder mehr oder weniger sein eigenes Ding macht und man sich eben nebenher ein bisschen austauscht?

Hase: Dass Entwickler dort den Lötkolben schwingen oder gemeinsam programmieren, sehe ich noch nicht. Aber das wird sicher zunehmend kommen. Bisher sehen wir das eher in unserem Developer Garden. Auf dem Summit trifft die Branche eher auf den Kunden. Wie gesagt, so eine M2M-Lösung bedarf vieler Marktteilnehmer, um realisiert zu werden, und die alle, plus die Kunden, trifft man eben genau dort. Da geht es nicht unbedingt auf Programmiercodeebene. Man wird dort eher Visitenkarten austauschen oder sagen: „Lass uns danach noch zusammensitzen und die Dinge im Detail ausdiskutieren.“

EM: Was sind aus Ihrer Sicht einige Programmhighlights und -schwerpunkte des diesjährigen Summits (Anfang September 2012)?

Hase: Zunächst wird es vor allem darum gehen, die Marktzahlen darzustellen: Wie sieht es für Deutschland – ich fokussiere jetzt ganz bewusst auf Deutschland – im internationalen Vergleich aus? Da stehen wir sehr gut da. Aber das M2M-Geschäft ist ja kein lokales Geschäft, sondern ein globales. Wir haben dieses Jahr die Niederlande als Partnerland, um die zunehmende Internationalisierung dieses Themas darzustellen. Letztes Jahr war die kanadische Delegation da. Aus Kundensicht wird es immer mehr zu einem Solution-Bereich. Den Kunden interessiert eigentlich weniger, welche Partner er zur Realisierung einer Lösung braucht, sondern er fragt: Bei wem bekomme ich alles aus einer Hand? Punkt. Da geht die Reise hin, das merken wir.

Dann interessiert aber auch die Technologieseite, die Modulseite, und was es dort Neues gibt, z. B. die Tendenz, dass die Module immer kleiner werden.

EM: Verschiedene Infomaterialien der Telekom erklären anschaulich und lebensnah die Bedeutung von kommunizierenden Maschinen. Ist potenziellen M2M-Nutzern – im Gesundheitswesen, im Energiesektor, im Handel, im Bereich Sicherheit – das Potenzial von M2M bewusst oder bewusst genug, was ist Ihr Eindruck?

Hase: Da lohnt ein Blick auf die Zeitleiste: Heute ist M2M ja eher B-to-B-getrieben. Da gibt es viele kleine und mittlere Unternehmen, die den Return-on-Invest sofort erkannt haben und sehr schnell implementieren, auch in sehr hohen Stückzahlen. Jetzt kommt in Stufe zwei das Thema Automobilindustrie, wo der Massen-Roll-out in den nächsten Jahren kommt. Dann das ganze Thema Energie – Smart Meter, Smartgrid –, E-Health und natürlich der Consumer-nahe Bereich, das Internet der Dinge. All das wird in den nächsten Jahren kommen. Von daher glaube ich sehr wohl an diese fünfzig Milliarden verbundenen Geräte. Die werden kommen. Ob bis 2020 oder 2025, darüber kann man streiten. Aber es werden signifikant mehr sein, als wir an Mobiltelefonen am Markt haben.

EM: In welchem dieser Bereiche, die Sie genannt haben – Energie, Automobilindustrie, Gesundheit, Handel etc. – sehen Sie das größte Potenzial für M2M?

Hase: Es sind alles starke Bereiche. Von den großen drei, Automobilindustrie, Energie und E-Health, würde ich sagen, ist die Automobilindustrie ist am weitesten. Wir werden es an jedem Fahrzeug erleben. Das ist nicht nur der Emergency Call. Es werden auch viele Market-Dienste, Entertainment-Dienste ins Auto hinein kommen. Das wird jeder von uns in den nächsten Jahren erleben – nicht nur in der Premiumklasse, sondern auch in der unteren und Mittelklasse.

Daneben passieren viele Kleinigkeiten. Sie sehen es an vernetzten Kaffeeautomaten, vernetzten Vending-Automaten, am Kopierer bei Ihnen im Büro, an dem keiner mehr Zählerdaten ablesen muss, sondern alles remote läuft. Wir werden es nicht bewusst als „M2M“ erleben, sondern einfach nutzen. Genau dort wollen wir hin.

Ich bringe immer gern verrückte Beispiele: holländische Kühe. In Holland werden Tausende von Kühen vernetzt, um herauszufinden, wann sie a) trächtig sind und b) gebären. Das klingt lustig, aber für Bauern ist eine Kuh ein Wirtschaftsgut. Sie soll möglichst oft kalben. Um das sicherzustellen, misst man mit dem Tierarzt die Temperatur, um herauszufinden, wann eine Kuh trächtig ist. Der zweite Teil ist dann, den Zeitpunkt der Geburt zu bestimmen. Das weiß der Tierarzt dank eines Sensors. Ich könnte Hunderte solcher Beispiele nennen, bei denen kein Mensch vermuten würde, dass man dabei M2M braucht.

EM: Es liegen bereits einige Meilensteine hinter der Telekom. Sie haben ein M2M-Kompetenzzentrum gegründet, die Global M2M Association, das Partnerprogramm, den M2M-Marktplatz, die Developer Community – was sind die nächsten Schritte?

Hase: Einen Punkt haben Sie vergessen: Ideabird, den Ideenwettbewerb, den wir Ende Februar für sechs, sieben Wochen veranstaltet haben. Dabei haben wir über Social-Media-Kanäle den Markt dazu aufgefordert, Ideen zum Thema „Track and Trace“ einzubringen. Wir hatten Tausende von Besuchern in den sechs bis sieben Wochen. 620 Ideen kamen zusammen, über 20 Prozent davon aus Asien. Unglaublich, was in dem Bereich passiert! Solche Ideen werden wir mehr und mehr umsetzen und den Markt ganz bewusst fragen, welche Ideen er hat und was wir realisieren sollen – aber in einer sehr agilen Form. Das heißt, nicht drei Jahre zu planen und nach diesem Plan vorzugehen, sondern ganz neue, eben agile, Wege zu gehen. Und immer global – hier redet keiner mehr über ein lokales Geschäft!

EM: Vielen Dank für dieses Gespräch!

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Kommentare

von Ralph Mueller (Unveröffentlicht) am
Eigentlich schade, dass nun jedes Unternehmen seine 'Gated Community' aufbaut. Die Erfahrung zeigt, dass hierdurch die Implementierung gemeinsamer Komponenten deutlich verlangsamt oder sogar unmöglich gemacht wird. Wir hätten die Dt. Telekom gerne in unserer M2M Working Group begrüßt.

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