Zwischen Cowboy-Codern und Agile-Gurus: Willkommen zum "Dark Manifesto for Agile Software Development"

Hartmut Schlosser

Das Agile Manifest dürfte mittlerweile den meisten von Ihnen bekannt sein. Nun hat im Web eine zugespitzte Version des Manifests für einige Diskussionen gesorgt: Das „Dark Manifesto for Agile Software Development“.

Dabei werden die zentralen Wertepaare des originalen Manifests leicht abgeändert, und zum Vorschein kommt die „dunkle Seite des agilen Manifests“.

Hier zunächst der Originalwortlaut des 2001 von 17 Erstunterzeichnern, darunter Kent Beck, Martin Fowler und Robert C. Martin, verabschiedeten Dokuments:

We are uncovering better ways of developing software by doing it and helping others do it. Through this work we have come to value:

  1. Individuals and interactions over processes and tools
  2. Working software over comprehensive documentation
  3. Customer collaboration over contract negotiation
  4. Responding to change over following a plan

That is, while there is value in the items on the right, we value the items on the left more.

Vergleichen Sie nun die Fassung des Dark Manifestos:

Dark Manifesto for Agile Software Development

We are uncovering the only ways of developing
software by teaching others.
Through this work we have come to value:

  1. Individuals and interactions and not processes and tools
  2. Working software and not comprehensive documentation
  3. Customer collaboration and not contract negotiation
  4. Responding to change and not following a plan

That is, since there is no value in the items
on the right, we value only the items on the left.

Worum geht es aber nun den Machern Andrea Janes und Giancarlo Succi des Dark Manifests?

Anders, als der erste Eindruck vermitteln könnte, rufen sie nicht zu einer radikalisierten Form der Agilität auf. Vielmehr geht es ihnen darum, eine falsch verstandene „Agile-Gläubigkeit“ aufzudecken. Denn allzu häufig wollen Agile-Anhänger „besonders agil“ sein und verdrehen das agile Manifest hin zur dunklen Seite, bei der die rechte Seite der Wertepaare gar keine Bedeutung mehr hat. Eine solche Verabsolutierung der agilen Werte, wie sie im Dark Manifesto anzutreffen ist, führt zu falschen, aber durchaus häufig anzutreffenden Ideen und Praktiken:

  1. Mit Leuten zu kommunizieren, anstatt Prozesse zu verfolgen, gibt uns die Freiheit, zu tun und zu lassen, was wir wollen.
  2. Wir wollen unsere ganze Zeit fürs Coden aufwenden. Echte Programmierer schreiben keine Dokumentationen.
  3. Sich um Detail-Fragen zu kümmern, ist eine Ablenkung von unserer eigentlichen Arbeit des Kodierens. Die Details arbeiten wir dann aus, nachdem wir etwas ausgeliefert haben.
  4. Einen Plan zu verfolgen würde uns zwingen, über die Lösung eines Problems nachzudenken. Das würde uns aber vom Kodieren abhalten.

Agile wird so zur Legitimierung eines „planlosen Hackertums“ hergenommen – oder wie die Agilen selbst oft sagen: des „Cowboy Coders“.

Entzauberung der Agilität

Mit dem Denkanstoß durch das Dark Manifesto wollen Andrea Janes und Giancarlo Succi die ihrer Meinung nach ins Stocken geratene agile Methodik wiederbeleben. Denn Agile habe den Gartner Hype Cycle überschritten und stecke mitten in die Phase der Desillusionierung fest: Viele reagieren mittlerweile skeptisch gegenüber den agilen Methoden und sind nicht in der Lage, Nutzen daraus zu ziehen. Schuld daran sind die besagten Cowboy Coder – zum guten Teil aber auch das Phänomen der „Agile-Gurus“: Man glaubt an die Worte des Manifests einfach nur deshalb, weil sie von bekannten Persönlichkeiten stammen, ohne die unterliegenden Annahmen zu hinterfragen.

Genau dies sollte nun wieder geschehen, um Agile auf eine neue Stufe zu heben. Andrea Janes und Giancarlo Succi schlagen vor, falsifizierbares Wissen darüber zu sammeln, wann welche Praktik genutzt werden sollte, mit welchen Vor- und Nachteilen sie verbunden und wie genau sie anzuwenden sind.

Zu diesem Zweck haben die beiden eine Umfrage gestartet, die unter http://darkagilemanifesto.org/ zugänglich ist. Eine ausführliche Erklärung der Problematik geben sie in einem Positionspapier (PDF) ab.

Cowboy-Coder und Agile-Gurus – kennen Sie aus Ihrer Erfahrung auch die beschriebene „Dark Side of Agile Software Development“?

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Hartmut Schlosser
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